Karls Spuren führen tief unters Rathaus

Von: Matthias Hinrichs
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Tiefschürfende Erkenntnisse unterm Fundament des Rathauses: Etwa 2,30 Meter unter dem Fuß des Marienturms sind die Archäologen jetzt erstmals auf Reste der karolingischen „Aula Regia“ gestoßen. Foto: Michael Jaspers
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Sichert die Funde am Rathaus: Das Team um Archäologin Tanja Kohlberger-Schaub hat auch Gewölbereste aus der Römerzeit freilegen können. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Jahrhundertelang ist die berühmte Königshalle aus den Tagen Karls des Großen quasi als Phantom durch die Geschichtsbücher gegeistert. Jetzt ist der Mythos erstmals buchstäblich zum Greifen nah.

Im Zuge der Sanierung des Marienturms am Rathaus sind die Archäologen etwa 2,30 Meter unter dem Marktpflaster tatsächlich auf Sockelteile der historischen Aula Carolina gestoßen – jenes legendären Prachtbaus im Ensemble der alten Pfalzanlage, in dem schon Karl und dessen hochmittelalterliche Nachfolger geschmaust und gezecht haben. Damit hat das Team um Stadtarchäologe Andreas Schaub einen lang gehegten Traum in die Realität (zurück) befördert. Die ist den Planern folglich im Wortsinn ein Stück weit in die Quere gekommen. Zumal Schaub seit Wochen erkrankt ist und die Grabungsexperten der Dürener Firma Goldschmidt kurzfristig ins Boot geholt werden mussten. „In der Tat liegen wir mit den Sanierungsarbeiten etwa drei Monate hinter dem Zeitplan“, erklärt Engelbert Chaumet vom städtischen Gebäudemanagement. „Wir gehen trotzdem davon aus, dass das Projekt noch vor der Karlspreisverleihung Ende Mai abgeschlossen werden kann.“

Unterdessen hat mit den Resten des ehemaligen fürstlichen Palastes eine weitere längst bekannte Theorie sozusagen praktische Gestalt angenommen. „Wir können jetzt definitiv sagen, dass sich das Bodenniveau am Rathaus zu Karls Zeit gut zwei Meter unter der heutigen Oberfläche befunden hat“, erklärt Monika Krücken, Leiterin der Unteren Denkmalbehörde. „Damit ist belegt, dass der Marktplatz irgendwann nach der Karolingerzeit aufgeschüttet worden sein muss.“

Bis zu drei Meter tief haben die Sanierer gebuddelt, um im Untergrund des Turmes eine Drainage zur Ableitung von Grundwasser zu installieren. Zumindest die Rechnung der Archäologen ging prompt auf: Sie förderten Teile des Mauerwerks zutage, das dereinst als Sockel der alten Königshalle errichtet wurde und mit etwa 2,40 Metern Breite rund 80 Zentimeter mächtiger ist als die Grundmauern des „neuen“ Rathauses, die darauf errichtet wurden. Damit nicht genug: Direkt vor dem Marienturm entdeckten die Forscher auch Reste eines etwa drei Mal drei Meter umfassenden Gewölbes aus römischer Zeit. „Wie tief das reicht, wissen wir noch nicht“, sagt Chaumet. Offenbar sei die gemauerte Grube in der Antike zur Entsorgung von Fäkalien genutzt worden, bevor Karls Residenz ebendort erbaut wurde, wohin schon die antiken Imperatoren stets zu Fuß gingen. Dem Vorwurf der Majestätsbeleidigung sind die Legionäre also quasi um ein paar Jahrhunderte zuvorgekommen . . .

Die städtischen Planer setzen derweil alles daran, den aktuellen Zeitverzug einzuholen. Rund 1,5 Millionen Euro, größtenteils aus dem Konjunkturprogramm I, stehen für die jüngste Etappe zur Restaurierung des Rathauses zur Verfügung. Bis Anfang März sollen die äußerst aufwendigen Arbeiten zur Erneuerung der Turmspitze abgeschlossen sein. Anschließend wird das Bauwerk komplett eingerüstet, um die maroden Schieferschichten im Turmkegel abzudichten. In Zusammenarbeit mit Experten des RWTH-Instituts für Massivbau sollen die über 50 Jahre alten Glasfenster zudem in einem neuen Verfahren in sogenanntes Textilbeton eingefasst werden, erklärt Chaumet. Die Forscher wollen auch das Mauerwerk unter die Lupe nehmen, um dessen offenbar im romanischen Stil gehaltene Bogenstrukturen zu analysieren. Und: Nicht nur optisch soll das Rathaus spätestens zur Verleihung des Karlspreises im 1200. Todesjahr des Stadtpatrons wieder in seiner ganzen Schönheit zu bewundern sein. Auch das Glockenspiel im Marienturm soll bis zum Himmelfahrtstag am 29. Mai von Grund auf restauriert werden .

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