Aachen - Konzert in der JVA: Weltreise vor geschlossener Gesellschaft

Konzert in der JVA: Weltreise vor geschlossener Gesellschaft

Von: Peter von Kageneck
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Manfred Leuchter stand schon auf vielen Bühnen dieser Welt: in Indien, Rumänien, Marokko oder Syrien. Doch im Aachener Gefängnis hat selbst der erfahrene Musiker noch nicht sein Akkordeon ertönen lassen. Bei einem denkwürdigen Konzert versorgte Leuchter gemeinsam mit Afra Mussawisade an den Percussions 120 Häftlinge mit klassischen bis orientalischen Klängen aus aller Welt.

„Wir erwarten eine Überraschung”, so wurde das deutsch-iranische Duo angesagt. Und für ungeübte Ohren ist das Zusammenspiel des Akkordeons mit einer Vielzahl an Congas, Bongos und weiteren Trommeln tatsächlich überraschend. Das galt wohl auch für die Mehrheit des männlichen Publikums beim knapp einstündigen Auftritt hinter den Mauern in der JVA in der Soers.

Etwa viermal jährlich kommen Musiker in die Mehrzweckhalle des Gefängnisses, um für gewiss ungewöhnliche Zuhörer zu spielen. Zu Konzerten anmelden dürfen sich nur Gefangene, die keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen erfordern. Darunter sind Verurteilte jeden Strafmaßes ab einer Haftstrafe von zwei Jahren. „Schön, dass ihr da seid”, begrüßte Manfred Leuchter die Gefangenen.

Er und Mussawisade bildeten nahezu die ganze Welt an einem Abend ab. Vor jedem Stück öffnete Leuchter die Tore zu einem neuen Teil der Erde: Ein paar einleitende Worte - und die über 100 Gefangenen befanden sich auf einer orientalischen Reise. Vom lateinamerikanischen Lied für eine indische Frau, über ein rumänisches Stück inspiriert von Graf Dracula bis hin zur irischen Folklore: Jede Melodie erzählt ihre eigene Geschichte - ganz ohne Worte.

Die Gäste an diesem Abend wussten das zu schätzen. Das virtuose Duo bekam nach jedem Stück einen stattlichen Applaus. Teilweise ließen sich die Häftlinge mitreißen, begleiteten die Musik mit rhythmischem Klatschen. Bei manchen Passagen wiederum wurde es ganz still.

Die beiden Weltenbummler erzeugten ein freudiges Auf und Ab. Die Töne reichten von ganz filigran und leise bis zu dem Eindruck eines Groß-Orchesters. In jeder Sekunde lebte Leuchter seine Musik. Seine Körpersprache zeugte von dieser Leidenschaft: Er zappelte förmlich, schloss die Augen, bewegte seinen Mund als hätten die Lieder Texte. Zwischenzeitlich schauten sich Leuchter und Mussawisade in die Augen und nickten: Auch ihnen schien es zu gefallen.

Die Idee des Auftritts hatte Leuchter beim „Tag der offenen Tür” in der Justizvollzugsanstalt. Eine befreundete Justizvollzugsbeamtin stellte den Kontakt her. „Ich möchte etwas zurückgeben”, meinte der Musiker. Er erachte es als Privileg, dank eines guten Umfelds und guter Erziehung nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten zu sein.

Auch deshalb denkt der Mann mit den flinken Fingern darüber nach, bald Musik zu unterrichten. Nicht irgendwo, sondern genau dort, wo er kürzlich das Konzert spielte: im Gefängnis. „Aber ich muss erst sehen, was ich da für ein Gefühl zu habe.” Leuchter findet den Ort bedrückend.

Trotzdem fand der Deutsche gemeinsam mit seinem iranischen Freund den Weg in die Aachener Haftanstalt. „Das passt ja auch, wenn ein Deutscher und ein Iraner in der JVA auftreten. Dort sind auch viele verschiedene Nationalitäten vertreten.” Nicht nur das Duo ist international, auch die Musik ist multikulturell. Der Akkordeonist baut Stücke von Bach oder auch „Jailhouse Rock” in seine Performance ein.

Diese endete nach zwei Zugabe n. Das Duo verabschiedete sich von den Gefangenen. Die musikalische Reise endete - Ankunft zwischen den Mauern an der Krefelder Straße. Es stand jedoch noch etwas auf dem Plan: ein gemeinsames Beisammensein in den Fluren der Haftanstalt. „Die Musik ist ein Mittel, um mit den Leuten ins Gespräch zu kommen”, fand Leuchter schon im Vorhinein. Dem Großteil der Gefangenen schien der Auftritt indes gefallen zu haben. „Das ist mal was anderes, etwas Kultivierung”, sagte einer.
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