Jugendgefängnis: Eine Erfahrung, die mehr ist als nur Strafe

Von: Thomas Vogel
Letzte Aktualisierung:
6509884.jpg
Einfach nach draußen gehen ist natürlich nicht drin: 60 Minuten pro Tag darf Chris auf den Gefängnishof. In der Zelle ist der Fernseher das wichtigste Utensil. Frühestens 2015 rechnet der 24-Jährige mit einer realistischen Chance auf Entlassung aus der Haft. Foto: Thomas Vogel
6509882.jpg
In der Offenen Wohngruppe besteht die Möglichkeit, Sport zu betreiben. Chris macht besonders gerne Muskeltraining.
6515941.jpg
Die JVA Aachen aus der Luft. 1994 wurde sie in Betrieb genommen und 2004 nochmal erweitert. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Ab 16 Uhr verbringt Silvester jeder mit sich selbst, denn der 31. Dezember ist ein Tag wie jeder andere. Eine Feier gibt es nicht, der Abend wird einsam. „Einschluss“, sagt Chris (Name von der Redaktion geändert). Das Feuerwerk ist zu sehen – über der Stadt, hinter den Mauern. Chris ist 24 Jahre alt. Ein Gericht hat ihn zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, wegen Nötigung, Freiheitsberaubung und Körperverletzung.

An Silvester wiegt die Last, eingesperrt zu sein, sehr schwer, erzählt der junge Mann. Es ist einer der besonders harten Tage. Tage, an denen Chris viel nachdenkt, traurig ist und in sich gekehrt. Er vermisst seine Freunde und ganz besonders seine Familie.

U-Haft, Gefängnis in Köln: Die ersten Tage hinter Gittern kann Chris in einem Wort auf den Punkt bringen – „Schockzustand“. „Da bin ich erstmal nicht klar gekommen,“ erinnert er sich. „Ich hab gar nicht wirklich realisiert, dass jetzt die Türen zugemacht werden. Und dann waren die Türen zu und ich habe das erste Mal wirklich gecheckt, wo ich gerade bin.“ In der Zelle, in die er geführt wurde, saßen schon zwei Inhaftierte. Ein komisches Gefühl, meint Chris, von dem Moment an 23 Stunden am Tag mit zwei Fremden verbringen zu müssen und alles mit ihnen zu teilen. Dinge wie die Toilette, die nicht wie in Aachen abgetrennt, sondern offen ist. „Alles war dreckig dort,“ sagt er.

Angst vor dem Gefängnis hatte Chris nicht, auch wenn ihm vorher ein bisschen mulmig zumute war. Schließlich kannte er die Sache mit dem Bücken in der Dusche wie jeder andere aus Filmen. Allerdings hat er so etwas in dem knappen Jahr in Gefangenschaft bisher weder erlebt, noch gehört, dass jemand anderes eine solche Erfahrung gemacht hätte. „Aus meiner Sicht ist das ein Märchen“, sagt er. Die einzige wirkliche Angst ist, dass seiner Familie etwas zustoßen könnte und er währenddessen im Knast sitzt.

Mit zunehmender Dauer in der JVA setzten sich die Eindrücke. „Tag für Tag hab ich ein bisschen mehr realisiert, dass ich eingesperrt bin. Die ganze Zeit war Kopfkino angesagt“, erinnert sich der 24-Jährige und meint damit die vielen Stunden, in denen es nichts zu tun gab. Nichts, außer Nachzudenken. Den Unterschied zwischen Untersuchungshaft und Strafhaft, in der sich Chris jetzt befindet, hat er vor allem als Kopfsache erlebt. „Strafhaft ist lockerer als U-Haft. In der U-Haft fragt man sich die ganze Zeit: Was macht der Anwalt, kommt man raus, kommt man nicht raus … die Ungewissheit macht einen kaputt. Seit ich meine Strafe kenne bin ich ruhiger, weil ich weiß wie es weitergeht.“

Eingeschlossen – Abgeschlossen

Am frühen Morgen startet die Herausforderung, jeden Tag aufs Neue. Zumindest war das so. „Am Anfang, die erste Zeit“, sagt Chris. Das hat sich aber geändert. „Für den Moment hab ich mit der Außenwelt abgeschlossen. Ich guck jetzt, was für mich das Beste ist.“ Und das bedeutet für den 24-Jährigen, an sich zu arbeiten. Dazu sind besondere Möglichkeiten in einer Jungtäterabteilung geschaffen worden, in der Chris untergebracht ist. „Ich kam aus der JVA in Köln nach Aachen und habe erfahren, dass es hier eine Jungtäterabteilung gibt. Ich wusste ja gar nicht, was das ist.“

Die Abteilung ist als Offene Wohngruppe konzipiert. Das bedeutet: Die Zellentüren sind unter der Woche von sechs bis 20.45 Uhr offen, am Wochenende von acht bis 16 Uhr. „Hierher zu kommen“, sagt Chris, „war das Beste, was mir passieren konnte.“ In dieser Abteilung zu sein, ist innerhalb der Gefängnismauern ein Privileg.

19 Plätze gibt es in der Jungtäterabteilung. Wer dort hineinkommt, muss ein paar Voraussetzungen erfüllen: Mindestens drei Monate ohne Gewalt und ohne Drogen. Und: Der Gefangene muss offen sein. Offen und bereit, in einer Wohngruppe zu leben und sich an den Gruppenmaßnahmen zu beteiligen. Sonja Gersching, Abteilungsleiterin der Jungtäterabteilung: „Hintergrund der Jungtäterabteilung ist es, dass bei jungen erwachsenen Strafgefangenen im Alter von 21 bis zur Vollendung des 26. Lebensjahres die Entwicklung der Persönlichkeit oft noch nicht abgeschlossen ist. Sie sind daher noch offen für neue Impulse. Kriminelles Verhalten ist bei ihnen häufig nicht Ausdruck einer verfestigten kriminellen Lebensweise, sondern eher Folge einer misslungenen Identitätsentwicklung und besonderer Problemlagen. Durch speziell auf die Altersgruppe zugeschnittene Behandlungsmaßnahmen erlernen die Gefangenen soziale Kompetenzen und werden angehalten, berufliche, schulische und therapeutische Maßnahmen durchzuhalten.“

Chris' Tage laufen größtenteils gleich ab. Aufstehen um sechs Uhr, fertigmachen für den Job. In seinem Fall bedeutet das: Arbeit in der Kantine. Gemeinsam mit anderen Gefangenen kümmert er sich dort um das Essen für die Beamten. Jeder übernimmt eine andere Aufgabe. Während Chris zum Beispiel Rührei mit Speck zubereitet, belegen andere Brötchen für das Frühstück. Bevor die Beamten morgens kommen, frühstücken die Inhaftierten selbst. Nach der Essensausgabe wird das Mittagessen vorbereitet. Der Speiseplan ändert sich jeden Tag. „Das Essen für die Beamten ist anders, als das für die Inhaftierten. Wir machen da schon aufwendigere Gerichte. Das ist eine Herausforderung, macht aber Spaß.“ Der Job bedeutet ihm viel, lenkt ab. Den ganzen Tag auf Zelle zu verbringen, würde bedeuten, noch mehr Zeit mit sich alleine, noch mehr Zeit mit Grübeln zu verbringen.

Sonderwünsche kosten

In der Personalkantine der Aachener JVA können sich die jungen Gefangenen seit Februar 2013 auf eine Berufsausbildung zum Koch oder Küchenhelfer vorbereiten. Diejenigen, die einen der acht Ausbildungsplätze ergattert haben, können Module belegen, die von der IHK zertifiziert wurden und deshalb bei einer späteren Ausbildung angerechnet werden. Das verbessert die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und auf Resozialisierung. Um 13 Uhr sind die Teller leer. Dann ist Aufräumen und Saubermachen angesagt. Je nachdem, wie schnell Chris und seine Kollegen sind, ist zwischen 13.30 Uhr und 14 Uhr Feierabend.

Auch in der Offenen Wohngruppe greift Chris wieder zu Topf, Gewürzen und Rührlöffel. In der Jungtäterabteilung bereiten die Gefangenen gemeinsam ihr eigenes Mittagessen zu. Während es zum Frühstück und Abendessen Brot, Margarine, Tee und dazu Marmelade, Käse oder Wurst gibt, stehen mittags Eintöpfe, Gulasch, Fisch, Kotelett mit Gemüse, Salat und Obst oder Joghurt auf dem Speiseplan.

Sonderwünsche muss Chris sich selbst kaufen. Alle zwei Wochen kann er von einer Liste bestellen, die ein paar hundert Produkte vom Hygieneartikel bis zu Süßigkeiten bietet. In der Kantine verdient der junge Häftling rund 270 Euro im Monat. 110 Euro darf er ausgeben, der Rest wird als sogenanntes Überbrückungsgeld zur Seite gelegt. Chris bekommt es bei Haftentlassung.

Möglichkeiten, die Freizeit zu verbringen, hat der 24-Jährige durchaus. Die klingen sogar vielfältig. Allerdings ist Chris für Jahre darauf beschränkt. Er betreibt viel Sport, besonders Muskeltraining, unterhält sich mit seinen Mitgefangenen, schaut abends Fernseher, kann Kicker oder Darts spielen. An der frischen Luft ist er logischerweise nur selten – täglich darf er maximal 60 Minuten auf dem Gefängnishof verbringen. Zu den Dingen, die Chris Überwasser halten, gehören die Besuche seiner Familie. Seit Monaten kommen sie regelmäßig, jede Woche. „Nicht einmal haben sie gefehlt. Da bin ich sehr stolz drauf.“ Private Telefonate gehören zu seinen Highlights, genau wie der Kinotag einmal im Monat, bei dem er einen aktuellen Film anschauen darf.

Etliche Dinge gibt es, erklärt der Häftling, deren Wert er erst im Gefängnis wirklich erkannt hat. Die Privatsphäre gehöre sicher dazu. „So, wie man die von Zuhause kennt, gibt es sie hier drin einfach nicht. Zwar sind die Türen am Abend zu, aber das ist nicht vergleichbar.“ Die Beamten können jederzeit in die Zelle. Und doch: Der Mensch, sagt Chris, ist ein Gewohnheitstier und das gelte auch im Knast. „Ich hab mich mittlerweile schon an den Tagesablauf gewöhnt. Was eben fehlt ist die Freiheit – mit der Familie zu Grillen oder bei schönem Wetter mit Freunden etwas trinken zu gehen.“

Der Zwangsaufenthalt im Gefängnis ist für ihn eine Strafe, daran lässt er keinen Zweifel. Aber es geht darüber hinaus. „Ich sehe das wie eine Schule hier. Du lernst einfach eine Menge, Geduld zum Beispiel, oder wie man sich in Konfliktsituationen verhält. Es gibt Leute, die sagen ‚Sperr mich ruhig ein, mach, was du willst‘, aber manche fangen eben auch an Nachzudenken. Und ich bin so einer, hab gelernt zu schätzen, was ich vorher nicht geschätzt habe.“

Die Hafterfahrung und die Arbeit in der Küche werden sein Leben in Freiheit beeinflussen, da ist sich Chris sicher. Er hat bereits begonnen, seine berufliche Zukunft zu planen. Mindestens bis 2015 wird er mit der Umsetzung noch warten müssen. Dann sind Zweidrittel seiner Strafe verbüßt und er hat eine Chance auf Freiheit.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert