Keine Angst vor den Themen Tod und Trauer

Von: Esra Güner
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Zum Thema Tod haben Kinder viele Fragen: Karl Steenebrügge (Bestattungshaus Bakonyi), Johannes Wüller (Homecare) und die Schulleiterin Gisela Boing gaben Antworten rund um das schwierige Thema. Foto: Stephan Rauh

Aachen. Melisa nähert sich Johannes Wüller und flüstert leise: „Wie fühlt sich Sterben an?“ „Ich war ganz oft dabei“, sagt der Arzt mit ruhiger Stimme und erinnert sich. „Für die meisten muss es ganz schön sein. Sie sind oft entspannt und haben ein Lächeln im Gesicht“. „Hmm“. Der Wissensdurst der achtjährigen Schülerin ist nicht gestillt. „Weißt Du, wie eine Seele aussieht?“

Eigentlich ist die Informationsstunde zum Thema „Tod, Sterben und Trauer“ von Johannes Wüller beendet, aber Kinder, die noch persönliche Fragen haben, sollen ruhig nachher zu ihm kommen. Das hatte er am Anfang gesagt. Und von diesem Angebot machen viele Gebrauch, denn die 32 Schüler der Grundschule Michaelsbergstraße sind sehr interessiert und aufgeschlossen gegenüber dem schwierigen Thema.

Besondere Unterrichtsreihe

Der Vortrag über die medizinischen Aspekte des Todes ist der Beginn einer besonderen Unterrichtsreihe, die die Grundschule veranstaltet. In vier Vorträgen haben Dritt- und Viertklässler die Möglichkeit, sich mit Medizinern, Theologen, Mitarbeitern aus der Hospizbewegung und eines Beerdigungsinstituts dem Thema Tod und Trauer aus unterschiedlichen Perspektiven zu nähern. Johannes Wüller ist ärztlicher Leiter bei „Homecare“ und zuständig für die palliative Versorgung, also die Behandlung und Begleitung von Menschen mit einer nicht heilbaren Erkrankung und begrenzter Lebenserwartung. Und er setzt sich ein für den Hospizneubau am Iterbach. „Es ist sehr wichtig, Kinder mit dem Tod nicht alleine zu lassen“, sagt der Arzt. Viel zu oft werde das Thema in der Familie tabuisiert.

Der Ansicht ist auch Schulleiterin Gisela Boing. Dass Kinder sich jetzt also schon in ihren jungen Jahren mit dem Ende des Lebens befassen, sei deshalb genau richtig. Sie spürten ohnehin, wenn etwas nicht stimme. Das spiegelt sich auch in der Unterrichtsreihe wieder: Wüller bespricht mit den Schülern Fälle wie Krebs und Herzinfarkt, und sie zögern nicht, von ihren eigenen Erfahrungen mit kranken Angehörigen zu berichten. „Meine Tante hat Brustkrebs“, sagt eine. „Und meine Oma erkennt mich gar nicht mehr“.

Symptome von Altersschwäche

„Alte Menschen können ein bisschen komisch sein; das ist ganz normal“, sagt Wüller lächelnd und verweist auf weitere Symptome von Altersschwäche. Verständnis haben und den Tod respektieren – für Boing essenzielle Fähigkeiten. „In unserer immer älter werdenden Gesellschaft wird ein liebevolles Miteinander umso wichtiger.“ Das zeigt sie mit ihrer Grundschule Michaelsbergstraße auch beispielhaft, und zudem will sie mit den Kindern für den Aufbau des neuen Hospizes am Iterbach (siehe Zusatzbox) ein ordentliche Spende organisieren.

Bei seinem Vortrag ist Wüller behutsam und verarbeitet die Themen kindgerecht. Trotz der anderthalb Stunden bleiben die Kinder aufmerksam, vor allem dann, wenn der Arzt von seinen Erfahrungen spricht. So sind alle mucksmäuschenstill, als er von einer Patientin erzählt, die in ihrem Alemannia-Trikot beerdigt werden wollte.

Angst scheinen die Kinder vor dem Tod augenscheinlich nicht zu haben, aber dafür herrscht viel Unsicherheit. Melisas Mitschülerin hat die Idee: „Schön wäre es doch, wenn man wieder zurückgehen könnte, wenn es einem dort nicht gefällt.“

Es ist diese Mischung von harten Fakten und kindlicher Unbefangenheit, die die Tiefgründigkeit der Fragestunde ausmacht. Die Unterrichtsreihe zeigt: Kinder haben ein klares Bedürfnis, mehr über den Tod zu erfahren.

Für Boing ist dies ein Beweis mehr für ihr nächstes Vorhaben: Demnächst ist nämlich ein ähnliches Projekt für Erst- und Zweitklässler geplant.

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