Kriegsversehrte, Studenten und Nachtschwärmer

Von: Robert Esser
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Der damalige Leiter des Straßenverkehrsamtes, Oskar Gerdom (l.), und Beigeordneter Hans-Wolfram Kupfer stellten das Schild auf, das die Pontstraße zur Fußgängerzone machte. Foto: Jaspers (7), Krömer, Plitzner
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Kaum wiederzuerkennen: Das Pontviertel gilt als gastronomischer Schmelztiegel. Einzelhändler gibt es kaum noch. 1990 wurde die Pontstraße zwischen Templergraben und Heilig Kreuz zur Fußgängerzone erklärt. Foto: Jaspers (7), Krömer, Plitzner
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Standhaft: Orthopädie-Schuhmacher Frank Anschütz (l.) und Sohn Benjamin trauern in der Pontstraße den vielen verlorenen Einzelhandelsnachbarn nach.
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Auch Annemarie Scheufen (86), Eigentümerin eines Tabakwaren-Geschäfts, wird wehmütig bei dem Gedanken an die Vergangenheit.

Aachen. Wo die Vorgänger von Schuhmacher Frank Anschütz Kriegsversehrte besohlt und Originale wie Annemarie Scheufen schon vor 70 Jahren Tabakwaren verkauft haben, dreht sich längst (fast) alles ums Essen. Dabei ist der Döner-Drehspieß bald ausgemustert. „Wir setzen auf echtes Gyros, wie früher“, sagt Daphne Gianussis in der „Essbar“.

Manche Tradition hat überlebt im studentischen Partyviertel zwischen China-Imbiss und Pommesbude. Andere Trends kommen zurück. Bloß die Einzelhändler von früher dürften kaum zurückkehren. Es gab Metzger, Fisch- und Gemüsegeschäfte, Blumenhändler, Installateure, Elektriker, Buchhändler, Foto- und Schreibwaren – alles weg.

„Wenn wir Mieten in der Höhe unserer Nachbarn aus der Gastronomie zahlen müssten, könnten wir auch nicht bleiben“, sagt Anschütz. Die Gastro-Szene garantiert Hauseigentümern hohe Renditen. Seitdem die Pontstraße am 19. Februar 1990 zwischen Templergraben und Heilig Kreuz zur Fußgängerzone erklärt wurde, hat sich das Straßenbild völlig verwandelt. Nur wenige Wirte waren vorher schon da.

Die alte Walfischbrauerei war schon 1972 verschwunden. Wenige andere blieben später, zum Beispiel die „Tangente“: Der Vater von Alexandra Polychroniou hat die Bar 1982 eröffnet. „Außer uns und der ,Molkerei‘ gab es hier nichts. Und viele Gäste von früher bleiben uns ihr Leben lang treu“, sagt die Wirtin. Ähnlich im italienischen Restaurant „Sole Mio“. „Die Studenten von früher kommen heute noch zu uns“, sagt Geschäftsführer Issam Al-Sahli. „Aber die ganz junge Generation will vor allem eines: billig satt werden“, fügt er hinzu. So sind nebenan Menüs mit Schnitzel, Pommes, Salat und Getränk zu einem Preis von unter fünf Euro keine Seltenheit auf der Straße, die viele als „Fressmeile“ bezeichnen.

Zum Preis-Dumping habe auch die Konkurrenz der generalrenovierten Hauptmensa der RWTH am Ponttor beigetragen, heißt es. Dort würden Essen aus Steuergeldern subventioniert, Gastronomen auf der Pontstraße könnten da nicht mithalten, lautet der Vorwurf. An manchen Standorten entlang der überregional bekannten Partyzone ist die Fluktuation entsprechend hoch, häufig wechseln Pächter.

Zuletzt reihten sich jetzt zwei Hamburger-Grills in die Schnellrestaurant-Riege ein, die keineswegs auf Billigprodukte setzen. „Wir beobachten das mit Freude“, sagt Dennis Polychroniou, Chef im etablierten „Café Madrid“. Man wolle Premium-Treffpunkt für alle Altersklassen, auch Familien, sein.

Mittendrin kredenzt Konstantin Archontoglou im „Reuters House“ edle Speisen. Ein Ausnahmefall. 1849 flogen von hier Brieftauben des weltweit ersten Nachrichtendienstes Richtung Brüssel. Nun landen Steaks und Fisch im historischen Reuters-Gemäuer auf dem Teller. Der Guide Michelin empfiehlt die Küche seit Jahren. „Ja, ich habe lange überlegt, ob hier noch der richtige Platz für mein Restaurant ist“, räumt Archontoglou ein. Vor allem als die Pontstraße draußen buchstäblich Schlagzeilen wegen der gestiegenen Aggressivität zu nächtlicher Stunde schrieb. „Inzwischen leben wir die Gegensätze aus, arbeiten zwischen simplen Garküchen auf höchstem Niveau – das macht einen Teil des Flairs aus“, sagt der Gastronom. Keinen Hehl macht er daraus, dass er sich mehr Unterstützung der öffentlichen Hand wünschen würde. Weihnachtsbeleuchtung, Platz für Außengastronomie bis zur Hausfassade, bauliche Modernisierung des Straßenbildes und anderes stehen auf dem Wunschzettel. „Die Pontstraße hat viel mehr Potenzial“, sagt er.

Das sehen Einzelhändler wie Anschütz und Scheufen ähnlich. Sie vermissen zuweilen die alte Einzelhandelsidylle. Inmitten der dampfenden Übermacht dutzender Gastronomiebetriebe machen der Orthopädie-Schuhmacher und die Tabak-Dame das Pontviertel tatsächlich zu etwas ganz Besonderem. Nämlich echt authentisch, wie ihre Vorgänger.

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