Kapuzinergraben: Prächtiger Ginkgo soll weg, weil er stinkt

Von: Oliver Schmetz
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Gegen das Fällen des Ginkgos wehren sich Baumpate Mato Schaefer (links) und Anwohner Andree Brüning. Foto: Michael Jaspers
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Diesem prächtigen Grün droht die Kettensäge: Weil die Früchte dieses mehr als 20 Meter hohen Ginkgos am Kapuzinergraben stinken, wenn sie zu Boden fallen, will die Stadt den Baum fällen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der mehr als 20 Meter hohe Baum ist nicht nur dicht belaubt, seinen dicken Stamm schmückt seit Mittwoch auch ein fetter grüner Punkt. Doch dies hat nichts mit der Farbe der Hoffnung zu tun und ist auch keine ökologische (Aus-)Zeichnung, sondern schlicht ein Todesurteil. Denn der grüne Punkt bedeutet: Der Baum muss weg.

Die Stadt will das prächtige Ginkgo-Exemplar am Kapuzinergraben fällen. Weil es stinkt. Zwar nicht immer, sondern nur für ein paar Wochen, wenn die Früchte herunterfallen. Aber dann wohl ziemlich eklig. Ungefähr so wie nach Erbrochenem.

Dass die Stadt zu solch brachialen und finalen Mitteln greift, um eine vorübergehende Belästigung zu beseitigen, bringt allerdings gerade die beiden Anlieger mächtig auf die Palme, die die nächsten Nachbarn des anrüchigen Baumes sind: Mato Schaefer, der am Kapuzinergraben ein Medienhaus betreibt und zugleich eine Patenschaft für den Ginkgo gleich vor seiner Eingangstür übernommen hat, und Andree Brüning, der im gleichen Haus wohnt und dem das große Gewächs mitten in der Stadt eine grüne Oase vor Fensterfronten und Balkon beschert. „Da geht es doch auch um Lebensqualität“, sagt Brüning. Und: „Ich bin wahrlich kein Grüner, aber diesen Baum zu fällen, ist reine Willkür.“

Dass der Baum zeitweise stinkt, stellen die beiden Anwohner gar nicht in Abrede. „Natürlich riecht das, wenn die Früchte auf den Boden fallen“, sagt Schaefer. „Aber wir haben die bisher immer morgens weggekehrt.“ Denn sauber machen müsse man vor dem Eingang ohnehin fast jeden Morgen, berichtet der Geschäftsmann. Weil es nach Urin stinkt und nach Erbrochenem. Von Menschen, nicht vom Ginkgo. „Ich sehe größere Probleme in dieser Stadt als diesen Baum“, sagt der Geschäftsmann.

Vor allem stinkt beiden aber, dass ihnen die Fällung ganz lapidar mitgeteilt wurde. Er sei bloß informiert und aufgefordert worden, seine Blumen aus dem Beet im Wurzelbereich des Baumes herauszuholen, berichtet Baumpate Schaefer. Und begründet worden sei die Fällung damit, dass es Beschwerden von Geschäftsleuten wegen des Gestanks gegeben habe. „Wir haben uns hier umgehört und keinen gefunden, der sich als Beschwerdeführer zu erkennen gab“, ärgert sich Brüning über das Vorgehen der Stadt. „Wieso entscheidet einfach ein Amt über die Fällung, wieso wird nicht mit uns Anwohnern gesprochen?“

Dass Ginkgos mitunter nach Jahren zu Stinkern mutieren können, ist nicht neu. Das Problem ist bloß, dass man beim Pflanzen kaum weiß, welcher Ginkgo mal stinkt. Das liegt daran, dass der Baum „getrenntgeschlechtig“ ist, es also quasi Männchen und Weibchen gibt. Allerdings „outen“ sich die Weibchen erst nach 20 oder mehr Jahren, indem sie plötzlich Früchte tragen – die dann zu Boden fallen und stinken.

In mancher Stadt hat man deshalb wegen massiver Anwohnerbeschwerden zur Kettensäge gegriffen, aber es gibt auch andere Wege als den Kahlschlag. In Köln beispielsweise waren die stinkenden Bäume vor ein paar Jahren Thema in mehreren Bezirksvertretungen, wo die Politik sich gegen Fällungen entschied, auch weil dies nicht mit der städtischen Baumschutzsatzung zu vereinen sei. Die Verwaltung solle stattdessen die betroffenen Straßen häufiger reinigen, wurde dort verfügt.

Bei der Aachener Stadtverwaltung hieß es am Mittwoch, dass zwei der fünf Ginkgos am Kapuzinergraben gefällt werden sollen – ein kleiner und besagtes Prachtexemplar. Rita Klösges vom Presseamt erklärte jedoch, sie würde hinter das beabsichtigte Fälldatum – die Sägen sollen eigentlich schon am kommenden Montag kreischen – „durchaus ein Fragezeichen setzen“. Denn möglicherweise hat auch die ges-trige AZ-Anfrage dazu beigetragen, dass bei der Verwaltung in Sachen Ginkgos offenbar doch noch einmal ein Denkprozess in Gang geraten ist. Wurde dem Baumpaten Schaefer morgens noch unmissverständlich mitgeteilt, dass der Baum am Montag fällig sei, erklärte Klösges der AZ am Nachmittag: „Es sollten wohl alle beteiligten städtischen Fachbereiche besser noch einmal miteinander und mit den Anwohnern sprechen.“

Keine schlechte Idee. Denn das bisherige Vorgehen der Stadt im Fall des Ginkgos am Kapuzinergraben könnte sonst dazu führen, dass friedliche Bürger zu militanten Baumschützern mutieren. „Der Ginkgo bleibt“, bekräftigen Schaefer und Brüning jedenfalls und kündigen für den Fall, dass am Montag doch die Sägen angesetzt werden, schon mal an: „Dann ketten wir uns an den Baum!“

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