Konflikte bewältigen und Tabus aufbrechen: Vermeidung häuslicher Gewalt

Von: Matthias Hinrichs
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Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen: Rund 900 Fälle prügelnder Partner sind allein in der Städteregion im vergangenen Jahr aktenkundig geworden. In gemeinsamen Gesprächsrunden entwickeln Täter neue Strategien der Konfliktbewältigung. Foto: dpa

Aachen. Jeden Tag werden ungezählte Frauen in den eigenen vier Wänden gequält, erniedrigt, nicht selten aufs Übelste misshandelt. In Beratungsstellen und Frauenhäusern geben die Opfer sich die Klinken in die Hände.

Rund 900 Fälle sogenannter häuslicher Gewalt hat die Polizei im vergangenen Jahr allein in der Städteregion zu Protokoll nehmen müssen. Der brutale Befund geht freilich längst einher mit einer im Grunde banalen Erkenntnis: „Wenn wir den Betroffenen wirksam helfen wollen, müssen wir uns auch den Tätern zuwenden“, sagt Rainer Klein. „Täterarbeit ist Opferschutz“ lautet die simple Gleichung, wenn nachhaltige Lösungen gesucht und gefunden werden sollen.

Dafür engagiert sich Klein beim Sozialdienst Katholischer Frauen und Männer (SKFM) in der Region Heinsberg mit seinem fünfköpfigen Team und auch geografisch ziemlich großem Aktionsradius. Drei von vier Gesprächs- und Beratungsreihen für gewalttätige (Ehe-)Männer, die der Verein allein im vergangenen Jahr im Grenzland organisiert hat, wurden in Aachen durchgeführt. „Training zur Vermeidung häuslicher Gewalt“ heißt die Maßnahme, die 2014 im Ganzen 29 Teilnehmer in Anspruch genommen haben.

„Wir wenden uns damit vor allem an einschlägige Straftäter, die mit entsprechenden Auflagen durch Gerichte und Staatsanwälte zu uns geschickt oder über Jugendämter, Allgemeine Soziale Dienste und andere Beratungsstellen vermittelt werden“, erklärt der Sozialpädagoge und Anti-Aggressionstrainer. In der Regel sind die Klienten verpflichtet, 25 Sitzungstermine à zwei Stunden mit jeweils vier bis acht Teilnehmern lückenlos wahrzunehmen. Andernfalls müssen sie mit weiteren juristischen Konsequenzen rechnen. Aber auch Männer, die (noch) nicht „offiziell“ straffällig geworden sind, können das Angebot wahrnehmen.

Einsicht in das eigene extreme Fehlverhalten ist dabei (neben ausreichenden Deutschkenntnissen und einem Mindestmaß an kognitiven Fähigkeiten) allerdings Grundvoraussetzung. „Es geht vor allem darum, Tabus aufzubrechen. Das gelingt am ehesten, wenn die Täter sich mit Menschen austauschen, die in einer ähnlichen Situation sind“, erläutert Klein.

So werden auch die oftmals unterdrückten Ursachen der Gewalt thematisiert, in Rollenspielen und mit Hilfe einschlägiger Medien wie TV-Dokumentationen zu Tage gefördert und reflektiert. Entsprechende Standards im gruppendynamischen Prozess sind durch die Bundesarbeitsgemeinschaft Täterarbeit Häusliche Gewalt, der auch der SKFM angehört, festgelegt worden – wobei die Erkenntnis im Mittelpunkt steht, dass die Spirale der Gewalt niemals von den Opfern ausgeht, ihr Ursprung vielmehr in Biografie, Sozialisation und Persönlichkeit der Täter zu suchen ist.

Stets werden die Teilnehmer – Männer aus allen Schichten und Generationen – von zwei qualifizierten Sozialarbeitern begleitet. Sie helfen, Strategien zur Stress- und Konfliktbewältigung zu entwickeln, fatale Rollenbilder zu überwinden, kurz: das eigene Verhalten gegenüber Schutzbefohlenen und Partnern kritisch zu hinterfragen und konstruktiv zu verändern. Finanziert werden die Kurse vor allem durch Fördermittel des Landes, fünf Euro pro Sitzung müssen die Klienten selbst beisteuern. Obligatorisch sind zudem mindestens zwei Einzelgespräche im Vorfeld sowie eine umfassende Nachbereitung.

Objektiv messbar sind die Erfolge des Programms zumindest statistisch, unterstreicht Klein: 22 von 29 Männern aus der Region haben die Maßnahme im vergangenen Jahr erfolgreich absolviert. Und: Mehr als die Hälfte der Kursteilnehmer werden nach einschlägigen Erhebungen auch langfristig nicht rückfällig.

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