Aachen - Jobst Rüthers berichtet über Arbeit von Christen weltweit

Jobst Rüthers berichtet über Arbeit von Christen weltweit

Von: Thomas Hohenschue
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Der ständige Blick über den Tellerrand zeichnet das Leben und Wirken von Jobst Rüthers aus. Als Chefredakteur der in Aachen gemachten Zeitschrift „Kontinente“ berichten er und seine Kollegen über den Einsatz von Ordens- und Kirchenleuten weltweit. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nach Rom ist Aachen für viele Christen weltweit die wichtigste Adresse in Europa. Hier sitzen gleich drei weltkirchliche Werke, fördern tausende Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika. Über den Einsatz von Ordens- und Kirchenleuten berichtet alle zwei Monate die in Aachen gemachte Zeitschrift „Kontinente“. Sie feiert in wenigen Tagen ihr 50-Jähriges. Aus diesem Anlass sprach die AZ mit Chefredakteur Jobst Rüthers.

Der 55-jährige Journalist ist in Aachen kein Unbekannter, hat er doch in turbulenten Zeiten als Pressesprecher des Bistums gewirkt. Als meinungsstarker Vermittler ist er wenigen Konflikten aus dem Weg gegangen. Im Wochenendinterview erzählt er, was ihn innerlich antreibt und ihm wichtig ist, damit Leben und Glauben gelingen.

Sie haben Ihr ganzes Berufsleben in kirchlichen Bezügen gearbeitet. Wie kam es dazu?

Rüthers: Den entscheidenden Impuls erhielt ich, als ich früh von zu Hause auszog, in ein Schülerwohnheim des Bistums Mainz. Wie ich dort Gemeinschaft erfuhr, einen gelebten Glauben, eine inspirierte Auseinandersetzung mit Fragen, die mich damals bewegten, auch mit Literatur, hat bei mir eine Handbremse gelöst, mich für das Christentum begeistert. Und später packte ein Arbeitseinsatz in Kenia, der von diesem Wohnheim organisiert wurde, noch etwas obenauf: nämlich ein leidenschaftliches Interesse an der Einen Welt. Das hat mich mein ganzes weiteres Leben geprägt.

Was haben Sie in Kenia erfahren?

Rüthers: Wenn Sie mit afrikanischen Jugendlichen drei Wochen lang zusammen arbeiten, leben Sie auch mit ihnen. Sie bauen Hütten und Sie essen gemeinsam. Sie beten gemeinsam und Sie feiern gemeinsam Gottesdienst. Diese lebendige Spiritualität und der Gemeinschaftssinn haben mich begeistert, zusammen mit der Erfahrung, etwas wirklich Sinnvolles in einem Land zu tun, in dem Armut herrscht. Diese Begeisterung hat mich nicht mehr losgelassen und ich bin froh, sie seit 2005 bei Missio und seit 2012 bei „Kontinente“ beruflich leben zu können – beim Missionswerk als Pressesprecher und dann bei der Zeitschrift als Chefredakteur.

Wie landet man bei der Medienarbeit, wenn man so sozial und religiös motiviert ist?

Rüthers: Das lässt sich sehr gut miteinander vereinbaren. Als Journalist lerne ich durch die Fülle von Themen viel mehr kennen, als es mir etwa als Sozialarbeiter möglich wäre, und nehme daraus eine Menge mit. Wie ich den Glauben im Ausland erfahren habe, wünsche ich mir das auch für christliche Gemeinden bei uns. Ich möchte den Menschen an Beispielen berichten, wie das geht. Ich möchte auch erzählen, welche großartigen Dinge Christen tun für Menschen in Not, in Kriegs- und Krisengebieten. Das ist das Anliegen von „Kontinente“. Das als Chefredakteur zu organisieren, erfüllt mich, weil es eine sinnvolle Arbeit ist. Denn nicht zuletzt fördert „Kontinente“ mit seiner Berichterstattung private Unterstützung für die Arbeit von Kirche und Ordensgemeinschaften in der Einen Welt.

Aber ist das nicht eher eine abstrakte Form, das zu leben, was Sie antreibt?

Rüthers: Für einen Teil meine Arbeit trifft das sicher zu. Andererseits macht es mich sehr zufrieden, selbst als Autor vor Ort zu reisen, mir ein Bild von den Verhältnissen und der Hilfe zu machen und dann darüber zu schreiben. Es ist so sinnvoll, über die wichtige Arbeit einer Ordensschwester in einem indischen Slum zu berichten und zu Gunsten ihres Einsatzes eine Brücke nach Deutschland zu schlagen. Wir recherchieren von Aachen aus viele Geschichten über Menschen, die sich in der Regel aus christlicher Motivation für mehr Gerechtigkeit, für mehr Bildung, eine bessere Umwelt einsetzen. Ich bin immer wieder begeistert, was Menschen alles tun, um diese Welt besser zu machen.

Nehmen Sie auch persönlich etwas aus dieser Arbeit mit?

Rüthers: Ja, mein Blick weitet sich. Das betrifft zum einen meinen Glauben. Wenn ich erfahre, wie Gesprächspartner aus der Einen Welt ihn leben, nehme ich daraus viel mit für mein eigenes Glaubensleben: mehr über den Glauben reden, ihn mit anderen teilen, sich mit der Bibel beschäftigen, Gott im kleinen Kreis, zu Hause, feiern. Einen weiteren Blick kriege ich auch auf alles Gesellschaftliche. Wenn ich zum Beispiel die Flüchtlingsfrage betrachte, weiß ich heute, dass hier nun eine Herausforderung auftaucht, die andere, arme Länder schon seit Jahrzehnten stemmen. Und ich weiß auch, dass wir durch unseren Lebensstil einiges dazu beigetragen haben und weiter beitragen, dass es dazu gekommen ist. Ich meine, wir müssen uns unserer Verantwortung in beiden Punkten stellen.

Sind Sie persönlich in dieser Frage engagiert?

Rüthers: Meine Ehefrau und ich machen gerade in diesem Zusammenhang eine Erfahrung, die uns einerseits bereichert und andererseits ganz gut herausfordert. Unsere drei Kinder sind aus dem Haus und wir hatten überlegt, wie wir die leer gewordenen Räume sinnvoll nutzen können. Bestärkt durch das Team von Maria im Tann, haben wir im Juli 2015 Daniel bei uns aufgenommen. Daniel ist ein 17-jähriger Flüchtling aus Eritrea, der nun mit uns lebt und eine Schule besucht.

Wie hat sich das für Sie angelassen?

Rüthers: Sehr intensiv, in jeder Hinsicht. Wir müssen uns mit ihm auseinandersetzen, müssen nochmal in Erziehungsarbeit gehen. Das fängt an bei der unterschiedlichen Essenskultur und bei Dingen wie Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Manches Thema lässt sich wegen sprachlicher Barrieren kaum zu Ende diskutieren. Was auch gewöhnungsbedürftig ist: Er ist immer bei uns, also genau da, wo wir uns im Haus befinden. Er kennt das so von seiner Familie, wo man im wörtlichen Sinne zusammen lebt. Das ist für uns neu, anspruchsvoll, aber auch schön.

Welche Erfahrungen prägen den Alltag mit Daniel noch?

Rüthers: Er ist ein sehr interessierter, politischer und religiöser Mensch. Und er sucht ständig das Gespräch mit mir. Als orthodoxer Christ kommt er mit vielem nicht klar, was er bei uns sieht, etwa dass Frauen kein Kopftuch in der Kirche tragen. Und auch unsere Offenheit gegenüber Muslimen ist etwas, was ihm fremd ist. Ich fordere ihn auf, diese Unterschiede zu ertragen und unsere Regeln etwa im Umgang mit Andersgläubigen einzuhalten.

Lernen Sie umgekehrt etwas von ihm?

Rüthers: Ich muss sagen, dass es mich total bereichert, dass er mich in Fragen des Glaubens herausfordert, eine eigene Position zu formulieren. Das geht uns Christen im deutschen Alltag oft ab. Wir reden nicht mehr über unseren Glauben. Und mich beeindruckt, mit welchem Respekt Daniel älteren Menschen begegnet. Das beobachte ich auf der Straße, in der Familie, in anderen Situationen. Davon können wir Deutschen eine Menge lernen.

Integration ist also keine Einbahnstraße?

Rüthers: Ich meine, nicht nur die Menschen, die zu uns flüchten, müssen kulturelle Unterschiede akzeptieren, neben unseren Grundregeln, die wichtig sind. Sondern auch wir sollten die Souveränität haben, diese Fremdheit auszuhalten. Sie hat ihren eigenen Wert und ihre eigene Würde und bereichert unsere Gesellschaft mit neuen Akzenten. Wenn man sich nicht direkt in ideologische Gräben verschanzt, kann man über viele Konflikte, die sich aus der vermeintlichen oder tatsächlichen Verschiedenheit ergeben, konstruktiv reden.

Welche Erfahrungen haben Sie damit in Aachen gemacht?

Rüthers: Als wir Daniel aufnahmen, habe ich Aachen von einer ganz anderen Seite kennengelernt. Hier sind ganz viele ungemein engagierte Leute, privat, in Kirche und Vereinen, in Politik und Verwaltung, die sich solidarisch zeigen mit den Flüchtlingen oder auch mit den Flüchtlingshelfern. Das berührt mich sehr und ich sage immer wieder: Ich bin stolz auf meine Stadt.

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