Aachen - Jimena hat das Orchester fest im Griff

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Jimena hat das Orchester fest im Griff

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
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Richtungsweisendes Talent: Die neunjährige Jimena Castro wickelt das Orchester um den Finger. Hilfe bekommt sie von Generalmusikdirektor Kazem Abdullah. Foto: Michael Jaspers
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Ganz und gar nicht abschreckend: Berührungsängste vor klassischer Musik abbauen, wollen auch Katharina Hagopian und Michael Dühn.
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Das Orchester so nah: Für die Bewohner des Seniorenzentrums Itertalklinik ist Abdullahs Besuch ein großes Geschenk. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Die neunjährige Jimena Castro hat Geiger, Bratsche, Cello und Kontrabass fest im Griff: Sie ist Schülerin an der Gemeinschaftsgrundschule Gut Kullen, die Musiker sind die Profis des Aachener Sinfonieorchesters.

 Gemeinsam mit Generalmusikdirektor Kazem Abdullah darf sie spontan das Orchester dirigieren. Als sie vorne neben dem Dirigenten steht, sind ihre Bewegungen erstmal zögerlich. Als sie merkt, dass die Streicher auf ihre Armbewegungen reagieren erschrickt sie kurz, dann merkt sie, dass sie alle um den (Zeige-)Finger wickeln kann. „Das Stück von Mozart kannte ich schon“, erzählt sie. Sonst höre sie aber Popmusik.

Auch in der Aula der Viktor-Frankl-Schule, in der Kinder mit körperlicher Behinderung unterrichtet werden, gibt es klassische Musik zum Anfassen. Keine Bühne trennt Zuhörer und Musiker, sie sitzen direkt vor ihrem Publikum.

„Man hat die Wärme der Instrumente gespürt“, erzählt der 14-jährige Kevin Schmidt später begeistert. Seine Mitschüler sind ebenfalls ganz bei der Sache: Sie wippen mit, hinter Abdullahs Rücken wird in der Luft mitdirigiert und geklatscht. Manche von ihnen sitzen so dicht vorn an der Stuhlkante, dass sie beinahe von ihren Sitzen rutschen.

Die Idee, in dieser Woche die Viktor-Frankl-Schule, die GGS Gut Kullen und die Seniorenzentren Haus Hörn und die Itertalklinik zu besuchen, findet Kazem Abdullah ganz selbstverständlich: „Ich wollte mit dieser Geste auch diejenigen erreichen, die nicht zu unseren Konzerten kommen können. Ich halte es für wichtig, auch an anderen Orten zu spielen, als auf den großen Bühnen der Stadt.“ Da er, wie er sagt, „Anfänger“ sei in Aachen, sei es nur folgerichtig, sich dem Publikum vorzustellen.

Was für ein Geschenk er seinen Zuhörern damit macht, kann man in ihren Gesichtern ablesen: Im Seniorenzentrum Itertalklinik fängt Bewohnerin Stefanie Nowak schon bei den ersten Tönen an zu lächeln. „Es war das erste Mal, dass ich so ein Konzert gehört habe“, sagt sie. Mitbewohnerin Dr. Marlen Brennecke hat sich schick gemacht für den Abend, an dem rund 100 Senioren und Angehörige gekommen sind. „Abdullah wird einen großen Aufstieg machen, wie alle, die in Aachen begonnen haben“, prognostiziert sie. Gerade für diejenigen, die wegen körperlicher Leiden nicht mehr allein ins Konzert gehen könnten, fühlten sich beschenkt. „Dieser Abend wird hier noch lange Gesprächsthema sein“, sagt Brennecke.

Während die Senioren sich bereits auskennen mit Komponisten, wie Mozart, Débussy, Händel und Danzi, bekommen die Schüler Hilfe: Michael Dühn, Dramaturg am Theater Aachen erklärt die Instrumente, die das Orchester dabei hat und erzählt die Geschichten hinter den Stücken. „Man muss die Fantasie der Kinder nutzen,“ sagt er.

So wird Solistin Katharina Hagopian zur Prinzessin, die für ihren Märchenprinzen eine Arie singt. „Die Kinder reagieren viel direkter auf das, was vorn auf der Bühne passiert“, erzählt sie. „Einige lächeln, andere halten sich erstmal die Ohren zu, wenn ich singe. Sie haben noch ein anderes Obertonspektrum als wir Erwachsenen.“ Das Singen an den Schulen mache ihr viel Spaß. „Im Theater ist noch der Orchestergraben zwischen mir und dem Publikum, hier habe ich direkten Augenkontakt.“

Und das nutzen auch die Kleinen, um Hagopian mit Fragen zu löchern. Ob sie mal ein Glas kaputt gesungen habe ist da ebenso relevant wie die Frage, ob es denn wehtue, so hoch zu singen und so lange den Mund offen zu halten. „Bisher habe ich nur viele Gläser runtergeschmissen, aber es ist noch keines zersprungen“, erzählt die Sopranistin.

Spannende Instrumente

„Unsere Schüler werden besonders berührt durch Musik“, weiß Beate Jahn, Leiterin der Viktor-Frankl-Schule. „Emotional werden sie dieses Erlebnis lange speichern.“ Es sei wunderbar, wie sich die Kinder auf die Musik eingelassen hätten, sagt auch Hans Schmachtenberg, Rektor der GGS Gut Kullen. Auch die Instrumente sind für die Kinder spannend: Konzertmeister Felix Giglberger gibt zwar zu, er habe immer Angst um seine hundert Jahre alte Geige, wenn es sie aus der Hand gibt, lässt die Kleinen aber gerne einmal selbst versuchen, mit dem Bogen Töne auf den Saiten erklingen zu lassen. Für ihn seien die Auftritte, vor allem der an der Viktor-Frankl-Schule etwas Besonderes gewesen. „Es ist berührend, was dort für Arbeit geleistet wird. Es sind nicht nur die Blicke der Kinder, sondern auch das Engagement der Betreuer, die mich dort beeindruckt haben.“

Etwas Besonderes. Ja, das ist der Besuch Giglbergers, Hagopians, Dühns und Abdullahs für Kinder wie Senioren. Vor allem für Jimena, die das Sinfonieorchester erst fest im Griff hat und dann ins Herz geschlossen hat.

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