Aachen - Konzert für Flüchtlinge: Am Ende kullern Freudentränen

Konzert für Flüchtlinge: Am Ende kullern Freudentränen

Von: Katharina Redanz
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Eine überaus harmonische Sache: Die jungen Menschen spielten für Flüchtlinge – und öffneten Ohren und vor allem Herzen in der Notunterkunft. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. „In meinem Leben habe ich schon hunderte Konzerte gespielt und geleitet, aber so aufgeregt wie heute war ich schon lange nicht mehr“, sagt Marion Simons-Olivier, Leiterin der Orchester an der Musikschule Aachen, und strahlt dabei über das ganze Gesicht – schließlich ist alles mehr als gut gegangen.

 Am Samstagnachmittag haben Kinder und Jugendliche der Musikschule unter der Leitung von Simons-Olivier ein Konzert in der Notunterkunft für Flüchtlinge in der ehemaligen Hauptschule Franzstraße gegeben, im Anschluss gab es eine Mitmachaktion.

„Ich wusste ja nicht, wie so ein Konzert bei den Flüchtlingen ankommt“, erklärt die Fachbereichsleiterin für Streichinstrumente und Gesang der Musikschule. Angekündigt wurde das Konzert den Bewohnern des Schulgebäudes nicht: „Es war zu aufwendig, das in allen Sprachen zu übersetzen, also haben wir es einfach ganz gelassen“, sagt Gabi Bockmühl, Leiterin der Notunterkunft in der Franzstraße.

Um kurz vor 15 Uhr trafen die Musiker und Musikerinnen im Foyer der Schule ein, die Instrumente wurden gestimmt, und „sobald die ersten Töne zu hören waren kamen die Kinder die Treppen herunter um zu gucken, was hier los ist“, so Bockmühl. Das sei immer so: „Sobald sich hier unten irgendetwas tut, sind die Kinder mit dabei.“ So auch dieses Mal. Angelockt von der Musik und den Kindern besuchten gut 50 Flüchtlinge das Konzert, weitere standen im offenen Treppenhaus und hörten von oben zu.

Gänsehaut-Stimmung

Mit Geigen, Celli und weiteren Instrumenten wird eine Gänsehaut-Stimmung geschaffen – die die anfängliche Unruhe im Treppenhaus schnell stoppt. Viele Smartphones werden in die Höhe gehalten, um zu fotografieren oder das Konzert zu filmen. „Ich mache Fotos für meine Familie im Irak“, erklärt Khaled, einer der Flüchtlinge, „die können sich das gar nicht vorstellen.“ Die Familie antwortet direkt – dass es wunderschön aussehe. Er finde die Musik schön, sagt Khaled, und freut sich, dass die Kinder und Jugendlichen von der Musikschule in die Franzstraße gekommen sind. Auch der 23-jährige Ledjo aus Albanien ist begeistert vom Konzert, bei der Musik lasse sich schön entspannen und das könne er im Moment nicht häufig.

Insgesamt 206 Flüchtlinge wohnen derzeit in der Notunterkunft, Männer, Frauen und viele Kinder. Das Konzert ist nur eine von vielen Aktionen, die in der ehemaligen Schule stattfinden. Deutschkurse, Bastel- und Spielnachmittage etwa werden jede Woche angeboten. „Wir hatten auch schon einen Frisör aus Aachen hier, der einen Tag lang eine große Haarschneideaktion gestartet hat“, erzählt Leiterin Bockmühl.

In der vergangenen Woche wurde in der Unterkunft das islamische Opferfest gefeiert, eine Aachener Gastronomin habe das ganze Haus bekocht, alles sei festlich dekoriert gewesen. „Am Ende haben die Leute unten im Foyer getanzt“, so Bockmühl, „man hat die Menschen endlich wieder lachen sehen.“ Und das sei alle Mühe wert, sagt sie. „Ich bin jetzt seit fast zwei Monaten hier und erlebe immer noch bewegende Momente.“

So auch an diesem Samstagnachmittag. Nach dem Konzert werden die Instrumente für Jeden, der möchte, freigegeben – und fast alle möchten. Unterstützt von den Musikschülern versuchen sich erst die Flüchtlingskinder, nach und nach trauen sich auch die Erwachsenen. Ein Flüchtlingskind sitzt auf dem Schoß eines Cellisten, gemeinsam streichen sie den Bogen. „Das ist so toll zu sehen“, sagt Orchesterleiterin Simons-Olivier, „ich wollte, das dass Feuer überspringt und es hat geklappt!“

Sie selber sei auf die Einrichtung zugekommen mit dem Wunsch mit den Flüchtlingen zusammen Musik zu machen – nach längerem organisatorischen Aufwand habe es nun endlich geklappt. „Wir wollten zeigen, dass wir für die Flüchtlinge kommen und ihnen etwas zeigen können.“ Auch ihre Schüler waren direkt dabei. Es sei schon ein besonderes Konzert, sagen Camilla, Anastasia und Marie. Sie wollen den Bewohnern gerne helfen, und „so können wir ihnen eine Freude machen“. Nach dem Konzert sind ihre Geigen in den Händen der Flüchtlinge, die Mädchen helfen bei den ersten Tönen. „Wir haben Spaß daran, wenn die Spaß haben“, sagt Camilla und zeigt, wie man die Geige hält.

Instrumente abgeben

Ab jetzt möchte Simons-Olivier jeden Samstag bis Weihnachten mit ihren Schülern in die Franzstraße kommen. „Wir spielen zuerst ein kleines Konzert und dann geben wir den Flüchtlingen die Instrumente“, in den Klassenräumen wird es richtig Unterricht geben. Ihr Traum ist es, mit den Flüchtlingen gemeinsam zu spielen, vielleicht sogar ein Konzert – „ich bin mir sicher, dass wir das vor Weihnachten noch schaffen.“

Als sie nach einer knappen Stunde „Mitmachaktion“ ihre Instrumente einpacken möchte, wollen die Flüchtlingskinder die Instrumente gar nicht hergeben, einem Mädchen kullert eine Träne über das Gesicht. „Kommt ihr morgen wieder?“, fragt sie in einer Mischung aus deutsch, englisch und ihren Händen. „Nächste Woche kommen wir wieder, in sechs Tagen“, antwortet Simons-Olivier. „Sechs Tage?“ fragt das Mädchen erst ungläubig, doch dann lächelt sie doch noch und freut sich. Auch die Orchesterleiterin freut sich, besser hätte es nicht laufen können. Aufgeregt sein muss sie nächstes Mal nicht mehr.

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