Kita-Streik: Wohin mit gut 4000 Kindern?

Von: Robert Esser und Stephan Mohne
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Streikwelle in Magenta: Tausende Komba-Mitglieder strömten für höhere Gehälter auf den Elisenbrunnen und fluteten den Platz mit violetten Tönen. Foto: Harald Krömer/Michael Jaspers
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Seitenwechsel? Vor dem Bahnhof wurde Personaldezernent Lothar Barth mit Streikparolen der Gewerkschaft ausgestattet – nur vorübergehend.
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Geheime Adresse: In sechs Kitas – hier an der Schurzelter Straße – haben Eltern die Betreuung ihrer Kinder jetzt selbst in die Hand genommen.
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Anlaufstelle: Im Verwaltungsgebäude Lagerhausstraße koordiniert die Stadt nicht-streikende Mitarbeiter und beantwortet Elternfragen.
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Ohne Selfie geht nichts: Der Streik wird via Handy dokumentiert.

Aachen. Kaum betritt der Gegner der Arbeitskampfes den Bahnhofsvorplatz, geben die Erzieherinnen pfeifend den Ton an. Auch den Farbton. Im Handumdrehen steht der Aachener Personaldezernent Lothar Barth, eigentlich auf der anderen Seite des Verhandlungstisches, inmitten der magentafarbenen Streikfront mit lila Gewerkschaftshalstuch, Kappe und Handschild im Bild.

„Sozial- und Erziehungsberufe: Richtig Gut – Aufwerten jetzt!“ steht auf dem Schild, das Personalchef Barth etwas verdutzt in der Hand behält. Dabei hat nicht jeder so viel Verständnis für alle Positionen der Gewerkschaften Komba und Verdi, die am Montag zum Auftakt ihres unbefristeten Streiks am Hauptbahnhof, Westbahnhof, Willy-Brandt-Platz und bei der zentralen Kundgebung am Elisenbrunnen Flagge zeigten.

Nach Schätzungen sind Montagmittag weit über 4000 Erzieherinnen aus ganz NRW in Aachen auf den Beinen, um eine Höhergruppierung ihrer Tarifgruppe und damit einen Lohnzuwachs um rund zehn Prozent zu erzwingen. Von 57 städtischen Kindertagesstätten mit insgesamt 850 Erzieherinnen kann die Stadt mit den wenigen arbeitenden Kräften neun Gruppen in acht Kitas aufrecht erhalten. Nur 140 Mitarbeiterinnen – neben Fachkräften vor allem Küchenhilfen und Therapeuten – hatten sich in der städtischen Streikzentrale im Verwaltungsgebäude Lagerhausstraße zur Arbeit gemeldet. Weitere sechs Kitas hat die Stadt – kostenfrei – an Eltern vermietet, die dort eigenständig und in Eigenverantwortung die Betreuung ihrer Sprösslinge organisieren.

Welche sechs Kitas dies sind, will die Stadt aber nicht verraten. „Das unterliegt aus datenschutzrechtlichen Gründen der Geheimhaltung“, sagt Björn Gürtler vom Presseamt. In detaillierten schriftlichen Verträgen mit den enorm engagierten Eltern ist unter anderem festgelegt, dass diese in den Kitas nicht mit Journalisten sprechen dürfen. An diesen Maulkorb hält sich auch die Kita an der Schurzelter Straße 21. Dort betreuen Väter und Mütter – quasi geheim – immerhin 35 Kinder, also etwa die Hälfte der normalen Kapazität.

Über 90 Prozent der Eltern hilft das nicht. Barth erklärt am Rande des Demonstrationszuges, er habe durchaus Verständnis für die Strategie der Gewerkschaften, zum Beginn des unbefristeten Streiks erstmal keine Vereinbarung über weitere Not-Kitas mit der Stadt in Erwägung zu ziehen. „Das muss man nachvollziehen können. Die müssen jetzt erstmal ihre Reihen schließen – das ist normal“, sagt er.

Der Personaldezernent betont, dass man in Aachen mit Komba und Verdi sehr positiv im regen Austausch stehe – auch wenn die Positionen denkbar weit auseinander lägen. „Zehn Prozent mehr Gehalt für so viele Bedienstete bringen den Finanzhaushalt in Aachen in Gefahr. Das können wir uns nicht leisten – zumal das Personal auf diesem Sektor in den vergangenen drei Jahren fast um 15 Prozent aufgestockt wurde und künftig durch den U3-Ausbau noch weiter wächst“, erklärt er. Die Streikenden hingegen sehen ihre Arbeit als krass unterbezahlt an und wollen besser eingruppiert werden.

Barth rechnet mit mindestens 14 Tagen Streik, erwartet aber, dass ab kommender Woche, 18. Mai, deutlich mehr Notgruppen in Absprache mit den Gewerkschaften zur Verfügung stehen. Viele berufstätige Eltern und Alleinerziehende in Aachen haben laut Barth zwar Verständnis für die Lohnforderungen der Erzieherinnen, nicht aber für die „totale Ablehnung von Notfallvereinbarungen durch die Gewerkschaften“. Das sieht Michael Kaulen, Komba-Landesstreikleiter, anders: „Notfallvereinbarungen gibt es, wenn Gefahr in Verzug ist oder es um Leib und Leben geht – in Krankenhäusern zum Beispiel.“ Das sei in Kitas definitiv nicht der Fall. „Wir würden dann ja auch unseren eigenen Streik untergraben. Wir wissen, dass das harte Tage sind. Aber wir wissen auch, dass es viel Verständnis bei den Eltern für unsere Forderungen gibt“, fügt er hinzu, während gerade ein Demozug mit 2000 Komba-Leuten trommelnd und pfeifend am Elisenbrunnen ankommt.

Dennoch: Die Stadt zählt am ersten Streiktag dutzende Anrufe von Eltern, die nicht wissen, wohin mit ihrem Kind. In einigen Notfällen habe man unbürokratisch Hilfe organisieren können, erklärt Sabine Fischer, Abteilungsleiterin für Kindertagesstätten, Offene Ganztagsschule (OGS) und Tagespflege bei der Stadt. Vom Streik betroffen sind in Aachen insgesamt 3750 Kinder in Kitas – hinzu kommen 1000 OGS-Plätze. Von den neun OGS sind am Montag zwei komplett dicht; in neun Einrichtungen gibt es Notbetreuung, nur zwei sind „normal“ geöffnet.

Für Eltern hat die Stadt eine Kita-Hotline unter der Rufnummer 4324444 geschaltet. Dort können sich auch Väter und Mütter melden, die wie in der „Geheim-Kita“ Schurzelter Straße und fünf weiteren Einrichtungen in städtischen Räumen noch mehr private „Eltern-Kitas“ öffnen möchten.

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