„Klömpchensklub“ startet in die zweite Phase

Von: Jutta Geese
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Freuen sich auf den offiziellen Startschuss am kommenden Freitag: die „Klömpchensklub“-Mannschaft mit Maria Poquett (3.v.r.) und Geschäftsführer Alois Poquett (6.v.l.). Foto: J. Geese
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Die Gaststätte ist unter dem „V“ des großen Tivoli-Schriftzuges am Stadion zu finden.

Aachen. Ziemlich genau vier Jahre ist es her, dass Alois Poquett das Projekt „Klömpchensklub“ anging. Alemannia Aachen hatte damals zum ersten Mal Insolvenz anmelden müssen, und der Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins „Wabe“ (Wohnung, Arbeit, Beschäftigung) wandte sich mit der Idee an den damaligen Insolvenzverwalter, die Fankneipe im Tivoli zu übernehmen und als Integrationsunternehmen mit Menschen mit und ohne Behinderung zu führen.

Bis ins Jahr 2015 hinein zog sich der Schriftverkehr auch mit der Stadt Aachen hin, sagt Poquett. Aber man fand nicht zusammen, ein anderer Bewerber erhielt den Zuschlag. Doch jetzt ist die Wabe beziehungsweise ihre Tochter „Via Integration“ erneut im Spiel: Sie hat den „Klömpchensklub“ gepachtet und wieder zum Leben erweckt – nicht nur an den Heimspieltagen der Alemannia. Am nächsten Freitag, 7. April, fällt offiziell der Startschuss. Der „Probetrieb“ mit Mittagstisch montags bis freitags läuft bereits seit einigen Wochen.

„Hals über Kopf ging das im Herbst vergangenen Jahres“, sagt Alois Poquett, der von „guten Gesprächen“ mit den Verantwortlichen ab Frühjahr 2016 berichtet. Er wollte ein neues Projekt in dem gemeinnützigen Integrationsunternehmen des Vereins etablieren, um Arbeitsplätze zu sichern und neu zu schaffen (siehe Infobox). Und anders als beim ersten Anlauf hat es diesmal mit dem „Klömpchensklub“ geklappt. „Das ist natürlich ein relatives Risiko“, räumt Poquett ein, der in Personalunion Geschäftsführer der „Wabe“ und der „Via Integration“ ist.

Und das nicht nur wegen der fußballerischen Situation am Tivoli und der erneuten Insolvenz von Alemannia Aachen. „Hier fällt ja keiner per Zufall rein“, sagt er. Sprich: Auf Laufkundschaft kann der „Klömpchensklub“ nicht bauen, eher auf Alemannia-Anhänger, die das Stadion lieben und sich gerne im und am Tivoli aufhalten – und beim Mittagessen den ein oder anderen Spieler zu treffen hoffen. Eine nicht unbegründete Hoffnung, denn die Spieler schätzen das Angebot des neuen „Klömpchensklub“ durchaus. „Im näheren Umkreis gibt es aber auch einige Unternehmen“, sagt Poquett. Und er hofft, von dort genügend Gäste zum Mittagstisch (montags bis freitags von 11 bis 15 Uhr) anzulocken.

Platz für 80 bis 100 Personen bietet der „Klömpchensklub“. Miete, Energie- und vor allem die Personalkosten müssen erwirtschaftet werden. Und letztere sind hoch, trotz der Förderung durch den Landschaftsverband, die übrigens jeder Arbeitgeber beantragen kann, der schwerbehinderte Menschen einstellt. Denn es müssen immer genug Service- und Küchenkräfte da sein, auch wenn nur wenige Leute kommen. „Trotzdem glaube ich, dass es funktioniert“, sagt Alois Poquett. „Ich setze auf den Dreiklang Mittagstisch, Öffnung an den 17 Heimspieltagen im Jahr und Veranstaltungen. Wir haben einen Pachtvertrag für drei Jahre. Am Ende werden wir sehen, ob es funktioniert.“

Maria Poquett, Leiterin der Sparte Gastronomie bei der „Via Integration“ und damit nun auch für den „Klömpchensklub“ zuständig, sieht Potenzial vor allem im Veranstaltungsbereich. „Auf Gut Hebscheid wird das sehr gut angenommen, wir müssen immer wieder Anfragen ablehnen.“ Mit dem „Klömpchensklub“ habe man jetzt einen zusätzlichen Raum für Geburtstagsfeiern, Betriebsfeste oder sonstige Partys. Wer Interesse hat, kann sich per Mail an kostbar@via-aachen.de melden.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden es jedenfalls toll, im Tivoli einen weiteren attraktiven Arbeitsplatz zu haben. „Fast keiner unserer Mitarbeiter ist immer nur an einem Ort tätig. Sie finden es spannend, immer wieder woanders zu sein“, sagt Maria Poquett, die viel Zeit in das Schreiben der Dienstpläne investiert und dabei möglichst die Wünsche der Beschäftigen berücksichtigt.

„Wir sind ein fürsorglicher Arbeitgeber“, betont sie. „Wir haben zum Beispiel Jahresarbeitszeiten statt fester Wochenarbeitszeiten. Es gibt Mitarbeiter, die aus familiären Gründen 13 Wochen Urlaub im Jahr haben, dafür in der übrigen Zeit mehr Stunden arbeiten.“ Das wird natürlich alles mit dem Betriebsrat abgesprochen“, betont sie. Das Besondere sei auch, dass bei der „Via“ Menschen mit und ohne Behinderung Hand in Hand arbeiten, auf Augenhöhe. „Es ist unwichtig, ob einer behindert ist oder nicht. Jeder macht das, was er kann. Und jeder wird so genommen, wie er ist.“ Mindestens zwei Mal in der Woche sieht sie jeden ihrer Mitarbeiter, darauf legt Maria Poquett Wert. „Jeder weiß immer, was gerade läuft. Wir sind sehr transparent.“

So ein Unternehmen wirtschaftlich zu betreiben, „ist Knochenarbeit, da muss man sich nichts vormachen“, stellt Maria Poquett fest. „Wir arbeiten ja sieben Tage die Woche, in zwei oder drei Schichten.“ Aber in der Gemeinschaft funktioniert es, und „dazu trägt jeder seinen Teil bei“. Das Miteinander sei für alle sehr bereichernd, für Behindert ebenso wie für Nicht-Behinderte. Natürlich sei nicht alles eitel Sonnenschein, „manches bringt uns auch mal an unsere Grenze“. Dennoch ist sie überzeugt von der Inklusions-Idee. Allerdings: „Man hätte mit Inklusion nicht in der Schule, sondern am Arbeitsplatz anfangen müssen. Dann würde es besser gelingen.“

Nach erfolgreichem Probelauf wird das Projekt „Klömpchensklub“ am kommenden Freitag offiziell eröffnet. Dabei sein werden Vertreter von Politik, Verwaltung, Alemannia, Fan-IG und vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Dem gilt der besondere Dank von Alois Poquett. Denn der hat von den Investitionskosten in Höhe von insgesamt 53 000 Euro den dicksten Batzen übernommen, nämlich gut 42.000 Euro.

Via Integration: Rund 100 Beschäftigte aus der gesamten Städteregion

Die gemeinnützige Via Integration GmbH ist eine 100-prozentige Tochter des Vereins Wabe – Diakonisches Netzwerk Aachen, der 1985 gegründet wurde und verschiedene Einrichtungen für Menschen in schwierigen sozialen Lebenslagen unterhält.

Die „Via Integration“ besteht seit dem Jahr 2002 und ist ein vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) anerkanntes sogenanntes Integrationsunternehmen – eines der ältesten im Rheinland. Solche Unternehmen beschäftigen in besonders hohem Maße Menschen mit einer Schwerbehinderung. Sie dürfen aber trotz der gemeinnützigen Ausrichtung gewerblich tätig sein.

Rund 100 Beschäftigte aus der Städteregion zählt die „Via Integration“ derzeit, darunter 63 in sozialversicherungspflichtigen Stellen. Von diesen 63 Beschäftigten sind 33 schwerbehindert, was einem Anteil von 52,38 Prozent entspricht. 13 sind Auszubildende, von denen wiederum sieben (53,85 Prozent) schwerbehindert sind.

„Ökologisch und sozial“ lautet die Maxime, nach der die „Via Integration“ arbeitet. Auf Gut Hebscheid in Aachen betreibt sie Obst- und Gemüseanbau in Bioland-Qualität, die Ware vertreibt sie im Hofladen und in eigenen Naturkostläden sowie über den Bio-Lieferservice „Grüne Kiste“.

Zum gastronomischen Bereich, der mit 34 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten größten Abteilung, gehören unter anderem der Catering-Service „Kostbar“, der auch den gastronomischen Service im Theater Aachen und im Ludwig Forum verantwortet – und jetzt auch den „Klömpchensklub“ im neuen Tivoli betreibt.

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