Aachen - Jungs feilen Nägel, Mädels Metallplatten

Jungs feilen Nägel, Mädels Metallplatten

Von: André Schaefer
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Praktische Anschauung bei der Bundespolizeiinspektion Aachen: Neben einer Demonstration der Hundestaffel bekamen die Mädchen vor allem den Hubschrauber im Einsatz vorgestellt. Foto: Andreas Steindl
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Reifenwechsel beim Stadtbetrieb: Therese, Sabrina, Lydie und Nina beim Kfz-Kurs mit Edmund Arandt. Drei Foto: Andreas Schmitter
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Julia und Fabian schnupperrten am Friseurberuf. Foto: Andreas Schmitter
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Im Bildungszentrum BGE: Jan Zimmermann erklärte Michelle, wie man auch hartes Material fein bearbeiten kann. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. „Das ist hier keine Modenshow“, schallt es durch die Werkstatt. Mit einem leichten Grinsen im Gesicht beobachtet Werkstattleiter Edmund Arandt, wie sich die vier Mädchen ob der „seltsamen“ Arbeitskleidung etwas zurückhaltend den weißen Overall überziehen. Die Schutzbrille sitzt wie angegossen, die Handschuhe sind nagelneu, der Schutzhelm passt.

Bühne frei für einen Probearbeitstag in der Kfz-Werkstatt des Aachener Stadtbetriebes. Wobei: Schnuppertag trifft es da besser. Denn bundesweit gab es am Donnerstag für Schülerinnen und Schüler der 5. bis 10. Klasse im Rahmen des Girls' und Boys‘ Day die Möglichkeit, einmal in männer- bzw. frauenuntypische Berufe reinzuschnuppern. Bei der Bundespolizei mit ihrer Hundestaffel und den Einsatzhubschraubern genauso wie bei vielen Betrieben und Weiterbildungseinrichtungen.

Daher ist es an diesem Tag völlig normal, dass Therese Liegmann plötzlich einen Wagenheber in den Händen hält. Kurze Anweisung durch Werkstattleiter Arandt und schon setzt die 12-Jährige zum Reifenwechsel an. Der Wagen hebt sich, zielsicher montiert die Schülerin des St. Leonhard-Gymnasiums die Radkappe ab. „Das sieht doch sehr gut aus“, lobt Arandt.

Therese darf in dem Fall als besonderes Mädchen herausgestellt werden. Schließlich gehört sie zu einer der wenigen Schülerinnen, die bereits ein wenig damit liebäugeln, später einen männertypischen Beruf zu erlernen. „Mir macht das Spaß. Dass man sich da schmutzig macht und dies körperlich anstrengend ist, stört mich nicht“ erzählt sie.

Doch dieser Meinung sind längst nicht alle in ihrem Alter. „Wir haben im Bereich der KFZ-Mechatronik derzeit keine Frauen angestellt“, verrät Sabine Berck vom Personalbereich des Stadtbetriebes. „Nur wenige Mädchen begeistern sich in dem Alter für solch einen Beruf. Doch der Girls' Day ist ja gerade deshalb eine tolle Möglichkeit, sich als Mädchen auch mal solchen Berufen zu nähern. Egal, ob am Ende mehr daraus wird oder nicht“, findet Berck.

Genau darum geht es: Einfach mal über den Tellerrand schauen. Ein paar Kilometer vom Aachener Stadtbetrieb entfernt gibt Herbert Christen zur gleichen Zeit im Bildungszentrum des BGE rund 15 Schülerinnen eine kleine Einführung in das Elektrohandwerk. Das Ziel: Ein elektrischer Würfel soll gebaut werden. Schnell wird den Mädchen klar, dass hier handwerkliches Geschick mit dem Lötkolben gefragt ist.

Oft ist ein Umdenken nötig

Doch weil an diesem Tag nicht nur die Mädchen im Vordergrund stehen sollen, steht ein paar Räume weiter für einige Jungs Feilen auf dem Programm – allerdings nicht etwa Metallplatten, sondern Nägel. Friseurmeisterin Deborah Bonafé schaut im Rahmen des Boy’s Day in diesem Jahr zum zweiten Mal ganz genau hin, wer von den Jungs ein gewisses Talent für Nageldesign oder Kosmetik mitbringt. „Spaß und Talent sollte man schon haben, um in diesem Beruf gut zu sein. Außerdem geht es hier um Feinmotorik. Und da punkten Mädchen meistens besser“, sagt sie. Am Ende des Tages wissen die Jungs jedenfalls bestens über modische Frisuren und ausgefallene Nageldesigns Bescheid.

„Viele Schülerinnen und Schüler ziehen nach solch einem Tag auch oft das Fazit, dass dieser oder jener Beruf gar nichts für sie sei. Und das ist gut so. Denn dann verhindert man berufliche Sackgassen“, betont Peter Deckers, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer für die Region Aachen.

Auch die Agentur für Arbeit Aachen-Düren unterstützt den alljährlich stattfindenden Schnupperkurs. Was Jürgen Koch, dem Geschäftsführer der Agentur, allerdings stört, sind die in seinen Augen alten Denkmuster: „Ich bin der Meinung, Berufe in frauen- und männertypisch einzuordnen, ist überholt. Wir sollten da umdenken und dafür sorgen, dass eine geschlechtsspezifische Berufswahl in den Hintergrund rückt“, so Koch.

Der Girl’s und Boy’s Day ist bei diesem Anliegen jedenfalls ein guter Anfang.

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