Klassische Chor-Karriere keimte in der ewigen Stadt

Von: Matthias Hinrichs
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Großartige Stimmen, großartige Werke: In St. Michael/St. Dimitrios an der Jesuitenstraße zieht die Cappella Aquensis die Klassik-Fans stets aufs Neue in den Bann. Unter denkwürdigen Umständen, ausgelöst durch den plötzlichen Tod des Domkapellmeisters Professor Rehmann, wurde das Ensemble vor 50 Jahren gegründet. Foto: Andreas Herrmann
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Harte Arbeit wird belohnt: Bei den Proben in der Domsingschule stellt Chorleiter Thomas Beaujean stets höchste Anforderungen an die stimmliche „Kondition“ seiner Sängerinnen und Sänger. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ausgerechnet ein Requiem zum goldenen Geburtstag. Dabei kommt die Cappella Aquensis nun wirklich quicklebendig daher. Mehr als das: Längst gilt das Ensemble als einer der renommiertesten Klangkörper der Region.

 Und Thomas Beaujean ist um eine durchaus erfreuliche Begründung nicht verlegen, warum „sein“ Chor den Auftakt einer kleinen Konzertreihe zum 50-jährigen Bestehen am 1. Juni just mit Anton Dvoraks Requiem op.89 gestalten wird. „Es ist einfach ein wunderbares Stück!“, frohlockt der Chorleiter.

Nicht nur Ensemblemitgliedern der ersten Stunde dürfte die ungewöhnliche Wahl allerdings aus ganz anderem Anlass zu denken geben. Denn selten schien die viel zitierte Erkenntnis – „Jedem Ende wohnt ein Anfang inne“ – derart zutreffend wie in der Rückschau auf die ersten Tage und Wochen dieser ungewöhnlichen Erfolgsgeschichte namens Cappella Aquensis. „Alles begann, als Domkapellmeister Theodor Bernhard Rehmann am 4. Oktober 1963 völlig überraschend starb“, erinnert sich Sängerin Monika Schmitz-Wirtz.

Turbulente Reise mit dem Bischof

Die Trauer und der Schock über den Tod des hoch angesehenen Theologen und Musikers verband sich alsbald mit der tiefen Sorge um die Zukunft des Domchores – genauer: um dessen weibliche Mitglieder. „Plötzlich stellte sich die Frage, ob dort weiterhin auch Frauenstimmen zum Einsatz kommen sollten“, erzählt Schmitz-Wirtz. Unter derlei dramatischen Umständen trat das Ensemble wenige Tage nach dem tragischen Verlust seines Leiters eine seit langem geplante Reise mit dem damaligen Bischof Johannes Pohlschneider nach Rom an. Anlässlich des Zweiten Vatikanischen Konzils sollte der Chor dort Bachs berühmte h-Moll-Messe darbieten – was unter dem kurzfristig organisierten Dirigat des Grazer Domkapellmeisters Dr. Anton Lippe auch geschah.

Mindestens ebenso groß freilich war die Aufregung, als die Sängerinnen und Sänger just bei der Abreise erfuhren, dass Domvikar Dr. Rudolf Pohl zum neuen Leiter des Domchors ernannt worden war. Pohl hatte bereits den Knabenchor des Aachener Münsters wieder auf eine beachtliche Leistungshöhe gebracht. „Es lag auf der Hand, dass unter ihm der gemischte Erwachsenenchor zumindest ins zweite Glied rücken würde“, weiß Beaujean, der dem Domchor schon damals, mit gerade einmal 17 Jahren, angehörte. Der Bischof wurde also bestürmt, Pohls Berufung zu verhindern – vergebens. Der „Putsch“, wie Beaujean die turbulenten Ereignisse heute mit einem Schmunzeln kennzeichnet, war nicht mehr aufzuhalten: 57 Frauen und Männer verließen den Domchor und gründeten die „Cappella Aquensis“. Im November 1963 kamen die Sänger zur ersten Probe zusammen.

Ein Glücksfall namens André Rieu

Nach den heftigen „Geburtswehen“ winkte ihnen ein wahrer Glücksfall: Kein Geringerer als André Rieu konnte als Künstlerischer Leiter gewonnen werden. Der Vater des gleichnamigen Starviolinisten leitete seinerzeit das Limburgische Sinfonieorchester in Maas-tricht und war Rehmann in Freundschaft verbunden gewesen.

Nicht zuletzt dank vielfältiger Unterstützung etablierte sich das junge Ensemble rasch. Heribert Scharrenbroich, damals Pfarrer an St. Foillan, sorgte dafür, dass der Chor regelmäßig Hochämter in St. Nikolaus singen konnte. Nach der offiziellen Gründungsversammlung im Januar 1964 wurde Hans-Hugo Wolff zum Vorsitzenden gewählt. Wenig später konnte bereits die erste Schallplatte mit zwei Messen des italienischen Komponisten Lorenzo Perosi produziert werden. Bereits im Jahr darauf reichte Wolff den Stab des Vorsitzenden an den späteren Dombaumeister und Stadtkonservator Dr. Leo Hugot weiter. Der erste weithin beachtete Auftritt folgte anlässlich der Heiligtumsfahrt 1965. Mit den Maas-trichter Sinfonikern wurde Bruckners d-Moll-Messe in St. Nikolaus aufgeführt. Neben regelmäßigen Auftritten im Dreiländereck führten Gastspiele nach Heerlen, Düsseldorf, Köln und Paris. Einen ersten Griff zu den musikalischen Sternen vermerkt die Chronik für November 1967: In Maastricht erklang Bachs Messe in h-Moll – eben jenes grandiose Werk, mit dem sich die „Abtrünnigen“ vier Jahre zuvor im fernen Rom quasi vom Domchor verabschiedet hatten. Bald umfasste das Repertoire nicht nur Messen und Motetten der alten Meister, auch neuere Kirchenmusik wurde zu Gehör gebracht, darunter Werke des Briten Ralph Vaughan Williams, des flämischen Komponisten Arthur Meulemans und eine Uraufführung des jungen Aacheners Karlheinz Höne. Mit einer Konzertreise in die Partnerstadt Reims ging die „Ära Rieu“ 1973 zu Ende. Der Meister erhielt ein Engagement in der Bach-Stadt Leipzig.

Eine kurze Liaison

Eine kurze Liaison mit dem Städtischen Chor unter der Schirmherrschaft von OB Kurt Malangré folgte, mehrere Uraufführungen wurden mit großem Erfolg auf die Bühne gebracht. Zum Abschied von Generalmusikdirektor Wolfgang Trommer brachte das fusionierte Ensemble Ende April 1974 Puccinis Messa da Gloria und Bizets Te Deum zu Gehör – beide Werke waren nie zuvor in der Kaiserstadt erklungen. Nun aber mangelte es in der musikalischen Ehe ausgerechnet an Männerstimmen. Im Mai 1974 wurde die Kooperation aufgekündigt. Kurzfristig übernahm der jüngst aus dem Amt geschiedene Domorganist Norbert Richtsteig die Künstlerische Leitung, dann konnte man Willi Eschweiler als neuen Dirigenten gewinnen. „Ihm war es zu verdanken, dass die ,Cappella‘ nach der gescheiterten Fusion nicht auseinanderbrach“, sagt Beaujean.

Ein Neuanfang mit Festkonzert

Er selbst sollte bald darauf dafür sorgen, dass das so blieb. Nach Eschweilers Ausscheiden Ende 1977 hatte der junge Leiter des Aachener Kammerorchesters ein Weihnachtskonzert im Krönungssaal gemeinsam mit der Cappella Aquensis aufgeführt. Wenig später übernahm der einstige Domsingknabe und spätere langjährige Chef der städtischen Musikschule den Dirigentenstab auch in der „Cappella“. Trotz mancher musikalischer Startprobleme führte Beaujean das Ensemble zu neuen Triumphen. Allein 25 Chorwerke mit Orchesterbegleitung wurden seither (vor allem dank großzügiger Sponsoren) unter seiner Leitung zu Gehör gebracht, bei zahllosen A-Cappella-Konzerten und Hochämtern festigte das Ensemble seinen Ruf über die Grenzen der Stadt hinaus. Besondere Höhepunkte stellten wiederum die Aufführung der Bachschen h-moll-Messe in Steinfeld (1980) und in Nizza (1981), Darbietungen der berühmten Johannes-Passion in Aachen, Maas-tricht, Heerlen und Venlo sowie Gastpiele in Ungarn (1989), am Bodensee (2007) und erneut in Reims (2008) dar. 1986 strahlte der WDR ein Konzert mit Werken von Frank Martin und Francis Poulencs aus, das die „Cappella“ anlässlich des Katholikentags in St. Nikolaus gestaltet hatte. Beethovens Missa solemnis wurde 1987 in Tongeren, im Jahr darauf in der Nikolauskirche, schließlich anno 2002 im Hohen Dom zu Aachen intoniert. Dort sang der Chor 1993 und 2007 auch Verdis Requiem und bereits anno 2000 Mendelssohn-Bartholdys „Elias“. Bereits seit Sommer 1996 war das Ensemble nun auch wieder regelmäßig im Dom zu hören, nachdem die Franziskanermönche die langjährige „Stammkirche“ St. Nikolaus verlassen hatten. Und seit rund elf Jahren, berichtet Beaujean stolz, gibt Domkapellmeister Berthold Botzet dem Chor regelmäßig Gelegenheit, den Domchor zu vertreten.

Eine schmerzhafte Zäsur

So ändern sich die Zeiten. Allein: Die „Cappella Aquensis“ will mit Thomas Beaujean und ihrem Vorsitzenden Hans-Jürgen Röls noch viele, viele Erfolge feiern – auch wenn die meisten Stimmen der ersten Stunde längst verstummt sind. Bereits 2007 hatte das Ensemble sich dazu durchgerungen, eine Altersgrenze von 70 bzw. 72 Jahren für seine weiblichen und männlichen Sänger einzuführen. Seither ist das Team von vormals rund 75 auf nur noch 45 Mitglieder reduziert. „Das hat auch mir fürchterlich weh getan“, sagt der Chorleiter, „auch wenn der Beschluss eigentlich bereits bei der Gründung vorgesehen war.“ Aber: „Dieser Schritt war leider notwendig, um die besondere Strahlkraft des Ensembles zu erhalten.“

Im Jubiläumsjahr will die Cappella Aquensis alsbald erneut beweisen, wie quicklebendig (nicht nur) die alten Meister bis heute geblieben sind.

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