Aachen - Kommt eine Autobahn unter die Räder?

Kommt eine Autobahn unter die Räder?

Von: Robert Esser
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Kritisch beäugt: (v.l.) Hans-Jürgen Schäffer, Helga Riedel, Bruno Barth und Barbara Hillebrand lehnen Baupläne am Tittardsfeld ab. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Mancher Anwohner befürchtet, unter die Räder zu kommen. Buchstäblich. Gegen den geplanten Radschnellweg Euregio – 22 Kilometer von der Aachener Wüllnerstraße bis nach Herzogenrath/Heerlen – wurden bereits über 1000 Unterschriften gesammelt.

Dabei soll am Donnerstag der Bauausschuss der Städteregion erstmal eine Machbarkeitsstudie auf den Weg bringen, die ausdrücklich verschiedene Streckenvarianten in Betracht zieht.

Das betont der städteregionale Bau- und Umweltdezernent Uwe Zink, der das vom Land Nordrhein-Westfalen finanziell extrem geförderte Projekt – grobe Schätzungen sprechen von 20,9 Millionen Euro Gesamtkosten – als „riesige Chance für die ganze Region“ sieht. Noch in diesem Juni sollen auch Gremien der Stadt Aachen zustimmen: am 15. Juni die Bezirksvertretungen und am 23. Juni der Mobilitätsausschuss.

„Wir müssen mehr Verkehr von der Straße aufs Rad umsatteln“, sagt Zink. Das sei nicht nur aus ökologischen Gründen sinnvoll. „Zwischen Herzogenrath und Aachen stehen Autos und Busse jeden Tag im Stau. Mit dem Rad wäre man auf dem Radschnellweg – der zudem auch touristische Bedeutung entfalten kann – mindestens genauso schnell“, argumentiert der Baudezernent, der selbst passionierter Radfahrer ist.

Via Internet und auf Bürgerforen habe man über 100 Vorschläge gesammelt, wo die Route vom Aachener Super C über Wüllnerstraße, Turmstraße, Rütscher Straße, Alter Bahndamm, Roermonder Straße und dann weiter über Kohlscheid und Pannesheide bis Kohlscheid und Herzogenrath verlaufen könnte – und wo nicht. „Alles läuft absolut transparent. Jeder konnte sich einbringen; jeder soll wissen, worüber genau beraten wird“, stellt Zink klar.

Mindestens sechs Meter breit

In der Regel soll der Radschnellweg vier je ein Meter breite Radspuren (zwei in jede Richtung), einen 50 Zentimeter breiten Schutzstreifen und einen 1,50 Meter breiten Gehweg umfassen. Damit wäre er mindestens sechs Meter breit. „Uns ist wichtig, dass der neue Radschnellweg – anders als die Vennbahntrasse, wo sich Radfahrer, Kinderwagen und Inlineskater den Platz teilen müssen – keinen Begegnungsverkehr mit Fußgängern hat“, sagt Zink.

Das sei weniger gefährlich und erlaube höhere Geschwindigkeiten. Das passt prima, wenn der Weg – der außerorts wie eine Landstraße zu 100 Prozent und innerorts zu 80 Prozent vom Land NRW bezahlt werden könnte – genug Platz hat. Er könnte aus Aachens Stadtmitte zum Beispiel auf der Wüllnerstraße durchs Studentenviertel geführt werden und dann unter die seit Jahren verrottete Unterführung zur Turmstraße und zur Rütscher Straße schlüpfen. So wären gleich mehrere Probleme gelöst.

Andere Streckenabschnitte sind heftig umstritten. So fürchten Kritiker, dass der breite Radschnellweg am Alten Bahndamm zu viel Natur kostet – und das es mancherorts einfach viel zu eng wird. Etwa am Tittardsfeld: „Das geht gar nicht“, sagt Anwohnerin Helga Riedel. Vor ihrem Haus passt gerade mal ein Auto an den am Straßenrand geparkten Fahrzeugen vorbei. Garagen haben hier die wenigsten.

„Wenn hier der Radschnellweg verläuft, ist für uns gar kein Platz mehr, das ist völlig unmöglich“, wundert sie sich über den angedachten Routenverlauf mitten durch das eng bebaute Wohngebiet. „Auch die Streckenführung über den Alten Bahndamm und der Neubau mehrerer Brücken sind problematisch für den Naturschutz und Spaziergänger – ganz abgesehen von den nicht absehbaren Folgekosten“, kritisiert Nachbarin Barbara Hillebrand.

Stapelweise will sie den Politikern der Städteregion ihre Protestunterschriften vorlegen. „Ein paar Dutzend Bürger sind zu den Infoveranstaltungen gekommen, über 1000 haben bereits Unterschriften gegen die Route abgegeben – das spricht doch eine eindeutige Sprache“, sagt sie.

Mitstreiter Hans-Jürgen Schäffer fügt hinzu: „Ich habe das Gefühl, dass die Bürgerbeteiligung nur pro forma stattfindet und die Verwaltung nur ihren eigenen favorisierten Routenvorschlag verfolgt.“

Bruno Barth von den „NaturFreunden Herzogenrath-Merkstein“ hat gleich eine ganze Liste von Kritikpunkten parat: „Die geplante Flächenversiegelung ist nicht nur auf fünf bis sechs Kilometern Länge direkt am Naturschutzgebiet Wurmtal in Herzogenrath nicht hinzunehmen. Das ist ein viel zu großer Eingriff“, beklagt er.

Die von der Verwaltung favorisierte Streckenführung in den Bereichen Rütscher Straße, Kleingartenanlage Rütsch und Alter Bahndamm in Laurensberg sei abzulehnen. „Außerdem ist es eine Farce, in einer sogenannten Potenzialanalyse davon auszugehen, dass 12.000 Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen“, moniert Barth.

Auch die bisherigen Planungskosten von über einer halben Million Euro sowie weitere Kosten von rund 20 Millionen Euro für den Premiumradweg hält der Naturschützer für viel zu hoch. „Es kann doch nicht sein, dass Stadt und Land so viel Geld für eine neue Trasse ausgeben, aber nicht imstande sind, die Verbesserung und Instandhaltung bestehender Radwege zu gewährleisten – die sind teils in katastrophalem Zustand.“

Die Befürworter des neuen Radschnellweges wenden ein, dass die Fördermillionen des Landes nur projektgebunden abgerufen werden könnten – und deshalb keinesfalls zur Pflege des Radwegenetzes zur Verfügung stehen würden. Mit anderen Worten: Wenn die Radtrasse nicht zwischen Aachen und Herzogenrath gebaut wird, sind die Millionen für die Region verloren. Sie fließen dann woanders.

Das möchte auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp gerne vermeiden. Er setzt ebenso nicht nur privat auf den Drahtesel: „Radverkehr braucht weniger Platz als das Auto. Wenn wir die Bedingungen für das Fahrrad verbessern, erhöhen wir die Bereitschaft, auf dieses Verkehrsmittel umzusteigen. Der Vennbahnweg ist ein Paradebeispiel dafür, dass es funktioniert“, sagt Philipp. Das neue Projekt darf nur metaphorisch nicht unter die Räder kommen.

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