Kein Parkplatz für MS-Kranken: Wie Bürokratie einen Behinderten quält

Von: Oliver Schmetz
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Ein Parkplatz vor der Haustür: Für den MS-kranken und schwerst gehbehinderten Martin Westhoff ist das der Idealzustand. Doch die Stadt will ihm den Stellplatz nicht reservieren, weil der Parkdruck in der Suttnerstraße nicht groß genug ist. Also muss Westhoff manchmal laufen, obwohl er das kaum kann. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ein Parkplatz zehn oder zwanzig Meter von der eigenen Haustüre entfernt? Was für viele Aachener traumhaft wäre, beschert Martin Westhoff Alpträume. Zehn oder zwanzig Meter zu Fuß zu gehen, ist für den Di- plomingenieur eine Qual. An schlechten Tagen kommen ihm die Meter wie Kilometer vor.

Dann schafft er die Strecke gar nicht. Oder es kann sein, dass er stürzt. Denn Westhoff leidet an Multipler Sklerose (MS), einer unheilbaren chronisch-entzündlichen Erkrankung des Zentralnervensystems. Vor sieben Jahren erhielt der heute 42-Jährige die Diagnose. Vor der Erkrankung war er Triathlet und Langstreckenläufer. Seit eineinhalb Jahren ist er immer öfter auf den Rollstuhl angewiesen.

Und natürlich benötigt er sein Auto. Denn Westhoff ist nach wie vor voll berufstätig. An manchen Tagen arbeitet er von zu Hause aus, an anderen muss er ins Büro. Und dann braucht er, wenn er zurückkommt, den Parkplatz vor seiner Haustüre. Weil zehn oder zwanzig Meter für ihn zu Kilometern werden. Aber der Platz ist nicht immer frei. Dann geht die Quälerei los.

Martin Westhoff hat deshalb bei der Stadt einen personenbezogenen Schwerbehindertenparkplatz beantragt. Direkt vor seiner Haustüre. Aber den kriegt er nicht. Die Stadt hat seinen Antrag abgelehnt. Das liegt nicht an ihm. Martin Westhoff geht es, so kann man es formulieren, durchaus schlecht genug, um solch einen Anspruch zu erheben. Doch er wohnt offenbar in der falschen Straße. Denn in der Suttnerstraße in Eilendorf, in der der MS-Kranke mit seiner Frau lebt, herrscht nicht der nötige „Parkdruck“, der für solch eine Ausnahme notwendig ist.

So jedenfalls hat es ihm ein Mitarbeiter der Verwaltung nach Ortsbesichtigungen mitgeteilt. Bei den Besuchen hat der Mann vom Amt gesehen, dass Westhoffs Wagen auch ohne Sonderregelung vor der Tür stand. Und dass es „im Bereich Ihrer Wohnung“, wie er schreibt, jeweils viele freie Parkmöglichkeiten gegeben habe. „Ich will nicht ausschließen“, heißt es in der ablehnenden Mail, „dass das eine oder andere Mal auch Sie bei der Heimkehr einen etwas weiteren Weg zwischen geparktem Auto und Wohnung zurücklegen müssen.“ Eine „in der Regel bestehende Parknot“, wie es die Straßenverkehrsordnung verlange, liege aber nicht vor.

Offenbar, so kann man diese Antwort deuten, ist in den Augen der Stadt für den schwerbehinderten Anwohner die Quälerei noch nicht groß genug. Martin Westhoff kann darüber nur den Kopf schütteln. „Natürlich herrscht hier für gesunde Menschen überhaupt kein Parkdruck“, sagt er. „Aber für mich ist jeder Meter mehr eine Qual.“ Und natürlich könne er häufig direkt vor dem Haus parken. Aber eben nicht immer.

Beharren auf Paragrafen

Dass das bürokratische Beharren auf Paragrafen ihm das Leben noch schwerer macht, will der Mann nicht einfach so hinnehmen. Anfang des Jahres hat er den Parkplatz beantragt, die schriftliche Ablehnung erhielt er Ende April. Ende Juni hat er dann noch einmal einen Vorstoß unternommen. Da hatte er gerade dieses „eine oder andere Mal“ erlebt, wo auch er einen weiteren Weg zur Wohnung zurücklegen musste. Martin Westhoff hatte auf der anderen Straßenseite parken müssen und war beim Überqueren der Straße gestürzt. Ein Autofahrer bremste rechtzeitig und brachte ihn zur Tür.

Den Unfallbericht verschickte Westhoff an den Mann vom Amt, an den Behindertenbeauftragen der Städteregion und an Aachens Oberbürgermeister – verbunden mit der Bitte, seinen Fall noch einmal zu überdenken. „Ich habe von keinem eine Antwort erhalten“, sagt er. Vor kurzem habe er dann noch einmal telefonisch einen Versuch gestartet, erzählt er – ebenfalls ohne Erfolg.

Auch auf Anfrage der AZ bleibt die Verwaltung bei ihrer Sicht der Dinge. Der mit der Angelegenheit befasste Kollege habe „sich die Entscheidung nicht leicht gemacht“, sagt Rita Klösges vom städtischen Presseamt. Er sei „bestimmt zehn Mal zu verschiedenen Zeiten vor Ort gewesen“, habe aber den notwendigen Parkdruck nicht erkennen können. Es gelte letztlich die Straßenverkehrsordnung, die in dieser Frage „keinen weiteren Ermessensspielraum“ vorsehe.

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