Aachen - Kleine Box kommt Rasern auf die Schliche

Kleine Box kommt Rasern auf die Schliche

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Nicht verwechseln: Links die blitzende Überwachungsanlage an der Eupener Straße, rechts die WTC-Box zur Verkehrsanalyse. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das Gerät ist unscheinbar, gerade mal so groß wie zwei Schuhkartons, beige – und hängt in Schulterhöhe an Laternenmasten. Völlig unbemerkt von Autofahrern und Bürgern kommt die Stadt mit diesem für Aachen einzigartigen Verkehrszählgerät namens „wavetec Traffic Counter (WTC)“ seit Mai 2012 Rasern auf die Schliche.

Oder eben nicht. Denn in den meisten Fällen – nachdem Polizei und/oder Anwohner um die Überprüfung von „Rennstrecken“ gebeten haben – stellt sich heraus, dass die Anschaffung einer „Blitze“ nicht notwendig ist. „Eine stationäre Blitzanlage ist für uns immer die letzte Lösung, wenn alles andere vorher nicht geholfen hat“, sagt Heike Ernst. Die Abteilungsleiterin „Straßenverkehr und Sondernutzungen“ nimmt es sehr genau mit dem 2803,11 Euro teuren „wavetec Traffic Counter“.

Vollgepackt mit Technik

Die Kiste ist vollgepackt mit Technik. Und kann in Sachen Verkehrsüberwachung quasi alles – außer Kennzeichen aufnehmen und Fotos knipsen. In dem Monoblock-Gehäuse aus glasfaserverstärktem Kunststoff werden in jeweils vier- bis fünftägigen Messperioden bis zu 4,5 Millionen Fahrzeugdatensätze aufgezeichnet – wie Datum, Uhrzeit, Geschwindigkeit und die Fahrzeuglänge zur Unterscheidung von Lkw, Pkw und Motor- beziehungsweise Fahrrädern.

„Die Daten werten wir in 18 verschiedenen Diagrammen aus“, erläutert der zuständige Techniker Lutz Fabian. So lässt sich – unter anderem – exakt ablesen, wie viele Verkehrsteilnehmer zu welcher Uhrzeit um wie viele Stundenkilometer zu schnell unterwegs waren. Beispiel Eupener Straße: Dort wurde am 1. Dezember auf Geheiß der Unfallkommission eine stationäre Geschwindigkeitsmessanlage in Betrieb genommen.

Vor Jahren waren dort nach Aussage von Polizei und Stadt überdurchschnittlich viele Unfälle auf der Höhe Grindelweg zu beklagen. Wie viele genau – das weiß man nicht. Aber von einer Unfallhäufung spricht man in der Regel, wenn innerhalb von zwölf Monaten an einer Stelle mindestens drei ähnlich gelagerte Unfallszenarien aktenkundig werden. Daraufhin hatte Fachbereichsleiterin Ernst Techniker Fabian mit dem Traffic Counter zur Eupener Straße geordert.

Man stellte eklatante Tempoverstöße fest. Stadteinwärts rollten laut WTC 85 Prozent aller erfassten Autos mit einer Geschwindigkeit von mehr als 86 Stundenkilometern, stadtauswärts 85 Prozent mit mehr als 61 Stundenkilometern. „Mindestens einmal pro Stunde wurde ein Auto mit mehr als 100 Stundenkilometern gemessen“, teilt das Presseamt auf AZ-Anfrage mit. Erlaubt sind 50 Stundenkilometer. Zwischen Messung und Montage der „Blitze“ vergingen allerdings mindestens zwei Jahre – erst musste die Finanzierung des rund 60.000 Euro teuren Starenkastens geregelt werden.

Dabei spielen die meisten „Blitzen“ ihre Anschaffungskosten im Rekordtempo ein. Seit der Inbetriebnahme der neuen Messanlage am 1. Dezember auf der Eupener Straße zählt Ordnungsamtschef Detlev Fröhlke schon 891 Tempoverstöße. Insgesamt fotografierten acht Aachener Starenkästen von Januar bis Ende November 2015 14.204 Temposünder.

Im kompletten Vorjahr waren es 11.950 stationäre Knöllchen, 2013 genau 15.688, 2012 exakt 17.960 und 2011 sogar 20.759 Tempoverstöße. Dass Autofahrer in Aachen in den vergangenen Jahren immer seltener zu schnell fahren, lässt sich daraus aber nicht ableiten, wie Fröhlke betont. Er spricht von Gewöhnungseffekten.

„Nach einer gewissen Zeit kennen die Autofahrer die Positionen der Starenkästen, dafür erhöht sich dann sukzessive die Zahl der Temposünder, die unsere mobilen Überwachungseinheiten erwischen“, sagt er. 2011 zeichneten die Radarwagen des Ordnungsamtes 24.473 Geschwindigkeitsübertretungen auf, im laufenden Jahr 2015 sind es bis Ende November schon 29.342.

Dank des WTC und seiner genauen Aufzeichnungen über Tempoverstöße und Verkehrsaufkommen kann die Stadt Aachen nun leicht den zuweilen von Schnellfahrern formulierten Vorwurf widerlegen, man „blitze“ in erster Linie, um mit höheren Bußgeldaufkommen die städtischen Finanzen zu füttern. „Das ist schlichtweg falsch“, stellt Ernst fest.

Gerade bei Unfallhäufungsstellen bevorzuge die Stadt zunächst bauliche Veränderungen auf der Straße – zum Beispiel durch Aufpflasterungen, um Verkehr einzubremsen. Oder man informiert die Polizei, die dann Radarwagen in Position bringt. Zuletzt geschah dies am Branderhofer Weg, weil die WTC-Box in dieser 30er-Zone 26,6 Prozent von täglich 2900 Pkw über 40 Stundenkilometern gemessen hatte – ein Ausreißer knackte sogar die 90-Km/h-Marke.

Aktueller Spitzenreiter im „Starenkasten-Ranking“ ist übrigens die Hohenstaufenallee. Dort werden derzeit rund 600 Temposünder pro Woche geblitzt – dreimal so viele wie früher. Fröhlke erklärt dies mit erhöhtem Umleitungsverkehr durch die baustellenbedingte Sperrung des Brüsseler Rings.

Keinerlei Kosten kommen indes auf Autofahrer zu, die der WTC-Radar anonym aufzeichnet. Das Gerät war dieses Jahr schon an knapp 200 Tagen im Einsatz – meist in Laurensberg und Stadtmitte. Hier gab die Stadt (fast) unbemerkt Gas.

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