Kabarettist Konrad Beikircher verzückt mit kleinen Ketzereien

Von: Peter Langohr
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Charmant-schelmische Scharaden rund um den „normalen Glauben“ und andere Befindlichkeiten des rheinischen Katholiken an sich: Konrad Beikircher schwadronierte sich im Audimax mal wieder um Kopf und Kragen – zum grenzenlosen Vergnügen seines Publikums. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Wenn man liest „Rheinländer mit südtiroler Wurzeln“, dann ist klar, dass damit nur der grandiose Kabarettist Konrad Beikircher gemeint sein kann, der vor etwas mehr als 50 Jahren in seine Wahlheimat Bonn kam, um dort zu studieren.

Es ist absolut bemerkenswert, wie ein Mensch, der im Südtiroler Bruneck sozialisiert wurde, sich so perfekt ins Rheinische einfinden konnte, dass es bestenfalls einem in der Wolle gefärbten Rheinländer auffällt, dass im Hintergrund von Beikirchers rheinischem Singsang etwas Ungewohntes mitklingt.

Am Samstagabend machte Konrad Beikircher wieder einmal in Aachen Station und erfreute die rund 750 Besucher im Audimax der RWTH mit seinem aktuellen Programm „Bin völlig meiner Meinung“. Dabei ging‘s um das rheinische Universum, was ganz klar bedeutet „normaler Glauben“ – römisch-katholisch natürlich – und daher mehr Heilige, mehr Reliquien und als Folge davon mehr Kirmessen als anderswo.

Zu Beginn kommen noch einmal Frau Roleber und Frau Walterscheid aus Beikirchers alten Radiotagen in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhundert zu Wort. Frau Roleber, nach eigenem Bekunden überzeugte Witwe, hat die Bäckerei nach dem Ableben ihres Mannes an ein modernes Bestattungsunternehmen vermietet, das als besonderes Highlight eine „Aafnippel-App“ fürs Smartphone anbietet. Apropos Sterben: Ein schönes Beispiel für die rheinische Gelassenheit im Umgang mit den letzten Dingen ist ein Senior mit „normalem Glauben“, der am Rande einer Beerdigung auf eine entsprechende Frage des Pastors meint: „Dat met dem Stervve, weäd ech ouch noch övverleve“.

Spannend wird es immer dann, wenn Beikircher eine Passage beispielsweise mit „Wo se et jrad sagen...“ einleitet. Dann verliert er sich nämlich scheinbar ohne Aussicht auf Rettung in wer weiß wie vielen Nebenaspekten und lässt sein Publikum mit Tränen in den Augen – vor Lachen natürlich – zurück. Treffsicher gelangt er dann doch immer wieder an den Ausgangspunkt seines angeblichen Extempores zurück, auch wenn die Zuhörer oft schon vergessen haben, wo der Knackpunkt denn eigentlich war.

In diesen „Ausflügen“ bekennt sich Beikircher zur veganen Küche - „jut, man muss e bisschen Hackfleisch drantun“ –, lässt sich im Coffee-Shop über die verschiedenen Arten von Stoff beraten – „wo es denn do the difference?“ –, beschreibt die Scheu des Kölners, die Haarfarbe seines Gegenübers als grau zu bezeichnen und lieber den Ausdruck „melatenblond“ zu wählen oder fügt im Zusammenhang mit der heiligen Adelheid, die bei Augenleiden hilft, mal so eben den „heiligen Fielmann“ ins Heiligenregister ein.

Breiten Raum nehmen in seinen Betrachtungen die Reliquien ein, die es natürlich nur im „normalen Glauben“ gibt. Bei der nachgewiesen höchsten Reliquiendichte europaweit kann er auf so manches Seltsame im Rheinland hinweisen: etwa auf das Stückchen Lehm in der Minoritenkirche in Köln, das von dem Klumpen stammt, aus dem Gott den ersten Menschen geformt hat, oder auf vier Kirchen alleine in Köln – in Europa sind es insgesamt 57 –, die ein Stück von der bei der Beschneidung des Jesuskindes angefallenen Körperteile beherbergen, oder auch auf 100 Fläschchen mit der Milch der Gottesmutter, schließlich auf die in Aachen seit dem 9. Jahrhundert aufbewahrten Windeln Jesu, die der Legende nach die zweckentfremdeten Hosen des heiligen Josef sein sollen...

Doch ehe sich angesichts von so viel Aberglauben intellektuelle Entrüstung breitmachen kann, baut Beikircher mit dem dezenten Hinweis vor, dass vieles von dem, was man heute in Esoterikläden findet, kaum besser ist.

Nach rund zweieinhalb Stunden famoser Unterhaltung wird Konrad Beikircher mit enthusiastischem Applaus von seinem Publikum in die Garderobe entlassen.

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