Jugendamt: „Besser ein Alarmruf zu viel als zu wenig“

Von: Matthias Hinrichs
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Frühe Hilfen gegen Einsamkeit, Gewalt oder Vernachlässigung: Etwa jedes sechste Kind, auf das das Jugendamt aufgrund von Warnhinweisen aufmerksam wird, muss sofort in die Obhut von Verwandten, Pflegefamilien oder Jugendeinrichtungen gegeben werden. Foto: dpa

Aachen. Kindeswohlgefährdung – hinter dem sperrigen Begriff verbergen sich vielfach dramatische Schicksale. Immer häufiger werden die Jugendämter auf Fälle von körperlicher oder psychischer Gewalt gegen Heranwachsende aufmerksam (gemacht).

Laut Statistik sind allein im vergangenen Jahr bundesweit rund 129.000 einschlägige Verfahren zur Prüfung durch die Behörden aktenkundig geworden – 4,2 Prozent mehr als im Vorjahr. Die AZ sprach mit Brigitte Drews, stellvertretende Leiterin des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule, über die Situation in Aachen.

 

Gibt es in Aachen im Hinblick auf sogenannte Kindeswohlgefährdungen eine ähnlich dramatische Entwicklung wie auf Bundesebene?

Drews: Wir können sagen, dass die Zahl der Meldungen seit einigen Jahren im Prinzip stagniert. Pro Jahr werden wir mit etwa 1000 möglichen Fällen konfrontiert, bei etwa einem Drittel können wir allerdings schnell Entwarnung geben.

Dass die Zahlen in Aachen nicht substanziell gestiegen sind, liegt sicher auch daran, dass im Verbund mit etlichen Initiativen bereits 2005 umfassende Maßnahmen im Hinblick auf die Prävention ergriffen wurden, während das sogenannte Bundeskinderschutzgesetz, das entsprechende Angebote vorschreibt, erst 2012 in Kraft getreten ist.

Wie stellen Sie fest, ob akuter Handlungsbedarf besteht?

Drews: Vor elf Jahren haben wir eine Hotline eingerichtet, die rund um die Uhr besetzt ist. Dort können sich Bürger melden, wenn sie das Gefühl haben, dass das Jugendamt zum Beispiel in ihrer Nachbarschaft aktiv werden sollte, weil sie mögliche Missstände beobachtet haben. Inzwischen haben wir zudem ein eng geknüpftes Netzwerk von Einrichtungen wie Müttercafés, Familienzentren, dem Kinderschutzbund mit seiner Anlaufstelle „Frühe Hilfen“ und vielen weiteren Angeboten wie zum Beispiel Begrüßungspakete für junge Eltern.

Wie viele Verdachtsfälle werden Ihnen über Alarmrufe von Nachbarn oder Bekannten von Familien gemeldet, die eventuell Ihre Unterstützung benötigen?

Drews: Mehr als ein Drittel der Meldungen resultiert tatsächlich aus solchen Anrufen. Das zeigt, dass die Aufmerksamkeit im Prinzip durchaus gewachsen und groß ist. Und wir können die Menschen nur ermutigen, sich zu melden, auch wenn sie unsicher sind – besser, sie reagieren einmal zu viel als einmal zu wenig.

Wie gehen Sie konkret vor, wenn Sie Kenntnis von Vernachlässigung, körperlicher oder auch psychischer Gewalt gegen Kinder oder Jugendliche erhalten?

Drews: Wir arbeiten seit langem mit festgelegten Standards, an denen wir uns orientieren. Wir haben ein Raster entwickelt, um über erste Befragungen konkrete Anhaltspunkte zu ermitteln. Wir fragen da zum Beispiel nach dem Alter der potenziell betroffenen Kinder und danach, wie oft mögliche Missstände jeweils beobachtet worden sind, ob Kinder etwa einen verwahrlosten Eindruck machen. Aufgrund dieser ersten Erkenntnisse entscheiden wir, ob wir sofort aktiv werden oder die betroffenen Eltern zum Beispiel zunächst anschreiben und einen Termin ausmachen. In 70 Prozent der Fälle suchen unsere Mitarbeiter die Betroffenen umgehend auf.

Wie oft müssen Sie Kinder oder Jugendliche dauerhaft oder zumindest zeitweise aus ihrem familiären Umfeld herausholen? Wie werden sie dann konkret betreut?

Drews: In rund 15 Prozent der Fälle ist eine sofortige Herausnahme der Kinder erforderlich. In der Regel werden die Heranwachsenden vorübergehend von speziell geschulten Bereitschafts-Pflegefamilien oder in der eigenen Verwandtschaft aufgenommen oder eben auch in etablierten Jugendhilfeeinrichtungen. Natürlich werden die Eltern intensiv in die Hilfeplanung einbezogen mit dem Ziel, die familiären Strukturen so weit zu stärken, dass die Kinder langfristig in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren können.

Wie steht es aus Ihrer Sicht grundsätzlich um den viel zitierten „gesellschaftlichen Stellenwert“ von Heranwachsenden und Familien in Aachen? Vielfach herrscht der Eindruck vor, dass Kinder eher als finanzielle und soziale „Hemmfaktoren“ statt als Bereicherung und Gestalter der Zukunft in den Blick rücken – auch im Zusammenhang mit der Debatte über wachsende Flüchtlingszahlen und vergleichsweise hohe Armutsquoten.

Drews: Angesichts der steigenden Geburtenzahlen in Aachen sehe ich, dass die Familie wieder einen höheren Stellenwert erhält. Für uns ist jedes Kind ein Kind – ganz egal, woher und aus welchen Verhältnissen es kommt. Ich glaube, wir sind auf einem guten Weg, wenn wir konsequent an unseren Möglichkeiten und Angeboten im Hinblick auf die Jugendhilfe festhalten. Denn eins ist klar: Je mehr Selbstbewusstsein und Sicherheit Kindern und Jugendlichen vermittelt wird, umso besser ist es um ihre Zukunft bestellt.

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