Karlsschrein wird zum Jubiläum aufpoliert

Von: Sabine Rother
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Dem Karlsschrein, der vor 800 Jahren im Aachener Dom aufgestellt wurde, ganz nah: Silberschmiede-Meister Lothar Schmitt reinigt das kostbare Stück, das man sich zum Jubiläum vom 23. bis 27. Juli aus der Nähe ansehen kann. Foto: Andreas Steindl
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Selbstbewusster Blick, eindeutige Zeichen der Herrschaft: Heinrich III. führt die Riege der Herrscher auf der rechten Langseite des Karlsschreins an. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ein einfaches Staubtuch, hellgelb mit bunten Streifen und schön weich, ein schlichter Pinsel, wie man ihn in der Schule verwende – einfachste Hilfsmittel treffen auf Gold, Email und Edelsteine, wenn Silberschmiede-Meister Lothar Schmitt die Trittleiter erklimmt, um den Karlsschrein im Aachener Dom auf Hochglanz zu polieren.

„Karl so nah wie nie“ – das Motto zum Jubiläum „800 Jahre Karlsschrein“, das vom 23. bis 27. Juli im Aachener Dom mit einem abwechslungsreichen Programm gefeiert wird, verlangt noch ein paar spezielle Arbeiten. Am Mittwoch wandert der im Jahre 1215 von Kaiser Friedrich II. eigenhändig mit dem letzten von vielen Nägeln verschlossene Schrein für ein paar Tage dorthin, wo er einst stand – ins Ostjoch des Sechzehnecks, denn die Chorhalle (erst 1414) und selbst den Marienschrein (1239) gab es noch nicht.

Mit ein bisschen Höhenangst steigt Schmitt, der bei der Arbeit Jeans und eine blaue Schürze trägt, hinauf zum Schrein. Der ist aus seiner Glashülle befreit worden und glänzt im Licht. Man sieht Feinheiten wie schmückende Smaragde, Amethyste, Bergkristalle und Türkise, kann die Motive der kleinen Emailbänder plötzlich ganz aus der Nähe studieren: Kopffüßler, Fabelwesen, witzige Porträts. Das lässt das Unbehagen vergessen. „Bei zwei dieser Bilder vermuten wir, dass sich da die Goldschmiede von damals verewigt haben“, meint Schmitt.

Er persönlich wurde 1988, kurz vor Vollendung der Sanierung, ins Team der Restaurierungswerkstatt gerufen und kam damit zum ersten Mal mit einer mittelalterlichen Rarität in Berührung. „Zuvor war ich schon froh, wenn ich eine Monstranz oder einen Kelch aus dem 17. Jahrhundert in Arbeit hatte. Der Ruf nach Aachen war etwas ganz Besonderes, das ist es bis heute.“ Seine erste Arbeit damals bestand übrigens darin, 3000 Nägel zu schmieden. Nagellöcher haben am Schrein eine große Bedeutung. „Auf Pergamentpapier wurden alle Nagellöcher rund um den Schrein dokumentiert“, erzählt er. „Damit war sichergestellt, dass jede Figur nach Sanierung in die richtige Nische zurückkehrte.“

Die Reinigungsarbeiten sind zwar jährliche Routine, aber feierlich ist Schmitt jedes Mal zumute, wenn er die acht Reliefplatten mit ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen poliert. „Ich bekomme Gänsehaut“, gesteht er. Im Mittelpunkt der Reliefgruppe steht die Legende um Karl den Große, die ihn als reuigen Sünder und als Beschützer des Glaubens – eben als Heiligen – ausweist. Fünf kostbare Knäufe, die gleichfalls geputzt werden, krönen das Dach.

„Mein Lieblingsrelief ist Karls Traum mit Jakobus und der himmlischen Sternenstraße“, erzählt Dompropst Manfred von Holtum, der es sich nicht nehmen lässt, an diesem Tag die Hemdsärmel aufzukrempeln und mit Schmidt auf die Leiter zu steigen. Zum ersten Mal sieht er den Karlsschrein aus solcher Nähe außerhalb der Glasvi-trine und ist berührt. „Es war 1215 der erste Schrein im Rhein-Maas-Gebiet, der nicht die Apostel, sondern jeweils acht Kaiser und Könige an den Langseiten zeigte sowie an der Stirnseite Karl den Großen. Zahlen-Mystik, wie sie im Dom eine wichtige Rolle spielt, wurde auch beim Schrein eingehalten: acht Dachreliefs, zwei Mal acht Herrscher, all das hat System.

Schmitts Aufgabe besteht nicht nur darin, die durch den leichten Schwefelgehalt der Raumluft angelaufenen Metallflächen wieder auf Hochglanz zu bringen. Er schaut zudem sehr genau hin, ob vielleicht ein Nagel heraussteht oder sich eine der vielen Silberplomben verschoben hat, die so manchem dünn gewordenen Herrscherknie wieder Substanz und Halt gegeben haben. „Wir müssen schauen, ob der hölzerne Kern des Schreins arbeitet, sich das Holz verschiebt“, betont er.

Warum er herkömmliche Reinigungshelfer verwendet? „Bei einem Schulpinsel werden die feinen Haare durch Plastik gehalten, bei Metall würde die Gefahr bestehen, dass es beim umliegenden Flächen zu Kratzern kommt“, erklärt der Experte. Ähnliches gilt für die Lappen. Mikrofaser? Bloß nicht, ein einfaches Baumwolltuch ist wesentlich besser. „Legt man ein Mikrofaser-Tuch unter das Mikroskop, kann man seine Struktur sehen, das schmirgelt die Oberflächen ab“, sagt Schmitt.

Der Silberschmied trägt hauchdünne Einmalhandschuhe aus Nitril, wie man sie etwa im Krankenhaus benutzt. „Alles ohne Latex“, versichert Schmitt. „Im Krankenhaus verwendet man sie, weil viele Menschen auf Latex allergisch reagieren, ich habe damit mehr Feingefühl, wenn ich den Schrein berühre.“ Während der Karlsschrein außerhalb der Vitrine steht, darf Schmidt ihn nicht aus den Augen lassen oder einfach zum Essen gehen. „Nein, dann muss ich mich von Dombaumeister Helmut Maintz ablösen lassen oder jemanden von der Dom-Aufsicht rufen“, meint er. „Aber das halte ich schon durch.“ Abends kommt der Schrein wieder in seine Vitrine, am Dienstag vollendet Schmitt seine Arbeit. Am Mittwoch, wenn der Transport ins Ostjoch ansteht, ist er natürlich auch dabei.

Damit der Chorraum nicht so leer erscheint, wird während der Festtage die Karlsbüste (geschaffen etwa 1349) aus der Domschatzkammer in die Vitrine wandern und dort – immerhin enthält sie die Schädeldecke Karls des Großen – den Frankenherrscher würdig repräsentieren. Zusätzlich schmücken die Wände während der Festtage vier barocken Wandteppiche aus der Domschatzkammer, gewebt um 1763 in Brüssel. Sie zeigen Szenen aus dem Alten Testament und sind zu Ehren des Karlsschreins nur in dieser Zeit hier ausgestellt.

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