„Klartext! Auf ihrem Sofa!“: Wahlkämpferin im eigenen Wohnzimmer

Von: Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
13974807.jpg
Wahlkampf daheim: Petra Schreiber-Finke (4.v.r.) hat die CDU-Landtagsabgeordnete Ulla Thönnissen (6.v.r.) in ihr Wohnzimmer eingeladen. Mit der Politikerin diskutierten Gianluca Vroomen (v.l.), Nicole Virnich, Holger Brantin, Ekkehard Meurers, Markus Rohowsky, Uschi Ronnenberg, Jürgen Kutsch und Holger Schreiber. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Nein, aufs Sofa will sich Ulla Thönnissen dann doch lieber nicht setzen. Schnell fürs Foto, okay, aber nicht fürs Gespräch. Da zieht die Aachener CDU-Vorsitzende und Landtagsabgeordnete den exponierten Solositz auf einem Stuhl vor, auch wenn ihre neue Wahlkampfidee ausgerechnet den Titel „Klartext! Auf Ihrem Sofa!“ trägt.

„Aber so kann mich doch jeder viel besser sehen“, verteidigt die Christdemokratin ihre Platzwahl. Vor allem wollen die Menschen, die sich an diesem Abend in Petra Schreiber-Finkes Wohnzimmer versammelt haben, sie aber hören. Sie wollen wissen, was Thönnissen so zu sagen hat. Sie wollen sie vieles fragen, sie wollen sich vielleicht sogar streiten mit der Frontfrau der Aachener CDU.

„Ich fand die Idee sehr gut“, sagt die Gastgeberin zu Ulla Thönnissens Angebot, die Bürger daheim im Wohnzimmer zu besuchen, „denn sonst kennt man Politiker ja nur von den Wahlplakaten“. Also hat Petra Schreiber-Finke ein paar Freunde, Nachbarn und Bekannte eingeladen, und dann sitzt man gemütlich beisammen: die Berufspolitikerin, die den Aachener CDU-Vorstandskollegen Holger Brantin als Verstärkung mitgebracht hat, mit zwei Unternehmern, einer Steuerberaterin, einem Kommunikationsberater, einem Rechtsanwalt, einer Grafikerin und einer PR-Expertin.

Politik trifft hier auf Wirklichkeit, aber nur auf einen Teil derselben. Aufs gehobene (Bildungs-)Bürgertum. Auf durch die Bank politisch interessierte Menschen, unter denen der Nichtwähleranteil verschwindend gering sein dürfte. Auf Leute, die der CDU-Frau überwiegend zumindest freundliches Wohlwollen entgegenbringen. Ulla Thönnissen bewegt sich in diesem fremden Wohnzimmer nicht auf Feindesland, das wird schnell deutlich.

Und die restlos Frustrierten, die Politikverdrossenen, womöglich sogar die Abgehängten, denen sie mit ihrem neuen Wahlkampfformat auch näherkommen möchte, die findet sie hier eher nicht. Was der Runde durchaus bewusst ist. „Eigentlich sprechen Sie hier nicht bei den richtigen Leuten“, sagt einer gegen Ende der Diskussion, als es wieder einmal um das Phänomen AfD geht. Und die meisten nicken.

Was aber nicht heißt, dass es keine Kritik setzt. Als Thönnissen am Anfang fragt, ob sie erst einmal selber reden soll oder gleich gefragt wird, ist die Reaktion eindeutig. Besser gleich fragen. Wahlkampfreden will keiner hören. Und in den Momenten, in denen die Christdemokratin in den bei allen Politikern so beliebten Wahlkampfmodus umschaltet und über den politischen Gegner herzieht, wird auch schon einmal beherzt dazwischengegrätscht: Als Thönnissen der SPD einen „maroden Zustand“ attestiert, kassiert sie den Konter, dass die CDU ja nun auch nicht ganz so fit sei.

Und als sie ausgiebig die Politik der rot-grünen Landesregierung kritisieren will, wird sie aufgefordert, doch bitteschön lieber mal zu erklären, was sie selber besser machen will. Wobei einer schon einmal vorsorglich warnt, dass „mir keiner weismachen kann, dass der Laschet in NRW in fünf Jahren blühende Landschaften schafft“.

Die Wahlkämpferin verspricht mehr Unterstützung für mittelständische Firmen, weniger Bürokratie, einen neuen Landesentwicklungsplan, eine neue Hochschulpolitik, doch eigentlich streift man all diese Landesthemen eher am Rande. Denn auch in diesem Wohnzimmer dominieren zwei aktuelle Bundesthemen die Diskussionen: die Flüchtlingsfrage und das damit verbundene Erstarken der AfD zum einen und dieser SPD-Kanzlerkandidat aus dem nahen Würselen, der die Sozialdemokraten derzeit so verzückt und die Christdemokraten so beunruhigt – auch wenn die Aachener CDU-Chefin sich von der Kandidatur des Martin Schulz und dem Aufwind der SPD nicht ins Bockshorn jagen lassen will: „Ich glaube, das regelt sich von selber.“

Schwieriger ist da die Flüchtlingsfrage. Dass die Kanzlerin aus humanitären Gründen die Grenzen geöffnet hat – das finden in diesem Wohnzimmer wohl die meisten menschlich gut. Dass das unkontrolliert geschah – nun ja. „Fahrlässig“ und „naiv“ sei das gewesen, wird Merkel vorgeworfen. Und auch die Aachener Parteifreundin muss sich da ein bisschen winden. „Ich halte den Kurs von Angela Merkel in weiten Teilen für nachvollziehbar“, sagt sie. Klartext klingt eigentlich anders. Und sie ergänzt: „Aber das heißt nicht, dass man nicht auch Leute zurückführt.“ Aha.

Am Ende der 90-minütigen Diskussion sind aber alle mehr oder weniger zufrieden. Die Gastgeberin, die das Ganze „grundsätzlich gut“ fand, „auch wenn einige Themen etwas zu kurz gekommen sind“. Und die Wahlkämpferin, die sich grundsätzlich über die „sehr gute Resonanz“ auf ihre Wahlkampfidee freut. Zehn oder elf Aachener Wohnzimmer habe sie bereits besucht, sagt Thönnissen, und dabei durchaus auch Leute erreicht, die sich aus Frust überlegten, AfD zu wählen: „Genau diese gehören auch zu meiner Zielgruppe.“

Dass sie die vollends Politikverdrossenen, die Abgehängten so allerdings kaum erreicht, weiß die CDU-Politikerin aber auch. Denn wer die Nase voll hat von den etablierten Parteien, lädt keine Wahlkämpferin auf sein Sofa ein. Selbst wenn diese auch mit einem Stuhl vorlieb nehmen würde.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert