Kaiserplatz-Galerie: Noch muss man nach Schuhen graben

Von: Oliver Schmetz
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Bau- und Forschungsarbeiten gehen Hand in Hand: Während auf der Baustelle für die Kaiserplatz-Galerie der Abriss der letzten Häuser vorangeht, skizziert Archäologin Verena Bauer die Erdschichten eines Bachbetts, das dort freigelegt wurde. Foto: Michael Jaspers
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Koordiniert seit 14 Jahren Grabungsarbeiten auf Großbaustellen: Heike Baumewerd-Schmidt. Foto: Michael Jaspers
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Der bisher spektakulärste Fund: Grabungsleiter Stefan Graßkamp in einem Fassbrunnen aus dem 15./16. Jahrhundert. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die schwarzen Lederfetzen sind so winzig, dass man Angst hat, sie könnten verloren gehen auf dieser riesigen Baustelle. Schließlich sind ein paar Quadratzentimeter Gewebe auf 17.000 Quadratmetern Sand, Schutt und Geröll so etwas wie die Nadel im Heuhaufen.

Klein sind sie, unscheinbar und noch nicht einmal sonderlich alt – zumindest wenn man bedenkt, was Archäologen in Aachen sonst so gewohnt sind. 500 Jahre sind da eigentlich nicht so beeindruckend.

Denkt man, und wird gleich eines Besseren belehrt. Denn Heike Baumewerd-Schmidt ist ganz aus dem Häuschen über diesen Fund auf der Baustelle für die Kaiserplatz-Galerie. „Super, das habt Ihr sehr schön gemacht“, lobt sie ihre Kollegen, die die kleinen Fetzen fein säuberlich neben einem großen Stück Leder ausgebreitet haben, dessen Form an einen Schuh erinnert. Und die Archäologin kommentiert die Frage, was denn die Lederstückchen einmal im Ganzen waren, ganz trocken: „Meistens hat man zwei Schuhe.“

Heike Baumewerd-Schmidt koordiniert auf der Großbaustelle die Grabungsarbeiten, die Stefan Graßkamp von der Firma „archaeologie.de“ leitet, mit den Bauarbeiten, die am Kaiserplatz nun nach Jahren des Stillstands endlich an Fahrt gewinnen.

Wo aktuell und voraussichtlich noch bis zum Ende des Jahres die Archäologen graben und forschen, sollen nach dem Zeitplan der Bauherren schon Ende 2015 die Kassen klingeln – in einem Shoppingcenter mit 130 Läden und Modeboutiquen auf knapp 30.000 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Zurzeit muss die Frau aber noch buddeln, um dort Schuhe zu finden. Heike Baumewerd-Schmidt und ihre Kollegen entdeckten sie am Boden eines zwei Meter tiefen hölzernen Fassbrunnens aus dem 15. bis 16. Jahrhundert, den sie ausgruben. Ganz unten drin lag noch mehr Leder, darauf fand man vier Keramikgefäße, oberhalb des Brunnens legte man Tonsteinfundamente frei, die auf ein kleines Brunnenhäuschen schließen lassen.

„Das ist doch spannend“, sagt die Archäologin, „vielleicht war das ein Unfall beim Wasserschöpfen.“ Verstecken wollte man die Gefäße am Boden des Brunnens damals wohl eher nicht, schmunzelt sie: „Goldmünzen haben wir keine gefunden.“

Es sind diese Funde, die ganze Geschichten erzählen können, die das Herz der Archäologin höher schlagen lassen. „Was nützt mir ein kleines Stück römische Mauer, wenn ich drumherum nichts mehr finde?“, fragt sie. Da ist ihr ein zusammenhängender Komplex lieber, auch wenn er nicht so alt ist. Weil er ein besseres Bild davon gibt, wie die Menschen gelebt und gearbeitet haben. Weil er Geschichten erzählt.

Dabei hat die Forscherin sogar schon mal einen Goldschatz gehoben, 1,8 Kilogramm schwer, voriges Jahr in Niedersachsen. „Das war eine Sensation, da haben wir einen Sekt drauf getrunken, aber da war sonst nix dran“, erinnert sie sich und liegt damit auf der gleichen Wellenlänge wie Grabungsleiter Stefan Graßkamp: „Aus archäologischer Sicht ist es viel spannender, auf einen Handwerksbetrieb zu stoßen“, meint der.

Da dürften die Chancen im Schatten von St. Adalbert gar nicht so schlecht stehen. Um die vorletzte Jahrtausendwende herum wurde dort die Vorläuferkirche des heutigen Gotteshauses gebaut, die Adalbertstraße war wohl auch damals schon eine Straße und außerdem bebaut. „Das hier war Kirchengelände, mit Hinterhöfen, Gärten, kleinen Werkstätten, auch Friedhöfen“, erzählt Graßkamp.

Außer dem Brunnen hat man weitere Siedlungsreste entdeckt, Bachbefestigungen etwa oder Abwasserrinnen, ebenfalls aus dem 15. bis 16. Jahrhundert. „Ich rechne hier nicht mit Römern“, sagt Heike Baumewerd-Schmidt. Aber das juckt die Archäologin nicht weiter: „Wir wissen doch eh schon, dass die hier waren.“ Die meisten Funde werden wohl ab dem 11. Jahrhundert datieren, schätzt sie.

Mit dem Fortgang der Abrissarbeiten wird man sich die Keller an der Adalbertstraße vornehmen – und dann Stück um Stück das ganze Gelände untersuchen. Die Zusammenarbeit mit den Baufirmen sei gut, betonen die Archäologen. „Uns werden keine Steine in den Weg gelegt, sondern weggeräumt“, sagt Graßkamp.

Und wenn die Archäologen dann weg sind und am Kaiserplatz die Steine aufeinandergesetzt werden, wird wieder ein Stück Stadtgeschichte weitergeschrieben. Und wo einst vor 500 Jahren im Brunnen die Ledertreter verschwanden, die man jetzt ausgrub, kann man dann ganz neue Schuhe kaufen.

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