Kampf gegen Zwangsprostitution: „Wir leisten hier starke Vertrauensarbeit“

Von: Svenja Pesch
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Ist in Gesprächen für Frauen da, die Opfer von Menschenhandel geworden sind: Roshan Heiler, Leiterin der Beratungsstelle „Solwodi“. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Das Arbeitsfeld von Roshan Heiler ist genauso ausgefallen wie anspruchsvoll: Als Leiterin der Beratungsstelle „Solwodi“ kümmert sie sich um die Sorgen und Nöten von Frauen aus der Antoniusstraße. „Solwodi“ steht für Solidarität mit Frauen in Not. In erster Linie geht es um den Kampf gegen Menschenhandel auf breiter Front.

Wie sind Sie zur Ihrer Tätigkeit als Leiterin von Solwodi gekommen?

Heiler: Ich habe Regionalwissenschaften studiert und bin nach dem Studium vor allem aufgrund meiner Sprachkenntnisse im Bundeskriminalamt in der Forschungsabteilung gelandet. Dort arbeitete ich an einem Projekt zu Menschenhandel – was mein erster Berührungspunkt mit Menschenhandel in Deutschland war. Danach wollte ich unbedingt die Praxis kennenlernen und habe ein Praktikum bei Solwodi und der Mitternachtsmission gemacht. Als die Frage vom Bistum Aachen im Raum stand, eine Beratungsstelle vor Ort mit aufzubauen, wurde ich gefragt, ob ich mir das vorstellen kann, was ich bejahte.

Wofür steht Solwodi und was sind die Zielsetzungen?

Heiler: Solwodi steht für „Solidarity with women in distress“ also - Solidarität mit Frauen in Not und wurde von Schwester Dr. Lea Ackermann 1985 in Kenia gegründet. Heute hat Solwodi 34 Beratungsstellen in ganz Kenia. Seit 1987 engagiert sich Solwodi auch in Deutschland und unterhält 18 Beratungsstellen und 7 Schutzhäuser. Wir unterstützen Betroffene von Menschenhandel und Zwangsprostitution, Beziehungsgewalt, Zwangsheirat, von Zwangsheirat Bedrohte oder aus Zwangsehen Geflohene.

Im September letzten Jahres wurde mitten in der Antoniusstraße von Solwodi die Einrichtung „Lumina“ eröffnet. Was ist die Hauptintention vor Ort?

Heiler: Lumina“ bedeutet „Licht“ und steht für Lebenslicht und soll gleichzeitig Hoffnung und Zuversicht signalisieren. Die Angebote richten sich an die Personen (Anmerkung: Es sind nicht nur Frauen dort) in der Antoniusstraße. Zwei Jahre lang hat der Arbeitskreis „Prostitution“ des Frauennetzwerkes darauf hingearbeitet, dass in einem ehemaligen Bordellbetrieb ab sofort Beratungen und Hilfsangebote für Prostituierte stattfinden. Gemeinsam mit der Aids-Hilfe, Pro Familia, Donum Vitae sowie dem Gesundheitsamt der Städte Region wird zu gesundheitlichen, aber auch behördlichen Fragen beraten. Außerdem bieten wir vor Ort Deutschkurse an.

Die erste Solwodi Beratungsstelle liegt in der Jakobstraße.

Heiler: Solwodi Aachen richtet sich vorwiegend an Frauen mit Migrationshintergrund, die Opfer von Menschenhandel geworden sind oder sich in der Prostitution in einer schwierigen Situation befinden. Um in Kontakt zu treten, machen wir aufsuchende Arbeit in der Antoniusstraße und in umliegenden Clubs. Die Anliegen sind so vielfältig wie die Frauen selbst und unser Anspruch ist, in allen Belangen zu unterstützen, auch wenn die Wege etwas kompliziert sind.

Wie beurteilen Sie die Lage von Zwangsprostituierten hier in Aachen?

Heiler: Zwangsprostitution in Aachen existiert, im Dunkel- wie im Hellfeld. Häufig sind es junge Frauen aus Rumänien, Bulgarien und Albanien. An erster Stelle der bundesweiten Statistik des Bundeskriminalamtes stehen jedoch Deutsche Betroffene. Am Anfang steht häufig Täuschung. Das heißt, den Betroffenen wird von den Tätern etwas versprochen, zum Beispiel eine Arbeit oder die Umstände, unter welchen die Prostitution stattfinden soll, was dann in dieser Form nicht eintritt.

Durch Androhung oder Ausübung von psychischer oder physischer Gewalt werden die Frauen in dem ausbeuterischen System gehalten. Die Drohungen können auch die Familienangehörigen im Heimatland betreffen. Diese real vermittelten Drohungen führen dazu, dass Betroffene schweigen und zögern, wenn es um eine Anzeige gegen die Täter geht. Die Erkennung von Betroffenen ist für die Strafverfolgung wie für uns eine große Herausforderung.

Ein Teil ihrer Berufsalltags ist aufsuchende Arbeit. Wie läuft das im Konkreten ab?

Heiler: Ein Mal wöchentlich geht ein Team durch die Antoniusstraße und sucht das Gespräch mit den Frauen vor Ort – meist finden diese an den Koberfenstern statt. Die Streetwork wird abwechselnd von einem Team bestehend aus Mitarbeiterinnen der Aids-Hilfe, ProFamilia, dem Gesundheitsamt und Slwodi gemacht. Dabei verteilen wir Informationsmaterial zu den Rechten von Personen in der Prostitution oder zu aktuellen gesetzliche Änderungen in verschiedenen Sprachen und machen natürlich auf unser Beratungsangebot aufmerksam. Wichtig ist uns, dass den Personen objektive Informationsquellen zugänglich gemacht werden, damit sie selbstbestimmt auf dieser Grundlage entscheiden können, was für sie richtig ist. Darüber entstehen dann auch langfristige Kontakte.

Wie sind die Reaktionen der Frauen auf die Aktion?

Heiler: Die sind völlig unterschiedlich. Es gibt einige, die sich ehrlich über Unterstützung und das Angebot freuen, andere wiederum werfen Karten und Flyer sofort weg oder nehmen sie gar nicht erst an. Das hängt auch immer von der individuellen Situation der Frau ab, ob sie beispielsweise akut Schmerzen hat oder ein anderes Anliegen. Primär müssen wir starke Vertrauensarbeit leisten sowie unsere Angebote kontinuierlich dem Bedarf anpassen. Inzwischen wird Lumina immer besser angenommen, die Frauen gewöhnen sich an uns. So kochen wir mittlerweile einmal pro Woche gemeinsam in der Einrichtung mit Ehrenamtlern für die Frauen.

Ab Juli 2017 gelten neue Regeln für das Prostitutionsgewerbe. Was bedeutet das für die Prostituierten?

Heiler: Unter anderem müssen Prostituierte ihre Tätigkeit künftig persönlich anmelden und eine Gesundheitsberatung wahrnehmen. Bei der Anmeldung erhalten Prostituierte grundlegende Informationen zur Rechtsstellung von Prostituierten, zur Krankenversicherungs- und zur Steuerpflicht sowie zu gesundheitlichen und sozialen Beratungsangeboten und zur Erreichbarkeit von Hilfe in Notsituationen. Mit der Einführung von Mindestanforderungen an Prostitutionsstätten sollen die Arbeitsbedingungen vor Ort verbessert werden und die Betreibenden stärker in die Verantwortung genommen.

Ausbeutung von Prostituierten, menschenunwürdige Geschäftsmodelle, Gewalt– all das soll künftig früher erkannt und verhindert werden. Alle Erscheinungsformen gewerblicher Prostitution unterliegen dann einer Erlaubnispflicht und Betreiberinnen und Betreiber müssen sich einer persönlichen Zuverlässigkeitsprüfung unterziehen. Für uns entstehen dadurch viele neue Fragen, denn gerade die Anmeldungen sind kritisch. Viele Frauen wollen sich gar nicht anmelden und wir können noch nicht abschätzen, wie sich das auswirken wird.

Die Stadt Aachen beschloss 2012 das „Handlungskonzept Antonius Straße“. Ein runder Tisch soll zudem die Themen rund um (Zwangs)-Prostitution näher beleuchten. Sind diese Maßnahmen zielführend?

Heiler: Alleine durch das kommende Gesetz verändert sich viel und die Kommunen werden stark in die Pflicht genommen und kommen um bestimmte Standards nicht herum. Darüber hinaus wird unsere Arbeit auch von der Stadt unterstützt: finanziell und jetzt durch das zur Verfügung stellen der Räume von Lumina. Solch ein Engagement ist ja gleichzeitig auch ein Zugeständnis, dass in diesem Bereich Missstände herrschen, an welchen gearbeitet werden soll.

Was den Bau des neuen Bordells angeht, wünsche ich mir allerdings, dass die Frauen mehr einbezogen würden. Entscheidungen und Gespräche über die Antoniusstraße finden meist ohne die Frauen selbst statt. Dabei ist Partizipation und Austausch so wichtig auch um Ängste und Unsicherheit zu nehmen. Ich selbst sehe mich als Sprachrohr für die Frauen, hoffe aber, dass sich Entscheidungsträger ebenfalls mal mit den Frauen persönlich austauschen.

„Prostitution ist das älteste Gewerbe der Welt“ – dieser Satz wird nicht selten im Zusammenhang mit eben diesem Beruf geäußert. Ist Prostitution also einfach fester Bestandteil unserer Gesellschaft?

Heiler: Der Beruf der Hebamme ist älter. Ich würde die Frage gerne umkehren: wozu braucht eine Gesellschaft Prostitution? Als Antworten gibt es keine wirklich überzeugenden Argumente. Dabei lohnt es sich, Berichte oder Bücher von ausgestiegenen Prostituierten zu lesen, die die Zeit der Prostitution retrospektiv reflektieren. Mittlerweile gibt es einiges an Literatur dazu. Aus meiner Sicht ist es jedenfalls an der Zeit für ein gesellschaftliches Umdenken, was Prostitution und die Formen, die sie in Deutschland angenommen hat angeht.

Sie arbeiten derzeit an einem Forschungsprojekt, das sich mit der Ausbeutung Minderjähriger in Deutschland sowie in Rumänien und Bulgarien befasst.

Heiler: In dem von der EU geförderte Projekt, das von Solwodi und dem Bundeskriminalamt durchgeführt wird, werden verschiedene Aspekte der Ausbeutung Minderjähriger untersucht. Zwangsarbeit, Zwangsprostitution, Ausnutzung strafbarer Handlungen und Organhandel sind einige Beispiele. Die Phänomene sollen anhand von Fällen aus dem Dunkelfeld untersucht werden. Darüber hinaus soll auf die aktuelle Bekämpfungssituation in Deutschland und zukünftige Entwicklungen eingegangen werden. Die Projektergebnisse werden in Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Bekämpfungssituation münden, die allen für die Verhinderung und Bekämpfung der Ausbeutung Minderjähriger zuständigen Akteuren zur Verfügung gestellt werden.

Hat sich Ihr Weltbild durch ihre Tätigkeit negativ verändert?

Heiler: Nein, das nicht. Ich würde eher sagen, dass ich ein realistisches Weltbild gewonnen habe und mir darüber bewusst bin, dass diese Seiten zum Leben dazugehören. Diese kriminellen Strukturen haben ja ganz unterschiedliche Formen und berühren nicht selten unseren Alltag ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Allerdings gebe ich schon zu, dass mir bestimmte Schicksale schon sehr nah gehen und ich nicht einfach nach Feierabend abschalten kann.

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