Krimitage: Bogen zwischen Medizin, Menschlichkeit und Moral

Von: Nicole Kuckartz
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Aachen. „Das Theater, der Film, bilden immer auch ein Stück weit die Gesellschaft ab. Sie zeigen Ausschnitte einer inszenierten Wirklichkeit. Der Knast ist Realität, ein Spiegel der gesamten Gesellschaft“, zieht Joe Bausch, Schauspieler im Kölner Tatort und Gefängnisarzt in einer Werler Strafvollzugsanstalt, in seinem Buch „Knast“ die Verbindung seiner zwei Leben.

Im Luisenhospital Aachen las er im Rahmen der dritten Aachener Krimitage erstmalig in einem Krankenhaus aus seinem Buch „Knast“ vor.

Auf lebendige Art und Weise nahm er das Publikum mit auf seinen Weg und erzählte humorvoll und persönlich vom Knastalltag. Mit Erlebnissen, die ihn prägten, Erkenntnissen, die er gewonnen hat und Erklärungen, warum ihn sein Weg in die zwei Welten zwischen Dreh- und Knastalltag führte, leitete er das Publikum durch den kurzweiligen Abend. „Mir hat die Kombination mit der Schauspielerei geholfen, den Beruf des Gefängnisarztes so lange auszuhalten und dabei nicht zynisch zu werden. Dort, wo Realität und Fiktion aufeinandertreffen, kann es manchmal sehr grotesk werden“, machte der Schauspieler und Gefängnisarzt neugierig auf die ungewöhnliche Kombination dieser Berufe.

Er spannte den Bogen zwischen Medizin, Menschlichkeit und Moral und erzählte authentisch was es bedeutet, im Gefängnis als Arzt zu arbeiten. „Ich bin für die Häftlinge eine Vertrauensperson und unterstehe der Schweigepflicht. Wir reden nicht nur über die Erkrankung, wegen der sie in meine Sprechstunde gekommen sind. Wir reden über das Leben. Den Abgründen kommt man hierbei sehr nahe“, verdeutlichte der Gefängnisarzt die besondere Herausforderung des Berufes. Menschen, die des Mordes verurteilt wurden, Kinderschänder, Betrüger, Bankräuber und Diebe aus allen Teilen der Welt, aus allen Schichten, stoßen hier aufeinander. „Hier kommt es zu einem Frontalzusammenstoß von Welten, die in der Freiheit keinerlei Berührungspunkte hätten“, zeigte der Autor die Vielschichtigkeit des Mikrokosmos Gefängnis auf.

In seinem Buch beschreibt er nicht nur den Knastalltag, sondern geht auch auf Untiefen, Angst und das allgegenwärtige Misstrauen ein. Der alltägliche Umgang mit Straftätern rückt das Thema des Bösen in den Fokus. Die Frage, was das Böse ist, führte ihn zu einer wissenschaftlichen Untersuchung, in dem er die Gehirnstrukturen der Häftlinge untersuchte.

Ein Ergebnis: Opfer und Täter haben häufig die gleichen Gehirnstrukturen. Dieser Zusammenhang führt ihn an die Wurzeln zurück. Jeder Häftling hat seine Geschichte und die beginnt oft im Kindesalter. Genau dort setzt er an. Mit Aufklärung und einem Präventionsgedanken tritt er an Kindergärten und Schulen heran, redet über Verhaltensauffälligkeiten und versucht im Kleinen Großes zu verändern. „Wir machen uns so viele Gedanken um die richtige Zahnstellung, die richtige Schule und die richtigen Hobbies unsere Kinder. Doch das Zentrum, das Gehirn, vernachlässigen wir oft“, fasst der Vater einer Tochter zusammen.

Nicht mit dem Zeigefinger, aber auf eine sehr ernste Art, zeigt Joe Bausch den Lesern die Verantwortung für unsere Gesellschaft auf. Spontaner Zwischenapplaus zeigte, dass das beim das Publikum ankam. Der Spiegel der Gesellschaft ist der Knast. Der Kreis schließt sich und es wird deutlich, dass es nicht nur ein Spiegel, sondern ein wichtiger, aber oft ausgeblendeter Teil unsere Gesellschaft ist. Er zieht seine Kreise, aus dem Alltag des Knastes, direkt in unser Leben.

„Was hier angeschwemmt wird, gehört keineswegs zum Bodensatz Deutschlands, zur Unterschicht einer globalisierten Gesellschaft“, zieht der Autor sein Fazit. Minutenlanger Applaus des Publikums belohnte ihn an diesem Abend für die gebotenen Einblicke in seine besondere Welt.

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