Katastrophenschutz: Jodtabletten in allen Kitas und Schulen

Von: Stefan Herrmann
Letzte Aktualisierung:
12142667.jpg
AKW Tihange: Was wird aus Aachen, wenn in der 60 Kilometer entfernten belgischen Stadt der atomare Ernstfall eintritt? Im Bürgerforum war gestern der Katastrophenschutz Thema. Foto: stock/Reporters

Aachen. Als die Verwaltung vor Wochen den 26. April als nächsten Sitzungstermin für das Bürgerforum festlegte, hatte niemand das symbolträchtige Datum dieses Tages im Blick. Und so war es reiner Zufall, dass genau dem Tag, an dem sich der Super-GAU von Tschernobyl zum 30. Mal jährte, in Aachen Politiker, Bürger und Verwaltungsexperten sich im Ratssaal ein weiteres Mal mit dem Thema Tihange beschäftigten.

„Wie ist die Region auf einen schweren Atomunfall im nahe gelegenen AKW Tihange vorbereitet?“ fragte die Verwaltung selbst in der Überschrift des Tagesordnungspunkts. Vieles drehte sich in den vergangenen Monaten bei dieser Frage vor allem um die (Vorab-)Verteilung der Jodtabletten. Und die, so deutete es Aachens Feuerwehrchef Jürgen Wolff plötzlich und beinahe ein wenig unbemerkt nach fast zwei Stunden Diskussion an, könnte in Aachen womöglich entgegen aller bisherigen Erklärungen doch künftig an alle Bürger erfolgen.

„Wir gehen die Verteilung der Tabletten bis in die Bürgerschaft an“, sagte Wolff am Ende eines informationsreichen Abends. Zuvor hatte bereits Schuldezernentin Susanne Schwier betont, dass die Verwaltung derzeit versuche, die dezentrale Verteilung der Jodtabletten voranzutreiben. Diese sollen, so Schwier, zunächst vor allem an Schulen und Kitas deponiert werden, damit die Kinder und Jugendlichen dort im atomaren Ernstfall umgehend versorgt werden könnten.

Aber auch für diesen Fall muss noch einiges geklärt werden. Mitarbeiter müssen geschult, Einverständniserklärungen von Eltern eingefordert werden. Ein organisatorischer Aufwand, der nicht im Handumdrehen zu erledigen sei. Bisher lagern rund 309.000 Jodtabletten im Uniklinikum, die für Personen unter 18 Jahren und Schwangere vorgesehen sind.

Damit endete das Bürgerforum durchaus mit einem Paukenschlag, ist es doch seit Monaten eine der zentralen Forderungen des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie, dass eben jene Tabletten vorab verteilt werden sollen, da dies im Falle eines atomaren Unfalls in der knappen Zeit nicht mehr zu bewältigen ist.

Jenes Aktionsbündnis war es auch, dass das Thema Tihange mit auf die politische Agenda gehoben hatte. Was passiert, wenn es im gut 60 Kilometer entfernten Tihange zum schlimmsten Fall der Fälle kommt? Was passiert, wenn sich ein folgenschwerer Atomunfall in Belgien ereignet? Bald ein Jahr ist es her, dass das Bündnis der Stadtverwaltung ein Schreiben mit insgesamt 61 Fragen zum hiesigen Katastrophenschutz zugesandt hat. Was folgte, bezeichneten Kritiker als ein peinliches Hin und Her der Behörden.

Denn Antworten rückte die Verwaltung erst so gut wie gar nicht, später dann nur häppchenweise heraus. Nun liegen für alle im Internet einsehbar Antworten auf die 61 Fragen des Aktionsbündnisses vor. Allerdings dürften viele besorgte Bürger diese als zum Teil unbefriedigend empfinden. Beispiel: „Welche regelmäßigen atomaren Katastrophenschutzübungen führten Ihre Feuerwehren und andere Behörden in den vergangenen Jahren grenzüberschreitend durch?“ Antwort der Verwaltung: „Die Feuerwehr Aachen hat keine solche Übungen mit dem genannten Themenkomplex durchgeführt. Übungen anderer Behörden sind nicht bekannt.“

Eine weitere Frage: „Wie wird eine mögliche Evakuierung durchgeführt?“ Antwort: „Eine Evakuierung der gesamten Stadt Aachen ist nicht planbar und durch die Feuerwehr Aachen nicht durchführbar.“ Hier sei die Unterstützung des Landes und gegebenenfalls darüber hinaus „zwingend notwendig“. Blieben viele Aspekte in der schriftlichen Darlegung weiterhin vage und teils sogar mehr oder weniger unbeantwortet, überraschten einige Aussagen im Bürgerforum die Zuhörer dann doch.

Feuerwehrchef Wolff gab weiterhin interessante Einblicke, was die Rettungskräfte zuletzt unternommen haben, um sich auf den Ernstfall, der hoffentlich nie eintritt, vorzubereiten. So fand zum Beispiel vor zwei Wochen eine so genannte „Real-Dekontaminationsübung“ mit 240 Einsatzkräften auf einem Parkplatz in Übach-Palenberg statt. Ergebnis: „Wir sind beschränkt in der Lage, kontaminierte Personen zu versorgen“, sagte Wolff.

Und zwar circa 50 Menschen pro Stunde – was im Falle eines GAU nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein bedeuten würde. Der Feuerwehrchef stellte im Beisein von Vertretern der Bezirksregierung und des NRW-Umweltministeriums daher klar, dass im schlimmsten atomaren Katastrophenfall die Kapazitätsgrenzen der Aachener Rettungseinheiten schnell erreicht seien.

Was soll also der einzelne Bürger tun, um sich vorzubereiten und gegebenenfalls zu schützen? „Von uns wird heute Abend die Präsentation des einen Konzepts erwartet“, dämpfte der neue Personaldezernent Dr. Markus Kremer aber schnell die Hoffnung der Politiker und Zuhörer, diesen auch auf den Tisch zu legen. Denn dieses könne man aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ in seiner Gänze nicht öffentlich vorstellen – wofür Kremer vor allem von Seiten des Aktionsbündnisses Unverständnis erntete.

Trotzdem arbeite man weiter daran, es zumindest in Teilen in Zukunft der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Auch sollen konkrete Handlungsempfehlungen im Katastrophenfall – möglichst kompakt zusammengefasst - ausgearbeitet und den Bürgern zur Verfügung gestellt werden.

Und so blieb nach zwei Stunden Informations- und Diskussionsmarathon die Erkenntnis: Einiges ist im vergangenen Jahr angestoßen worden, vieles muss – gerade was eine stärkere Beteiligung der Öffentlichkeit angeht, aber noch geklärt werden.

Peter Knitsch, Staatssekretär des NRW-Umweltministeriums, hofft mit dem wachsenden politischen und juristischen Druck auf die belgische Regierung und den dortigen AKW-Betreiber Electrabel daher umso mehr vor allem auf ein Szenario: die möglichst schnelle Stilllegung der belgischen Bröckel-Reaktoren in Tihange und Doel. „Das ist letztlich der beste Schutz.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert