„Jahrhundertkünstler“ Karl Otto Götz ist tot

Von: Eckhard Hoog
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Karl Otto Götz
Karl Otto Götz ist am Samstag im Alter von 103 Jahren gestorben. Foto: Archiv
Karl Otto Götz
Mit 103 Jahren war Karl Otto Götz der letzte noch lebende Pionier der deutschen Nachkriegskunst und galt bereits seit Jahrzehnten als Klassiker. Foto: Archiv
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Mit 103 Jahren war Karl Otto Götz der letzte noch lebende Pionier der deutschen Nachkriegskunst und galt bereits seit Jahrzehnten als Klassiker. Foto: Archiv
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Mit 103 Jahren war Karl Otto Götz der letzte noch lebende Pionier der deutschen Nachkriegskunst und galt bereits seit Jahrzehnten als Klassiker. Foto: Archiv
Karl Otto Götz
Mit 103 Jahren war Karl Otto Götz der letzte noch lebende Pionier der deutschen Nachkriegskunst und galt bereits seit Jahrzehnten als Klassiker. Foto: Archiv

Wolfenacker/Aachen. Er galt im wahrsten Sinne des Wortes als „Jahrhundertkünstler“: Karl Otto Götz ist am vergangenen Samstag um 23.43 Uhr im Alter von 103 Jahren in seinem Haus in Wolfenacker im Westerwald gestorben.

Dies bestätigte seine Frau Rissa. „Er ist ganz ruhig eingeschlafen -  mit einem feinen Lächeln im Gesicht.“ Bereits Tage zuvor habe er nur noch sehr wenig gegessen. „Er wollte nicht mehr“, sagte Rissa, die mit dem am 22. Februar 1914 in Aachen geborenen Maler über 50 Jahre lang verheiratet war.

Mit 103 Jahren war Karl Otto Götz der letzte noch lebende Pionier der deutschen Nachkriegskunst und galt bereits seit Jahrzehnten als Klassiker. Den großen, runden Geburtstag feierte nicht nur seine Heimatstadt Aachen mit einer feinen Übersichtsausstellung im Suermondt-Ludwig-Museum und etlichen zusätzlichen Veranstaltungen: Die ganze deutsche Kunstwelt hatte sich zu Recht ins Zeug gelegt, um diese überragende künstlerische Persönlichkeit zu würdigen – an der Spitze die Neue Nationalgalerie in Berlin mit einer großen Retrospektive.

Als authentischer Individualist der abstrakten Kunst war er mit unverkennbarer Handschrift der informellen Malerei in die Kunstgeschichte eingegangen: K.O. Götz – so wurde er in aller Welt genannt. Seit 40 Jahren lebte er mit seiner Frau Karin, nur unter dem Künstlernamen Rissa bekannt, im südlichen Westerwald. Bis ins hohe Alter ging er trotz seiner schweren Sehbehinderung fast täglich noch ins Atelier, um zu malen – Blätter im Format von 35 mal 30 Zentimetern.

Seine vielen Schüler werden trauern um ihren geliebten Lehrer: Gerhard Richter zum Beispiel, der ihm zum 100. Geburtstag einen Brief geschrieben hatte, in dem er an die gemeinsame Düsseldorfer Zeit erinnerte. HA Schult hatte angerufen: „Das ist einer der Treuesten“, sagte Rissa. Bei der Geburtstagsfeier im Aachener Suermondt-Ludwig-Museum las Schult Gedichte von Götz. Die Professorenzeit an der Düsseldorfer Kunstakademie – von 1959 bis 1979 –, das war nicht nur für K.O.

Götz selbst ein prägendes Kapitel in seinem Leben. Die junge Künstlergeneration fand in ihm ihr großes Vorbild – in einem paradoxen Sinne: indem sie schlicht auf seinen steten Rat hörte, nur den eigenen, autonomen Weg zu suchen, jenseits aller Vorbilder. Zahlreiche Künstler haben Götz’ großen Einfluss in diesem Sinne auf sie als Schüler beschrieben, und viele von ihnen wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, HA Schult und wie sie alle heißen, sind weltberühmt geworden.

Der Vater ist 1914 in Aachen als Kaufmann in einer Tuchfabrik angestellt. Kunstsinnig ermöglicht er dem Sohn Karl Otto eine entscheidende Begegnung mit der Kunst: bei Wochenendbesuchen im Suermondt-Museum. Früh greift dieser selbst zu Pinsel und Palette. Sein Interesse gilt Picasso, Klee, Ernst und Kandinsky. Das erste Atelier hat der junge K.O. in einer ehemaligen Brauerei hinter der Burg Frankenberg in Aachen. Bereits 1935 ereilt ihn ein Malverbot durch die Nazis – eine Ausstellung von Bildern in Schaufenstern eines Schreibwarengeschäfts am Aachener Alexianergraben ist der Anlass.

Sein gesamtes Frühwerk verbrennt

Der Krieg verschlägt ihn nach Dresden, wo er sich mit Otto Dix befreundet. Fast sein gesamtes Frühwerk verbrennt beim Bombenhagel auf die Stadt. Nach Kriegsende lebt er zunächst in der Nähe von Hameln.

Heute würde man sagen: Götz ist in kurzer Zeit gut mit der verstreuten deutschen Künstlerschaft ebenso wie mit der internationalen Szene vernetzt. Die Cobra-Maler laden ihn 1949 zu ihrer ersten Ausstellung ins Stedelijkmuseum Amsterdam ein, Götz bleibt das einzige deutsche Mitglied der Gruppe. Er zieht nach Frankfurt und schreibt dort mit der Gruppe Quadriga Kunstgeschichte.

Schnelligkeit ist Trumpf: Unter dieser Devise entsteht ab 1952 sein Hauptwerk und sein ureigener Malstil, dem er treu bleiben wird. Das zähe Öl lässt er links liegen und fegt stattdessen in flotten Wischs mit einer Rakel, einer Mischung aus Besen, Pinsel und Gummiabzieher, mal eben Kleister und Gouachefarbe über die am Boden liegende Leinwand. Das ist die vollkommene Befreiung von allem überflüssigen Schnickschnack.

„Die Malerei soll explodieren“, lautet sein Credo. Schlieren und Böen, Magma und Wirbel, Brandung und Wogen – all das schleudert er besonders auch als malerische Antwort auf bestimmte Zeitereignisse ins Feld. Sei es die Stationierung von amerikanischen Atomraketen in Deutschland, der 11. September oder der 3. Oktober 1990: K.O. Götz verfolgt gebannt die Berliner Feierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung am Fernseher. Spontan springt er auf und eilt ins Atelier: Er will unbedingt sein ganz persönliches Bild als Erinnerung an diesen Tag malen. Ein riesiges Werk entsteht: „Jonction – 3.10.90“ (Verbindung). 2009 hat das Bild einen Ehrenplatz im Berliner Reichstag bekommen.

Die Auflehnung gegenüber Zwang und Regeln, die unbeirrbare Suche nach dem eigenen Weg, der Mut, ihn dann auch noch zu gehen – dieser Geist ist nicht nur ein Stück Kunstgeschichte, sondern so aktuell wie eh und je!


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