Krugenofen: Statt schneller wird‘s länger

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
10746242.jpg
Zu wenig Kunden, zu hohe Verluste: Reinhard Gerlt hat am Montag – nach 30 Jahren – seine Schnellreinigung am Krugenofen geschlossen. Die Langzeitbaustelle habe ihm das Genick gebrochen, sagt er. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Mit Tempo und termingerechter Fertigstellung kennt sich Reinhard Gerlt aus. Seit 30 Jahren sind in seiner Schnellreinigung am Krugenofen 27 Pünktlichkeit und Sauberkeit oberste Maximen. Maximal bis September, möglichst schon vor den Sommerferien, sollte die Langzeitbaustelle vor seiner Ladentüre verschwunden sein.

Das hatte die Stadt vor Monaten beteuert. Weil‘s jetzt sogar noch länger dauert, bis Bagger und Dreck weg und vergraulte Kunden wieder da sein können, packt Textilreiniger Gerlt alle Klamotten. Ab Dienstag ist das Geschäft dicht.

„Es ging nicht anders, wir konnten Verluste von bis zu 50 Prozent nicht mehr auffangen“, sagt er. Und zieht sich nach drei Jahrzehnten in Burtscheid mit seiner Frau ins Reinigungsgeschäft in Würselen zurück. „Die Baustelle hat uns das Genick gebrochen“, stellt er fest. 15 Ladenlokale verwaisen am Krugenofen.

Wütend, verärgert und enttäuscht sind verbliebene Geschäftsleute in der Nachbarschaft. Ursula Pott (Compass Reisen) erfüllt neben den Leerständen in ihrem Reisebüro seit 28 Jahren Urlaubwünsche: „Wir leiden, aber wir halten durch. Für mich ist aber nach all unseren Bemühungen in der Interessengemeinschaft Krugenofen völlig klar: In Wahrheit interessiert es bei der Stadt keinen, wenn wir auf der Strecke bleiben. Die tun nur so, als wollten sie helfen“, erklärt sie. Als „Krönung“ bezeichnet sie ein Schreiben der Stadt, in dem unter Strafandrohung verboten wurde, mit zusätzlichen Plakaten auf die existenzbedrohten Geschäfte am Krugenofen aufmerksam zu machen. „Schließlich sind wir hier seit April 2014 kaum zu erreichen“, erinnert Pott. Man habe keinerlei Unterstützung erfahren – im Gegenteil. Ganz abgesehen von der Einhaltung von Fristen und Versprechen...

Claudia Hoffmann und ihr Partner betreiben ein Schmuck- und Perlengeschäft – gerade mal einen Steinwurf entfernt. Apropos: „Unsere Schaufensterscheibe ist durch die Bauarbeiten gerissen. Wer dafür aufkommt, ist völlig unklar“, ärgert sie sich. Und bringt ihr Unverständnis auf den Punkt: „Während die Baufirma Backes hier wochenlang Ferien macht und wir weiter unter Dreck und Absperrungen leiden, reißen Bautrupps anderswo in Aachen Löcher auf.“

Das sei doch „grotesk“, kritisieren die Geschäftsinhaber. „Wir fühlen uns als Interessengemeinschaft Krugenofen regelrecht vorgeführt“, zieht Rewe-Markt-Chef Josef Stenten nach 17 Monaten eine vernichtende (Zwischen)-Bilanz. Da die Kundschaft ausblieb, musste Stenten mehrere Mitarbeiter entlassen. „Weil ich davon ausging, dass nun zumindest im September alles fertig würde, habe ich mein Personal wieder aufgestockt“, erzählt er. Doch jetzt gibt‘s die nächste Verzögerung.

„Wir haben mit unserer Interessengemeinschaft wirklich alles versucht, haben uns regelmäßig mit den Verantwortlichen bis hin zum Oberbürgermeister getroffen. Wir sind das positiv angegangen – und das alles so viele Monate lang mit ungeheurem Engagement trotz enormer finanzieller Verluste“, betont Stenten. Das Ergebnis: Statt der erhofften Beschleunigung der Straßenbaumaßnahme baggern, pflastern und asphaltieren die Bautrupps, die gleichzeitig an vielen Aachener Baustellen beteiligt sind, nun bis in den Herbst am Krugenofen.

Mindestens bis Mitte Oktober verlängere sich die Bauphase definitiv, räumen Stadt und Stawag am Montag auf Nachfrage der Aachener Zeitung ein. Die Gründe für die Verlängerung der Langzeitbaustelle seien vielfältig, heißt es. Schuld daran trage jedenfalls weder die Stawag noch die Stadt. Vielmehr seien während der Bauphase zusätzlich private Versorgungsanschlüsse am Krugenofen beantragt worden, auch auf dem Supermarktgelände – was zeitraubende Mehrarbeit ausgelöst habe.

Dann habe es Wasserrohrbrüche auf der Kasinostraße in Baustellennähe gegeben – und es sei irgendwann festgestellt worden, dass das Erdreich am Krugenofen nicht stabil genug für konventionellen Straßenunterbau sei. Weswegen man zeitaufwendig mehr Festigkeit für die neue Straße herstellen müsse. Axel Costard vom städtischen Presseamt und Stawag-Sprecherin Eva Wußing führen – unter anderem – auch das Wetter als Verzögerungsgrund an. Dabei war der vergangene Winter so mild und der Sommer im Westzipfel so trocken wie selten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

Costard gibt zu, die einseitige Verkehrsführung habe während der Baustellenzeit auf dem Krugenofen nicht die erhoffte Zeitersparnis gebracht. „Aber das ging eben nicht anders“, sagt er.

Textilreiniger Gerlt geht woanders hin. Selbst wenn der Asphaltierungstrupp und die Planierraupen zum finalen Arbeitsschritt Anfang Oktober auf dem Krugenofen anrollen, dürfte nicht nur ihm klar sein, dass hier längst nicht alles rund gelaufen ist.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert