Aachen - JVA: Der „Knastpfarrer“ und seine Tombola

JVA: Der „Knastpfarrer“ und seine Tombola

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Auch eine Form der Seelsorge: Pfarrer Wolfgang Döring hat in der JVA die „größte Knasttombola der Welt“ initiiert. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Jubel, Gegröle, Pfiffe und euphorischer Applaus schlagen Wolfgang Döring, der sich zwischenzeitlich einen silbernen Glitzerhut aufgesetzt hat, entgegen, als er den Raum erneut betritt. Rund 70 Augenpaare sind auf ihn gerichtet, als er zielsicher die Tischreihe ansteuert, auf der unzählige Gegenstände aneinandergereiht ein buntes Gesamtbild ergeben.

Kalender, Alemannia-Trinkbecher, Schokolade, Hüte und Käppis in schwarz-rot-gold, Sporttaschen und vieles mehr. Das ist der Start für seine Show: „Wir beginnen mit der Losnummer 799 – direkt ein Knallerpreis – eine affengeile Armbanduhr.“

Jahrmarktatmosphäre, gute Stimmung bei Spekulatius und Kaffee: Während alle mit gesenktem Blick prüfend ein Auge auf ihr Los werfen, schnellt der erste Gewinner an seinem Tisch schon in die Höhe, eilt nach vorne und nimmt seinen Preis glücklich in die Hände. Einen Kalender gibt es gleich noch mit dazu. Es folgt Losnummer um Losnummer, Gewinner um Gewinner. Für seine Ansagen braucht Döring kein Mikro, seine Stimme ist laut genug. „Das gibt’s nur bei uns in Aachen“, hallt es durch den Raum.

Noch vor zehn Minuten stand Döring vor diesen 70 Männern im Talar – bei der Neujahrsandacht im Gottesdienstraum der Justizvollzugsanstalt, zwischen Weihnachtsbaum und Krippe. Der 64-Jährige ist kein Alleinunterhalter, kein Losbudenbesitzer vom Bend, sondern evangelischer Pfarrer. Seit 20 Jahren arbeitet er als Gefängnisseelsorger in der Strafhaft und der Sozialtherapie der JVA Aachen, er selbst bezeichnet sich schlicht als „Knastpfarrer“.

Im Sommer 1995 trat er seinen Dienst an, im Juni dieses Jahres ist Schluss. „Dann ruft die Freiheit“, witzelt der Geistliche mit einem Augenzwinkern. Mit ihm geht auch „seine“ Neujahrstombola hinter Gittern in Rente. Vor 15 Jahren kam ihm der „Blitzgedanke“ für dieses Event. „In der Zeit nach Weihnachten und nach dem Jahreswechsel gehen die Menschen in sich, auch im Gefängnis. Mit dieser Aktion wollte ich von Anfang an die Jungs aufmöbeln, gute Stimmung verbreiten und ihnen zeigen, dass ich den Weg mit ihnen gehe.“

Was im kleinen Rahmen anfing, entwickelte sich über die Jahre zu einer festen Tradition mit Kultcharakter. Dafür hat der engagierte Pfarrer eine Menge Klinken geputzt. Geschäftsleute, Freunde und Bekannte haben „Die größte Knasttombola der Welt“ unterstützt – finanziell und mit Sachgegenständen.

Die Resonanz wuchs von Jahr zu Jahr. „Sobald eine Tombola vorüber war, habe ich schon begonnen, für die nächste zu sammeln“, erzählt Döring. Sein Ziel: Jeder Teilnehmer soll einen Gewinn erhalten, selbst die anwesenden Beschäftigten und Anstaltsleiterin Reina Blikslager. Für viele Häftlinge ist die Tombola ein Jahreshighlight in ihrem tristen Gefängnisalltag. „Ich habe mein Ziel erreicht, wenn der eine oder andere Häftling die gute Stimmung festgehalten und anschließend in seine Abteilung mitgenommen hat.“

Der letzte Gang zur Lostrommel am Wochenende ist nicht nur Döring schwer gefallen. Die Häftlinge vertrauen ihm, respektieren ihn – der Umgang ist fast kumpelhaft. „Der am besten informierte Mensch im Knast ist wohl der Pfarrer“, resümiert Döring. Von Problemen mit Angehörigen, Suizidankündigungen bis zu Stress mit Mithäftlingen – alles kommt bei ihm ungeschminkt auf den Tisch. Denn der Pfarrer ist an die Schweigepflicht gebunden. Es hat Jahre gebraucht, bis er seinen Stand bei den Häftlingen hatte. „Vertrauen muss man sich hart erarbeiten. Nach 20 Jahren wissen die Jungs, dass ich kein Himmelskomiker und auch kein Zampano bin. Mehr noch, oft genug ist der Pfarrer der letzte Halt.“

Religionen spielen dabei keine Rolle, Döring hat für jeden ein offenes Ohr. Neben klassischen Aufgaben wie Sonntagsgottesdiensten und „Hausbesuchen“ in den Zellen oder im Gesprächszimmer in der Seelsorgestation, das scherzhaft VIP-Lounge genannt wird, hat er im Laufe der Jahre auch eine offene Gesprächsgruppe, eine Bibelgruppe, eine Ehe- und Partnerbegegnung, eine Kreativgruppe für arbeitslose ältere Insassen sowie die Reihe „Kino im Knast“ ins Leben gerufen. In der JVA-eigenen Schule unterrichtet er das Fach „Ethik“. Sein Motto kennt in der JVA jeder: „Unser Herr Jesus Christus hat uns zum aufrechten Gang befähigt“.

Als Bergarbeitersohn hat Döring bereits die raue Seite des Lebens kennengelernt. Erst nach einer Ausbildung als Raumgestalter schlug Döring die geistliche Laufbahn ein. Er machte eine Diakonenausbildung. In den 1980er-Jahren folgte berufsbegleitend seine Pastorenausbildung. 1995 begann er in der JVA Aachen. Heute blickt er auf 20 spannende Jahre zurück.

Die Tage bis zu seiner „Entlassung“ kann er nun zählen: „Ende Juni gebe ich als Knastpfarrer zwar den Schlüssel ab, nicht aber den Löffel.“ In Erinnerung wird auf jeden Fall seine „Knasttombola“ bleiben.

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