15163865.jpg

Kommentiert: Wenn das amtliche Denken an der Grenze aufhört

Ein Kommentar von Stephan Mohne

Bürokratie bedeutet übersetzt „Herrschaft der Verwaltung“. Beim Bürokratismus wiederum wird die Bürokratie gar noch übersteigert und per Definition die Vorschrift über den als Objekt behandelten Menschen gestellt.

Im vorliegenden Fall wird die Vorschrift über das Wohl eines kleinen Kindes gestellt. Eine bittere Geschichte. Um festzuhalten: Hier geht es nicht um Leute, denen die deutschen Schulen nicht gut genug sind und die sich deswegen die Bildung ihrer Kinder an einer elitären Privatschule – die das UWC in Maastricht übrigens gar nicht ist – erkaufen will. Hier geht es vielmehr um eine Familie mit Wurzeln in drei Staaten von Neuseeland über die Niederlande bis nach Deutschland.

Mehrsprachig geht es dort zu, international soll die Zukunft aussehen. Denn später einmal will die Familie in die Heimat der Mutter nach Neuseeland auswandern. Da ist es kaum zu verurteilen, wenn die Kinder eine internationale Schule besuchen sollen. Die nächste in Deutschland von Aachen aus ist in Köln. Also entschied sich die Familie fürs viel näher gelegene Maastricht. Ist ja fein, wenn man im geeinten Europa solche Möglichkeiten hat. Sollte man meinen. Pustekuchen.

Bei der Schulwahl gibt es anders als beim Wohnort, bei der Arbeit, beim Studium und vielem mehr keine Wahlfreiheit. Das ist zwar völlig uneuropäisch, aber das will das deutsche Bildungssystem nicht. Nur ausnahmsweise geht das doch – wenn die Zukunft der Familie im Ausland liegt.

Was zwar im vorliegenden Fall wahrscheinlich so sein wird, was man in der städteregionalen Amtsstube aber nicht glauben mag und die Ausnahmegenehmigung verweigert. Selbst in dem Moment, als die Familie schon beschlossen hat, in Aachen alles aufzugeben und eben zum Wohle ihres Kindes ins Ausland zu ziehen, um dieser Behördenmühle zu entfliehen. Was ja schon einen Irrsinn an sich darstellt. In Europa!

Doch selbst da rührt man im Amt immer noch Beton an, statt den vorhandenen Ermessensspielraum – der in ähnlich gelagerten Fällen durchaus zum Tragen kommt – zu nutzen. Das riecht nach Prinzipienreiterei, schlimmstenfalls nach Willkür.

Wie, bitteschön, soll Europa denn im Großen anerkannt werden und funktionieren, wenn es im Kleinen derart kläglich scheitert? Im vorliegenden Fall fühlt man sich jedenfalls weniger an Maastrichter (!) Verträge erinnert als an preußische Prinzipienreiterei.

Obwohl: Schon in einem Lexikon von 1894 fand man zum Wort Bürokratie die Definition, dass dies eine „Bezeichnung für eine kurzsichtige und engherzige Beamtenwirtschaft, welcher das Verständnis für die praktischen Bedürfnisse des Volkes gebricht“ sei. Im vorliegenden Fall kann man es auch 123 Jahre später nicht besser ausdrücken.

Wird also Zeit, dass der Gesetzgeber diese antieuropäisch überkommenen Regeln endlich ändert. Für die bald Ex-Aachener Familie kommt das zu spät. Armes Deutschland, armes Europa.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert