Kommentiert: Abgrundtief peinlich

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Kommentiert: Abgrundtief peinlich

Ein Kommentar von Matthias Hinrichs

Mit vernehmlichem Zähneknirschen hat sich das Jobcenter am Mittwoch „tausend Mal entschuldigt“ für seinen unsäglichen „Bescheid“ – an die Adresse eines Toten.

Einmal hätte wohl gereicht: wenn die schlichte Bitte um Verzeihung gegenüber den verständlicherweise tief verletzten Hinterbliebenen von Dieter T. nicht erst auf Nachhaken unserer Zeitung, sondern sofort, in einem persönlichen Gespräch durch die Autorin des Schreibens selbst erfolgt wäre. Nicht mehr und nicht weniger haben die Angehörigen sich gewünscht.

Nachvollziehbar, dass das Jobcenter sich angesichts des peinlichen „menschlichen Fehlers“ außerstande sieht, das Desaster zu erklären. Man sollte besser von einem zwischenmenschlichen Fehler sprechen. Wie tief ist der „administrative“ Abgrund, der dahinter stecken mag? Was ist los in einer Behörde, die jegliche Sensibilität für seelische Extremsituationen vermissen lässt – obwohl es zu ihren ureigensten Aufgaben gehört, sich um Menschen in Not zu kümmern?

Wenn die einzige „individuell“ formulierte Passage in einem offenkundig automatisierten Text lautet „Sie sind verstorben“, ist das nicht witzig und nicht nur ein Armutszeugnis, sondern Beleg dafür, dass Mitarbeiter überfordert sind. Rund 16.000 Hartz-IV-Empfänger in der Region haben Anspruch auf faire Behandlung und persönliche Unterstützung. Wenn rund 750 Beschäftigte im Jobcenter das nicht jenseits von „Leistungsbescheiden“ leisten können, brauchen sie personelle Verstärkung. Und vielleicht mehr Ansprache seitens der Führung.

Was passieren kann, wenn Pietät, Anstand und Fairness auf der Strecke bleiben, zeigt sich im „Fall“ Dieter T. beispielhaft: Man wusste ja längst, dass man sich an einen direkten Verwandten, nämlich die Tochter des Gestorbenen hätte wenden können – müssen –, als es um organisatorische Fragen ging. Man wusste längst, dass seine Familie nichts weiter als ein „Tut mir Leid“ erwartete.

Die Klagen von „Klienten“, die immer wieder berichten, dass sie im Jobcenter oft buchstäblich vor Wände, zumindest geschlossene Türen laufen, rücken vor diesem Hintergrund in ein nicht neues, aber umso schmerzlicheres Licht. Ebenso wie die Beteuerungen des Jobcenters, dass alle Mitarbeiter permanent und gründlich geschult würden. Sie erscheinen wenig glaubhaft. So wenig wie eine zähneknirschende Entschuldigung, die um Wochen zu spät kommt.

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