Krawall-Fans: Klares Konzept gefordert

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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Ihre Rehabilitierung stößt nach wie vor auf heftige Kritik: Seit dem Heimspiel gegen Lotte dürfen die „Karlsbande Ultras“ wieder ihr Banner im Tivoli aufhängen. Ob Mitglieder der Gruppe an den jüngsten rechten Ausschreitungen in Köln beteiligt waren, wird noch geprüft. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Das war an Deutlichkeit kaum zu überbieten: Als „ein falsches Signal zur falschen Zeit“ hat Polizeipräsident Dirk Weinspach die „Rehabilitierung“ der „Karlsbande Ultras“ (KBU) durch Alemannia-Geschäftsführer Alexander Mronz gegeißelt.

Und obendrein bezog er in die Kritik, die er im Zusammenhang mit den Hooligan-Krawallen in Köln äußerte, auch noch das Verbot des Banners „Kein Bock auf Nazis“ ein, das Uerdinger Fans bei ihrem Gastspiel am Tivoli entrollen wollten.

Das ist bemerkenswert, weil die Kritik der Polizei nun erstmals von „höchster Stelle“ kommt. Aber auch, weil es – Standam Mittwoch – laut Polizei noch gar keine „belastbaren Hinweise“ darauf gibt, dass KBU-Mitglieder an den Ausschreitungen der fast 5000 Hooligans und Rechtsradikalen am Sonntag beteiligt waren. Bekannt ist hingegen, dass nach Polizeierkenntnissen rund 60 Aachener Hooligans in Köln dabei waren und zumindest zum Teil mitrandaliert haben. In überregionalen Medien wird in der Aufarbeitung der Geschehnisse indes einmal mehr und immer wieder die Situation am Tivoli als Negativbeispiel angeführt.

Und so liegt der Ball in Sachen Aachener Fanproblematik wieder mitten im Feld. Nicht zuletzt deswegen, weil sich in Kürze der „Runde Tisch gegen Rechtsextremismus“ erneut mit diesem Thema beschäftigen wird. CDU und SPD hatten den Vorstoß gemacht, dass Mronz, der am Mittwoch für eine Stellungnahme zur aktuellen Kritik des Polizeipräsidenten nicht erreichbar war, dort Rede und Antwort stehen soll. Eigentlich sollte die Runde am 13. November zusammenkommen, doch dieses Datum wurde nach AZ-Informationen wieder aufgehoben, da es Terminkollisionen – an diesem Tag finden Sitzungen mehrerer Ratsausschüsse statt – gibt. Ein neuer Termin ist noch nicht anberaumt.

Indes ebbt die Kritik an der Karlsbande-Entscheidung von Mronz nicht ab. Auch der Aachener Politologe und Publizist Richard Gebhardt – der als Rechtsextremismus-Experte einen besonderen Fokus auf die Fanproblematik in Fußballstadien hat – sieht den nun eingeschlagenen Weg als falsch an. Mronz hatte das Bannerverbot gegen die Karlsbande, das nach gewalttätigen Ausschreitungen unter anderem gegen die mittlerweile nicht mehr existierende Gruppe „Aachen Ultras“ verhängt worden war, bereits recht früh in dieser Saison aufgehoben. Begründet hatte er das unter anderem damit, dass die KBU bei einem Heimspiel ein Transparent gegen Gewalt und Rechtsextremismus gezeigt hatte. Nach Ansicht des Geschäftsführers gebe es lediglich Einzeltäter, gegen die man mit Stadionverboten – etwa 200 an der Zahl – vorgehe. Auch sei die KBU nicht oder nicht mehr von Rechtsextremisten unterwandert.

Gebhardt hält der Karlsbande zumindest zugute, dass die Gruppe offenbar „Änderungspotenzial“ besitze. So habe es zuletzt beim Risikospiel in Oberhausen immerhin keine Ausschreitungen gegeben. Und Mronz sei zumindest einer Einladung der „Piraten“ – sie hatten die Alemannia-Spitze scharf kritisiert und den Stopp städtischer Bezuschussung gefordert – gefolgt und habe dort Rede und Antwort gestanden.

Aber: „Eine Aufhebung des Bannerverbots hätte höchstens am Ende eines langen Prozesses stehen sollen, an dem viele hätten beteiligt werden sollen – die Fan-IG beispielsweise, das Fanprojekt und natürlich die Polizei“, so der renommierte Wissenschaftler, der seit 1980 leidenschaftlich gerne zum Tivoli geht. Der kritische Vorstoß des Polizeipräsidenten verdiene, so Gebhardt, „höchste Anerkennung“. Allerdings sollte die Aachener Polizei seiner Ansicht nach dann auch die eigenen Reihen schließen. So sei aus Reihen der „szenekundigen Beamten“ laut Augenzeugen in Gesprächsrunden eine andere Meinung als jene des Polizeipräsidenten vorgetragen worden. Da sei nämlich die Karlsbande – ähnlich wie es Mronz sieht – als nicht mehr „rechtsoffen“ beurteilt worden.

Als „fatales Signal“ wertet Gebhardt auch das Verbot des Anti-Nazi-Banners der Uerdinger Fans. Schließlich müsse man sich von Worthülsen wie „Politik ist Politik und Fußball ist Fußball“ endlich verabschieden. Das hätten nicht zuletzt die Vorgänge in Köln eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Vordem seien in Aachen die linksgesinnten „Aachen Ultras“ regelrecht „aus dem Stadion geprügelt worden“. Ein Beleg sei auch die Hooligan-Szene, die sich in Aachen unter anderem in der „Westfront“ – einer im Internet martialisch auftretenden Vereinigung – sammelt. Diese gebe sich zwar betont „apolitisch“. Andererseits veranstalte sie Konzerte mit der Band „Kategorie C“, just jener Formation, die „den Soundtrack zu den Kölner Krawallen geliefert hat und eindeutig rechts ist“. Nicht zuletzt sei die „Demo“ in Köln von einem führenden Pro-NRW-Mann – Vorstandskollege des Aachener Ratsherrn und suspendierten Polizisten Wolfgang Palm – angemeldet worden. Gebhardt: „Da wurde im Namen von Ordnung und Sicherheit auf Polizisten eingeprügelt. Unsäglich.“ Auch kritisiert Gebhardt die Argumentation des Alemannia-Geschäftsführers, dass das „Kein Bock auf Nazis“-Plakat für die Karlsbande eine Provokation gewesen wäre: „Diese Aussage war selbst eine Provokation – nämlich für die Öffentlichkeit.“

Vom „Runden Tisch“ erwartet Gebhardt, dass man sich nicht ewig „in einer Schleife bewegen“ möge, sondern dass ein Handlungskonzept erarbeitet wird. Dabei lobt der vor allem in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit aktive Politologe CDU-OB Marcel Philipp als „herausragend guten Mann“, der diese Problematik gezielt aufs Tapet bringe. Ein solches Konzept müsse auch von der Alemannia-Spitze und den Gremien „von oben“ forciert sowie von der breiten Mehrheit der Tivoli-Besucher und Fans, die eben nicht gewaltbereit sei, „von unten“ gestützt werden.

Aktionen gegen gewaltbereite Fans und Rechtsextremismus wie die Lichterkette ums Stadion seien letztlich leider immer wieder im Sande verlaufen. Alemannia selbst spreche zwar Stadionverbote aus, doch werde eher eine „Symbolpolitik“ statt einer klaren Strategie gewählt und „alles immer wieder schwarz-gelb übermalt“. Der durchaus vorhandene Protest müsse „in eine Form gegossen werden“. Dazu bedürfe es eines Handlungskonzeptes, das Raum schaffe für Antidiskriminierungsarbeit und das kritische Fans involviere. Entsprechende Projekte müssten durch die Fan-IG und das Fan-Projekt begleitet werden.

Vor allem aber müsse sich die Alemannia ihrer Verantwortung in der Stadt, die aufgrund der Millionenzuschüsse in Sachen Stadion immerhin „der mit Abstand größte Sponsor“ des Klubs sei, bewusster sein: „Schließlich hat Alemannia eine große Verantwortung in Sachen Jugend- und Gesellschaftspolitik.“

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