Karlspreis: Votum für Leistung statt Prominenz

Von: Stephan Mohne und Matthias Hinrichs
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Verkündeten das einmütige Votum für Dalia Grybauskaite: Direktoriumssprecher Dr. Jürgen Linden, OB Marcel Philipp und Bernd Vinken, Geschäftsführer der Karlspreisstiftung (v.r.). Die litauische Präsidentin habe sich als mutige Brückenbauerin auch nach Russland hin erwiesen, sagte Linden. Foto. Andreas Herrmann

Aachen. Gut: Kaum ein Aachener, den man am Wochenende auf der Straße in ein Gespräch über die designierte Karlspreisträgerin 2013 zu verwickeln trachtete, konnte mit deren Namen auf Anhieb etwas anfangen. Umgekehrt gilt das keineswegs, wie der Sprecher des Karlspreisdirektoriums am Samstagmittag im Rathaus nicht ohne Stolz berichtete.

„Als wir Dr. Dalia Grybauskaite die Auszeichnung telefonisch angetragen haben, hat sie sich sehr erfreut gezeigt“, erzählte Alt-OB Dr. Jürgen Linden bei der Verkündigung des Votums, das das Gremium kurz zuvor einmütig gefällt hatte. Und: „Sie sagte, sie kenne Aachen ganz gut und habe die Stadt in ihrer Zeit als EU-Kommissarin des öfteren besucht.“ Und dabei habe die amtierende Präsidentin von Litauen den einen oder anderen Euro in die örtliche Wirtschaft fließen lassen – aus ihrer Privatschatulle, nämlich beim Shoppen in der Altstadt.

Vielleicht bringt die baltische Politikerin also ein bisschen Zeit mit, um auf Tuchfühlung mit den Westzipflern zu gehen, bevor sie am Himmelfahrtstag, dem 9. Mai, im Krönungssaal ausgezeichnet wird. Reichlich Anerkennung wurde der gelegentlich als „Eiserne Lady des Baltikums“ apostrophierten Wirtschaftswissenschaftlerin indes in den vergangenen zwei Tagen auch von Seiten der lokalen Politiker und Europaexperten zuteil.

„Ich habe sie einmal bei einem Vortrag in Düsseldorf persönlich getroffen und war sehr beeindruckt von dieser engagierten Europäerin“, sagte Professor Dr. Ulrich Daldrup. Der Ex-CDU-Vorsitzende und ehemalige Aachener Bürgermeister war von 2000 bis 2004 als Beauftragter der Bundesregierung für die baltischen Staaten unterwegs – und hat somit auch den Beitritt Litauens zur EU maßgeblich begleitet. „Frau Grybauskaite hält diesen Staat auf hervorragende Weise zusammen, obwohl es dort immer wieder heftige Auseinandersetzungen zwischen den Parteien gibt“, so Daldrup. „Die Menschen des Landes identifizieren sich mit ihr – und sie sind begeisterte Europäer wie sie.“

„Zunächst einmal finde ich es gut, dass einmal wieder eine Frau den Karlspreis erhält“, sagte Bürgermeisterin Hilde Scheidt. „Ich habe Frau Grybauskayte in ihrer Zeit als EU-Kommissarin als sehr gestandene und geradlinige Politikerin wahrgenommen. Ich bin überzeugt, dass auch ihr Heimatland durch die Auszeichnung eine hervorragende Anerkennung erhält, die es verdient hat. Die baltischen Staaten haben sich sehr zügig und konsequent in die Union integriert. Ich finde, Frau Grybauskaite hat den Preis verdient, weil sie eine mutige Politikerin ist und sich immer auch für die gemeinsame Währung eingesetzt hat. Die Verleihung des Karlspreises kann man auch als Einladung verstehen, vor allem die jungen Menschen einander näher zu bringen – die kleinen Länder an der Ostsee sind sehr modern eingestellt und verfügen über eine sehr dichte und interessante Universitätslandschaft.“

Dass es in diesem Jahr dennoch – vorsichtig ausgedrückt – nicht gerade einfach gewesen sei, einen geeigneten Kandidaten für den Karlspreis zu finden, sei wohl kein Geheimnis, sagt SPD-Fraktionschef Heiner Höfken, der auch Mitglied des Karlspreisdirektoriums ist. Von Anfang an habe man aber die baltischen Staaten im Auge gehabt. Litauen habe sich hervorragend entwickelt, so Höfken. Und die Präsidentin habe eine „tolle Vita“. Insofern sei die Wahl von Dalia Grybauskaite „hervorragend, auch wenn die meisten sie dem Namen nach zunächst gar nicht kennen“. Höfken: „Sie ist die beste Karlspreisträgerin, die wir finden konnten.“ Auch CDU-Fraktionsschef Harald Baal bezeichnet die Wahl als „überraschend, aber gut“. Es sei völlig richtig, jemanden aus dem Baltikum zu ehren, auch wenn das anders als in Vorjahren keine Entscheidung im Sinne eines möglichst prominenten Repräsentanten des Kontinents sei. Baal: „Aber es kommt ja nicht auf Prominenz, sondern auf Leistung an.“

Generell sei die Wahl eines Preisträgers aus den baltischen Staaten in mehrfacher Hinsicht gerechtfertigt, findet auch Professor Dr. Emmanuel Richter vom Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen. So etwa, wenn man dagegen die Entwicklung in anderen ost- und mitteleuropäischen Staaten betrachte. „Was zum Beispiel ganz aktuell in Rumänien geschieht, ist eines EU-Mitglieds nicht würdig“, so Richter. Die baltischen Staaten hingegen seien stabil und spielten eine gute Rolle, obwohl sie noch nicht so lange Mitglieder der „europäischen Familie“ seien. Dalia Grybauskaite sei als Präsidentin Litauens eine der obersten Repräsentantinnen der baltischen Staaten und spiele insofern eine politisch entscheidende Rolle. Sie habe außerdem reichlich EU-Erfahrung vorzuweisen. „Sie weiß, was los ist“, so Richter. Sie habe als Unterhändlerin bei den Beitrittsverhandlungen ebenso mitgewirkt wie später als EU-Kommissarin in verschiedenen Funktionen. Der Wissenschaftler sieht es als „unzweifelhaft angemessen, ihre Verdienste zu würdigen“.

Das sieht auch FDP-Fraktionsvorsitzender Wilhelm Helg so, auch wenn er das zunächst auf die innenpolitischen Verdienste der Präsidentin bezieht. So habe sie im Oktober durchaus internationale Bekanntheit erlangt, weil sie das Ergebnis der Parlamentswahl in ihrem Land wegen Manipulationsvorwürfen nicht anerkennen wollte und somit einen wichtigen Beitrag für den demokratischen Prozess geleistet habe. Unterm Strich sei es „nicht überraschend, dass es eine Preisträgerin aus dem Baltikum gibt“, meint Helg. Auch wenn er eher auf den estnischen Ministerpräsidenten getippt hätte, der derzeit seine dritte Amtszeit absolviert. Die Wahl sei ein guter Brückenschlag Richtung Osten und ein Zeichen der Motivation für die kleineren Länder.

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