Jugend sprengt eiserne Ketten der Tabus

Von: Paula Schönfelder
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Ein Stück, das mit den Tabus seiner Zeit bricht. Schüler der Viktoriaschule führen derzeit das Drama „Frühlings Erwachen“ auf. Es gibt noch wenige Restkarten. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Themen wie Sexualität, Gewalt und Selbstmordgedanken: Das Drama „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind ist mit Sicherheit keine leichte Kost. Dass sich trotzdem 55 Schüler der zehnten Klasse finden, die das Stück freiwillig auf die Bühne der Viktoriaschule bringen, findet daher umso mehr Beachtung.

Nach einem Jahr proben und schon zwei erfolgreichen Aufführen haben sowohl Schauspieler als auch Zuschauer längst nicht genug. Für die weiteren Aufführungen am Samstag und am Sonntag in der frisch renovierten Aula gibt es noch Restkarten an der Abendkasse.

14 Schüler spielen Jungs und Mädchen in ihrem Alter – jedoch gut 125 Jahre vor ihrer Zeit: Der unsichere Moritz, der rebellische und eher fortschrittlich denkende Melchior und das Mädchen Wendla machen alle ihre eigenen Erfahrungen mit Sexualität und Gewalt. Dabei müssen sie selbst unter einer Erziehung, in der Aufklärung keine Rolle spielt, leiden. So bricht das Werk mit den Tabus seiner Zeit.

Von Homosexualität und Kindesmissbrauch bis zu Abtreibung und Selbstmord wird kein Thema ausgelassen oder beschönigt. Keine leichte Aufgabe für 16-Jährige, die sich für das Projekt entschieden haben. Doch mit viel Gefühl und Authentizität bringen die jungen Schauspieler diese unruhige Phase im Übergang vom Kind zum Erwachsenen am Ende des 19. Jahrhunderts, in der auch der Wunsch nach Freiheit eine wichtige Rolle spielte, auf die Bühne.

Drama aus dem Jahr 1891

Den Anstoß für das Gemeinschaftsprojekt von Pennälern und Pädagogen haben vor genau einem Jahr die Lehrer Jörg Schleifer und Urs Wörner gegeben. „Alle Schüler behandeln das Drama im Deutschunterricht“, erzählt Schleifer, der für die Regie zuständig ist. Er war es auch, der vorschlug, das Ganze auf der Bühne zu inszenieren und dabei auf viel Begeisterung stieß. So begannen im März zahlreiche Castings und bald darauf die musikalischen Proben mit Band und ebenfalls aus Zehntklässlern bestehendem 20-köpfigem Chor.

Die Lieder, die alle auf Englisch gesungen werden, lassen das Drama von 1891 beängstigend modern wirken. Aber auch den Themen fehlt es nicht an Aktualität. „Selbstmorde durch zu hohen Leistungsdruck kommen leider immer noch vor. Auch Homosexualität, ungewollte Schwangerschaften und Kindesmissbrauch gehören eben zur Realität“, merkt Schleifer an.

Die Schüler konnten sich im Rahmen ihres Deutschunterrichts mit den Themen befassen und sie so sehr realistisch auf die Bühne bringen. Dabei habe auch die harmonische Atmosphäre unter den Schülern geholfen, so Schleifer. „Sie gönnen einander jeden Erfolg“, berichtet der Lehrer ein wenig stolz. „Die leben ihre Rollen richtig.“ Immer wieder gelingt es den Jugendlichen daher, den Zuschauer nachdenklich zu stimmen, ihn mit einem beklommenen Gefühl zurückzulassen oder mit modernen Songs mitzureißen.

Am Ende der Premiere gab es dafür stehende Ovationen – und die ein oder anderen Träne sowohl seitens der Zuschauer, als auch bei den Schauspielern.

 

 

 

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