Aachen - Jugendliche aus dem Josefshaus fühlen sich kriminalisiert

Jugendliche aus dem Josefshaus fühlen sich kriminalisiert

Von: Thorsten Karbach
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Schieben die Probleme nicht au
Schieben die Probleme nicht auf die lange Bank: Die Jugendlichen aus dem Josefshaus wollen nach „demütigenden Kontrollen” im Ostviertel das Gespräch mit der Polizei suchen.

Aachen. Alisan fühlte sich gedemütigt. Er stand mittags am Kennedypark und wartete auf Freunde. Dann kam die Polizei.

Zivilbeamte kontrollierten den 17-Jährigen, er erzählt, dass er am Ende sogar die Hosen runterlassen musste. Wenn Alisan nun diese Geschichte erzählt, nickt Bruno. Der 17-Jährige hat ähnliche Geschichten in den letzten Wochen erlebt. Er wohnt in der Elsassstraße, wird dort regelmäßig kontrolliert, neulich auch morgens, als er auf dem Weg in die Schule war. „Ich habe das Gefühl, es wird davon ausgegangen, dass ich kriminell bin”, sagt er.

Die Polizei weist in einer Stellungnahme die Vorwürfe zurück. „Dass die sorgfältig durchgeführten Kontrollen bei den kontrollierten Personen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und dementsprechend geäußert werden, ist nahezu zwangsläufig und war zu erwarten”, heißt es auf Anfrage. Seit nunmehr 14 Tagen werden vermehrt kontrolliert. Weder wurden in dieser Zeit Beschwerden herangetragen noch Strafanzeigen gegen Polizeibeamte gestellt.

Alisan und Bruno sind zwei Beispiele für junge Menschen mit Migrationshintergrund, die im Josefshaus zusammensitzen und sich über die massiven Polizeieinsätze in ihrem Ostviertel mit groß angelegten Razzien ärgern. Nicht, weil sie deren Notwendigkeit im Kampf gegen Drogendealer nicht verstehen. Sondern weil sie sich mit den Kriminellen in einen Topf geworfen fühlen und von den ständigen Durchsuchungen schikaniert fühlen. Deswegen erheben sie nun die Stimme. Sie zählen zum Kreis des Jugendbüros der offenen Jugendeinrichtung Josefshaus (OT), einer Einrichtung der Gemeinde. Dieses Büro wurde vor sieben Jahren ins Leben gerufen, die Jugendlichen verstehen sich als Sprachrohr der jungen Menschen im Viertel.

Und nun sprechen sie die Polizei an. „Empörung alleine reicht nicht”, sagt Josefshaus-Leiter Richard Okon. Die Jugendlichen würden sich deswegen gerne mit der Polizei - gerne den Präsidenten Klaus Oelze - an einen Tisch setzen, auch mit den Menschen, die in den letzten Wochen auch in der Zeitung ihre Ängste vor den Kriminellen im Viertel zum Ausdruck gebracht haben. Sie wollen Ängste und Vorbehalte nehmen, miteinander statt gegeneinander wirken. „Wenn man am Elsassplatz steht, wird man direkt mit Drogenhandel in Verbindung gebracht. Auch wir beobachten, dass dort gedealt wird, aber das heißt nicht, dass jeder am Elsassplatz und im Kennedypark kriminelle Absichten hat”, sagt Bruno.

Bei der Polizei heißt es dagegen, die Kriminalitätsentwicklung im Ostviertel sei problematisch. „Ein großer Teil der Bürger im Ostviertel hat darauf hin eine verstärkte polizeiliche Präsenz angemahnt. Wir teilen die Sorgen der Menschen dort und gehen mit gebotener Konsequenz gegen Tatverdächtige vor. Vor dem Hintergrund, dass Polizeibeamte nicht nur verbal, sondern auch bedrohlich und tätlich bei diesen Kontrollen angegriffen wurden, genießt die Eigensicherung der Beamtinnen und Beamten einen hohen Stellenwert”, steht in der Stellungnahme.

Richard Okon kann die Jugendlichen aus seiner OT verstehen. „Hier werden junge Menschen unter einen Generalverdacht gestellt”, sagt er. „Die Jugendlichen leiden darunter, dass sie immer aufs Neue verdächtigt werden.” In einem Austausch würden sie gerne mit der Polizei nach Pfaden suchen, dieses Dilemma aus dem Weg zu schaffen. „Es ist okay, wenn man mal kontrolliert wird, aber in dieser Häufigkeit, ist es nicht zu ertragen. Man schämt sich”, sagt Bruno. Ein anderer Jugendlicher berichtet, wie er zweimal binnen einer Viertelstunde durchsucht wurde.

Dabei habe sich seit Jahren keine neue Gang mehr im Viertel gegründet, berichten die Jugendlichen. Richard Okon nickt, er spricht über die Bemühungen der Jugendlichen um das Image des Viertels. „Uns ist klar, dass im Kennedypark nicht nur Engel rumlaufen, aber die Jugendlichen bekommen durch dieses Zack-Zack-Zack der Polizei das Gefühl, dass man sie hier nicht will. Ich habe Angst vor den Folgen dieser Erfahrung und deswegen möchten wir vernünftig mit der Situation umgehen. Wir wollen die Polizei nicht anklagen, wir wollen mit ihr gemeinsam nach einer Lösung suchen”, sagt er.

Bis dahin wird laut Polizei weiter kontrolliert. „Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Kontrollen im Ostviertel zeigen, dass die polizeilichen Maßnahmen erforderlich und gerechtfertigt sind.Die Aachener Polizei hält sich an Gesetz und Ordnung. Sie trifft alle ihre Maßnahmen innerhalb des gesetzlichen Rahmens”, sagt die Stellungnahme.
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