Aachen - Jugendchor und Jugendorchester: Wo Kinder auf dem Friedhof leben müssen

Jugendchor und Jugendorchester: Wo Kinder auf dem Friedhof leben müssen

Von: Regine Beyß
Letzte Aktualisierung:
Die Kulisse des ehemaligen Sch
Die Kulisse des ehemaligen Schlachthofs wurde ganz bewusst ausgewählt: Jugendchor und Jugendorchester der Musikschule boten ein beeindruckendes Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Völlig regungslos stehen die Mädchen da und erwarten ihr Schicksal. Plötzlich setzt Gesang ein. Am anderen Ende der Halle stehen junge Männer und schaffen mit der Melodie von „Mad World” eine bedrückende Stimmung.

Die Mädchen werden unterdessen in rischhaltefolie gewickelt und weggetragen. „Das sie sich verkaufen, das ist neu”, berichtet einer der Erzähler später. Sexueller Missbrauch war nur eines der Themen, das beim diesjährigen Konzeptkonzert des Jugendorchesters und des Jugendchores der Musikschule Aachen aufgegriffen wurde. Bereits seit acht Jahren entwickeln Chorleiterin Illa Tönnies und Orchesterleiterin Marion Simons-Olivier gemeinsam solche Konzerte. Im Mittelpunkt standen dieses Mal die Friedhofskinder von Cebu, einer Millionenstadt auf den Philippinen.

In einer Mischung aus szenischen und tänzerischen Darstellungen sowie Musik verschiedener Epochen und Stile erlebte das Publikum, was es heißt, sein Leben auf einem Friedhof zu verbringen. „Die Kinder proben nicht den Aufstand, sie leben im Außenstand”, fassten die Erzähler zusammen. Rings um die Zuschauer standen schwarz verkleidete Wände.

Überall hingen Fotos von betroffenen Kindern und Familien. Eindrücke, die von der Atmosphäre des Veranstaltungsortes noch verstärkt wurden. „Wir haben den ehemaligen Schlachthof nicht zufällig ausgewählt”, erklärte Chorleiterin Illa Tönnies. „Schließlich ist auch er ein Symbol für Tod und passt somit in das Konzept des Friedhofs.”

Die Vorbereitungen für das Konzert starteten bereits vor einigen Monaten. Gemeinsam sammelten die rund 60 Nachwuchsmusiker Ideen für das Konzept. „Die Jugendlichen machten das Thema zu ihrem persönlichen und ließen auch eigene Erfahrungen mit einfließen”, so Tönnies. Orchesterleiterin Marion Simons-Olivier ergänzte: „Es geht nicht mehr nur um die Friedhofskinder, sondern gleichzeitig um jeden Menschen, der irgendwie ausgegrenzt wird.”

Während die Jugendlichen zuerst die Lebenssituation der Friedhofskinder beleuchteten, gingen sie anschließend auch auf die gesellschaftliche Dimension ein. Denn um diesem Elend zu entkommen, brauchen die Kinder Hilfe. Doch woher soll diese Hilfe kommen? „Es können eben nicht alle Glück haben, das Leben ist ungerecht”, argumentierte der Pessimist. „Die ganze Welt braucht doch Hilfe.” Eine berechtigte Frage, die wohl so manchen Zuschauer ins Grübeln brachte. „Wir wollten diese Polarität darstellen, die in jedem von uns herrscht”, so Tönnies.

Eine Antwort auf diesen Zwiespalt ließ nicht lange auf sich warten. Jede kleine Hilfe könne helfen, und irgendwo müsse man ja schließlich anfangen. Warum nicht in Cebu? So rief Marion Simons-Olivier nach dem Konzert zu Spenden auf, die ohne Umwege den Friedhofskindern zugute kommen werden.
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