Aachen - Jobcenter teilt einem Toten mit: „Sie sind verstorben.“

Jobcenter teilt einem Toten mit: „Sie sind verstorben.“

Von: Matthias Hinrichs
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Brief an einen Toten: Das makaber-absurde Schreiben des Jobcenters hat Dieter T.s Familie tief verärgert. Eine Entschuldigung blieb wochenlang aus – obwohl sie sich zwei Mal beschwerte. Collage: Heinen

Aachen. In den Tagen danach blieb, wie meist, wenig Zeit für schmerzliche Erinnerungen. So vieles musste erst einmal geregelt, organisiert, geklärt werden. Während sie damit beschäftigt war, seinen Haushalt im Frankenberger Viertel aufzulösen, musste Ingrid T. natürlich auch der traurigen Pflicht nachkommen, die Korrespondenz ihres ehemaligen Ehemanns Dieter zu öffnen.

Als ihr der „Bescheid“ des Jobcenters unter die Augen kam, blieben allerdings nur: Fassungslosigkeit und Wut. Das Schreiben war datiert auf den 18. Oktober – den Tag, an dem Dieter T. starb. Pflichtgemäß hatten seine Ex-Frau – das Ehepaar war seit langem geschieden – und seine drei erwachsenen Kinder auch das Jobcenter sofort über seinen Tod in Kenntnis gesetzt. Dieter T. hatte seit einiger Zeit Hartz-IV-Leistungen erhalten.

Nun dies: „Sehr geehrter Herr T., die Entscheidung über die Bewilligung von Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts (…) wird ab dem 01.11.2017 ganz aufgehoben“, heißt es im besagten Brief. Und weiter: „Grund für die Aufhebung der Entscheidung: Sie sind verstorben.“

Was bei Außenstehenden als makabres Paradebeispiel bürokratischer Borniertheit spontane Heiterkeit auslösen mag, traf die Hinterbliebenen verständlicherweise wie ein brutaler Schlag. Zumal der peinlich-grotesken Einleitung eine absurde „Rechtsbehelfsbelehrung“ folgte, offenbar per „Textbaustein“ im besten Behördendeutsch hineinkopiert – und unverdrossen weiter adressiert an einen Toten: Binnen eines Monats könne Dieter T. Widerspruch einlegen. „Eine erneute Zahlung der Leistung ist nur dann möglich, wenn Sie diese (...) nach Wegfall des Grundes, der zur Aufhebung (…) geführt hat, erneut beantragen“, heißt es weiter.

Und: Der Verstorbene möge sich „unverzüglich“ mit seiner Krankenkasse in Verbindung setzen. Die Trauernden waren wohl nicht mehr sehr überrascht, als sie dann auch noch lasen: „Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist auch ohne Unterschrift wirksam.“ Statt eines Namens war im Briefkopf nur eine Nummer der zuständigen Sachbearbeiterin angegeben.

„Ich habe sofort beim Jobcenter angerufen“, erzählt Ingrid T., „und bin dort mit irgendeinem Teamleiter verbunden worden. Ich wollte, dass die Sachbearbeiterin sich persönlich entschuldigt – vor allem bei meinen Kindern. Man zeigte sich höchst konsterniert und betroffen, es hieß, das werde Konsequenzen innerhalb des Hauses haben und so weiter. Ich sagte, dass mich das nicht interessiert, bat darum, dass man sich umgehend mit meinem Sohn in Verbindung setzen möge.“ Allein: Eine weitere Reaktion auf ihr wirkliches Anliegen blieb aus. „Eine Entschuldigung ist bis heute nicht erfolgt – obwohl ich zwei Wochen darauf noch einmal dort angerufen habe.“

Erst am Donnerstag – nachdem unsere Zeitung die Pressestelle der Behörde um eine offizielle Stellungnahme gebeten hatte – klingelte das Telefon bei Ingrid T. „Wir haben sie und ihre Tochter in aller Form um Entschuldigung gebeten“, erklärte Behördensprecher Horst Mendez. Auch zu Dieter T.s Sohn werde man baldmöglichst Kontakt aufnehmen. Denn der unsägliche „Vorgang“ gipfelt schließlich auch noch darin, dass der Sohn tatsächlich einen weiteren „Bescheid“ erhalten hatte – auch dieser formuliert im üblichen, technokratisch-routinemäßigen Duktus.

„Da ,informierte‘ man ihn darüber, dass man aus Datenschutzgründen nur seiner Schwester weitere Auskunft erteilen könne“, berichtet Ingrid T. verbittert. In der Tat hatte die Familie die Tochter als offizielle Ansprechpartnerin im weiteren amtlichen Prozedere angegeben.

„Auch uns fehlen da, ehrlich gesagt, die Worte“, sagte Mendez unserer Zeitung am Donnerstag. „Es ist klar, dass wir diesen Fehler auch mit 1000 Entschuldigungen nicht gutmachen können. Selbstverständlich werden wir uns auch noch schriftlich entschuldigen.“ Eine wirkliche Erklärung für den eklatanten Missgriff – und das lange, stoische Schweigen – könne man letztlich nicht liefern. „Wir werden aber dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal vorkommen kann.“

Ingrid T. freilich tröstet das zähneknirschende Bekenntnis wenig. Denn wie gesagt: „Uns geht es nach wie vor darum, dass der Mensch, der das geschrieben hat, sich persönlich bei uns entschuldigt.“

PS: Am Donnerstagnachmittag hat sich auch Stefan Graaf, Leiter des Jobcenters, bei unserer Zeitung gemeldet: Er habe der Familie einen persönlichen, handschriftlichen Entschuldigungsbrief geschrieben, da die Sachbearbeiterin selbst in Urlaub sei. Graaf: „Das bedarf keiner Diskussion mehr. Es tut uns unendlich Leid.“ 

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