Aachen - Knasttheater: Harte Männer öffnen auf der Bühne ihre Herzen

Knasttheater: Harte Männer öffnen auf der Bühne ihre Herzen

Von: Alexander Barth
Letzte Aktualisierung:
Theater im Knast: Langjährig
Theater im Knast: Langjährig Einsitzende der JVA Aachen erarbeiten mit Regisseurin Ewa Teilmans das Stück „Verlorenes Paradies”. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Auf einer Theaterbühne wären es keine ungewohnten Bilder: Männer, die mit Handpuppen eine Sterbeszene interpretieren. Männer, die im Wechsel ihre Ängste und Hoffnungen, Wünsche und Träume herausschreien. Im Mehrzweckraum einer Justizvollzugsanstalt sicher schon eher.

Und doch kommen in diesen Tagen regelmäßig große Emotionen hinter hohen Mauern an der Krefelder Straße in Aachen auf die improvisierten Bretter: Die hauseigene Theatergruppe „Die Biberköpfe” bereitet gemeinsam mit Regisseurin Ewa Teilmans die Premiere von „Verlorenes Paradies” vor. Es ist die dritte Zusammenarbeit der JVA-Häftlinge mit dem Theater Aachen.

Für alle Beteiligten eine ganz besondere, weil emotionale Angelegenheit. Ewa Teilmans ist von Anfang an dabei. Bereits für „Berlin Alexanderplatz” nach dem Roman von Alfred Döblin hat sie mit den Häftlingen zusammengearbeitet. Damals waren sie via Videoinstallation aus der Soers „zugeschaltet” im Aachener Theater, gaben dem zerrissenen Inneren von Franz Biberkopf ein vielfältiges Antlitz.

Selbst auf die Bühne treten durften die Häftlinge damals aus offensichtlichen Gründen nicht. Doch die Männer, nahezu allesamt für viele Jahre eingesperrt, hatten Gefallen am Spiel gefunden.

Aufführungen im eigenen Mikrokosmos, der JVA, sollten es sein. Regisseurin Teilmans war sofort bereit, erneut den Weg hinter die vielen Türen zu gehen. Im Juli 2011 spielten die „Biberköpfe”, wie sie sich mittlerweile nannten, dann das Stück „Im Wartesaal der Träume” erstmals für ein Publikum von jenseits der Mauer.

Berührungsängste kennt die Regisseurin nicht. Sie springt herum, scherzt, klopft Schultern, zupft und zieht an den Männern herum. Männer, die beim Theaterspiel viel von sich preisgeben, sagt Teilmans. Mehr, als sie es womöglich in einem Gespräch tun würden.

„Das Spielen hilft mir, mit dem Leben in Haft klarzukommen, mich zu öffnen. Oder einfach dabei, nicht verrückt zu werden”, sagt der dunkelhäutige Thomas, der mit seiner afrikanischen Herkunft für einen wesentlichen Aspekt der Theaterarbeit steht: Sozialverhalten, Respekt, ehrlicher Umgang - auch über Nationalitäten hinweg. Ein Auftreten, das die Anstaltspädagogin Ruth Hildebrandt sehen will. Und das ihrer Meinung nach kaum ehrlicher zu erzeugen sei als beim Theaterspiel: „Hier öffnen sich die Männer, drücken mit den Mitteln des Theaters aus, was sie bewegt.”

Und so wirkt ihr Spiel wie eine szenische Selbstreflexion. Die Atmosphäre des aktuellen Stücks erwächst vor allem aus der Kraft und Ehrlichkeit, die die Protagonisten in ihre Texte und Aktionen packen. „Das sind wir”, sagt Häftling Uwe. „Kein Theater über den Knast kann so authentisch sein wie Theater aus dem Knast”, bekräftigt er. „Und außerdem tut es gut, etwas von sich preiszugeben, alles mal zu benennen.” Alles, das ist die komplette Gefühlspalette aus dem Leben hinter Gittern.

Gemeinsam mit Ewa Teilmans haben die Männer die Episoden erarbeitet, größtenteils nach autobiografischen Fragmenten. So spielen sie sich selbst, berichten vom Verlust geliebter Menschen, von denen man sich nicht verabschieden konnte. Oder von der allmählich verblassenden Erinnerung an das Leben draußen, an das eigene „Früher”. Aufgebrochen, untermalt und verbunden werden die Episoden immer wieder durch den kraftvollen Rock-Sound der Häftlingsband „Planet AC”.

Soziale Arbeit durch Kultur, Therapie durch Ausdruck - so bricht es Ruth Hildebrandt herunter. Die Anstaltspädagogin freut sich vor allem über den Aspekt des Selbstentwickelten, lobt die Eigeninitiative der Männer. Die danken es mit Disziplin, Hingabe und offenem Lob: „Es ist toll, dass Frau Hildebrandt uns die Chance ermöglicht hat”, sagen Thomas und „Kollege” Cooper fast im Chor. Ehrliche Dankbarkeit liegt in ihren Worten.

Die Premiere von „Verlorenes Paradies” in der Regie von Ewa Teilmans (Foto) am 27. Juni ist ebenso wie die offene Generalprobe am 25. Juni bereits ausverkauft.

Für die Vorstellungen am 28. Juni und 4. Juli im Mehrzweckraum der JVA Aachen, Krefelder Straße 251, sind noch Karten erhältlich. Die Vorstellungen beginnen um 18.30 Uhr. Einlass ist zwischen 17.15 und 18.15 Uhr möglich, danach nicht mehr.

Im Anschluss an das rund 90-minütige Stück besteht die Möglichkeit zum Publikumsgespräch. Anders als bei der Premiere werden bei diesen beiden Aufführungen keine Häftlinge im Publikum sitzen.

Karten sind nur mit persönlicher Anmeldung an der Theaterkasse erhältlich.
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