Kriminalpolizei am Limit: Wenn sich die Akten meterhoch stapeln

Von: Oliver Schmetz
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Fordert mehr Personal für die Aachener Polizei: Polizeigewerkschafter Kurt Bültmann. Foto: Michael Jaspers
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Fordert mehr Personal für die Aachener Polizei: Polizeigewerkschafter Arno Keusch. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Kürzlich ist Kurt Bültmann dazu übergegangen, den Stapel neuer Akten auf seinem Schreibtisch zu vermessen. „Sechzig Zentimeter neue Arbeit“ habe er montags vorgefunden, sagt der erfahrene Kriminalbeamte lachend, „und das waren nur die Fälle vom Wochenende“.

Doch eigentlich ist Bültmann, der im Aachener Präsidium das Kriminalkommissariat 32 leitet, in dem alle Eigentumsdelikte außer Wohnungseinbrüchen und Kfz-Diebstählen bearbeitet werden, gar nicht zum Lachen zumute. Denn Ende August wird er mit einem Zentimetermaß nicht mehr auskommen. Wenn er von seinem Sondereinsatz beim „Klimacamp“ zurückkommt, das vom 18. bis 29. August in der Nähe von Erkelenz im rheinischen Braunkohlerevier stattfindet, dürften sich die Akten in seinem Büro meterhoch stapeln. Und nicht nur bei ihm. Viele der 330 Aachener Kripobeamten werden bei der Protestaktion im Einsatz sein. „In den Kommissariaten gibt es dann eine Notbesetzung“, sagt Bültmann. Die meiste Arbeit bleibt dann liegen. Und stapelt sich.

Kurt Bültmann ist nicht nur Kriminalbeamter, sondern auch Vorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten in Aachen. Und als Gewerkschafter nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Personalnot bei der Aachener Polizei und insbesondere in den Kriminalkommissariaten geht. Dass die Kripo „längst am Limit“ sei, dass sie „auf dem letzten Loch pfeift“ – in diesen düsteren Zustandsbeschreibungen ist er sich auch einig mit seinem Kollegen von der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Arno Keusch. Und deshalb sind die beiden Gewerkschafter auch alles andere als zufrieden mit den jüngsten Stellenzuweisungen aus Düsseldorf, denen zufolge die Aachener Behörde deutlich weniger neues Personal erhält als im Vorjahr – obgleich die neue Landesregierung unter dem Aachener Ministerpräsidenten Armin Laschet ja das Gegenteil versprochen hat.

„30 bis 40 Kripobeamte mehr“

Dabei hüten sich die beiden Gewerkschafter vor politischen Schuldzuweisungen. Oder besser gesagt: Sie weisen sämtlichen Landesregierungen der vergangenen 15 bis 20 Jahre die Schuld zu. Denn dass die vielen Polizisten, die auch in Aachen in den Hochzeiten des RAF-Terrors in den 70er Jahren zusätzlich eingestellt wurden, in den kommenden Jahren in Ruhestand gehen, hätte man ja durchaus vorhersehen können, meint Keusch. Deshalb ärgert er sich darüber, dass in diesem Jahr in Aachen die steigenden Pensionierungszahlen so gerade eben von den Neuzuweisungen aufgefangen werden.

Denn man benötigte eigentlich viel mehr Personal, um besser arbeiten zu können, meint der GdP-Mann: „In Aachen bräuchte man 30 bis 40 zusätzliche Kripobeamte.“ Doch die neue Landesregierung will die Polizei nicht nur in den Ballungsräumen, sondern auch in ländlichen Gebieten stärken. Und dann ist da noch der islamistische Terrorismus, der viele Kräfte bindet – ein personeller Spagat, der kaum zu leisten ist, meinen die Gewerkschafter. Bültmann erinnert das Ganze an „die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau“, Keusch rechnet mit der von Laschet versprochenen Besserung daher erst mittelfristig: „In Aachen wird die Polizei wohl erst in fünf Jahren ein vernünftiges Personalplus verzeichnen können.“

Und während der Sprecher des NRW-Innenministeriums, Wolfgang Beus, auf Anfrage einwendet, dass die Aachener Polizeibehörde im Zeitraum von 2010 bis 2016 immerhin 76 zusätzliche Planstellen erhalten habe, berichtet Kurt Bültmann von einem teilweise deprimierenden Arbeitsalltag in den Aachener Kommissariaten. Mittlerweile müssten viele Fälle in einem derart vereinfachten Verfahren ermittelt werden, „dass einem das kriminalistische Herz blutet“, sagt der Gewerkschafter, der ein Kommissariat leitet, in dem es überwiegend um die sogenannte Kleinkriminalität geht, um Taschendiebstähle und gestohlene Fahrräder beispielsweise. Denn: „Wenn Sie den Täter nicht quasi mitgeliefert bekommen, haben sie eigentlich keine Möglichkeiten mehr.“ Dabei mag Bültmann den Begriff „Kleinkriminalität“ offenbar nicht sonderlich. Schließlich seien diese Fälle doch genau jene, sagt er, mit denen der Bürger am häufigsten konfrontiert werde.

Doch für personalintensive Ermittlungen beispielsweise gegen Taschendiebe, etwa durch spezielle Observationseinheiten, fehlten der Kripo oft schlicht die Leute. „Es wird zwar noch ermittelt“, sagt der erfahrene Polizist, „aber nicht so, wie man es als Kriminalbeamter gerne hätte.“

Den deutlichen Personalzuwachs, den sein Kollege Keusch erst in fünf Jahren erwartet, wird Bültmann als aktiver Polizist nicht mehr miterleben. Der Leiter des Aachener KK 32 geht nächstes Jahr selber in Ruhestand. Und er sagt, er sehne diesen Tag herbei.

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