Aachen - Jahresringe bringen Licht in Karolingerzeit

Jahresringe bringen Licht in Karolingerzeit

Von: Thorsten Karbach
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Der Bauschacht führt direkt i
Der Bauschacht führt direkt in die Stadtgeschichte: Stadtarchäologe Andreas Schaub erklärt am Rande des Lochs auf dem Katschhof, welche Bedeutung der Fund der Pfähle für die Pfalzforschung hat. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Als Dr. Joachim Messert zwei Löcher gefunden hatte, war klar, dass er eine große Lücke der Aachener Stadtgeschichte füllen konnte. Denn in dem Bauschacht der Stadtwerke auf dem Katschhof konnte der Archäologe der Dürener Firma „Goldschmidt Archäologie” nach und nach den Blick auf das werfen, auf das sich das karolingische Aachen mit seiner Pfalz buchstäblich gründet: Eichenpfähle.

Neun Stück sind es, die nach und nach zum Vorschein kamen. Bis zu 15 Zentimeter messen sie im Durchmesser. Wie lang sie sind, kann weder Messert noch Stadtarchäologe Andreas Schaub sagen, denn noch stecken sie im Boden. Dass sie weitreichende Erkenntnisse für die Pfalzerforschung bringen, das ist für die Experten allerdings sicher.

Denn heute werden die Eichenpfähle ausgegraben, um erforscht zu werden. Zwar ist sicher, dass sie unter dem Fundament des sogenannten Mittelbaus auf dem Verbindungsgang zwischen Pfalzkirche (Dom) und Aula Regia (Rathaus) liegen, doch ob eben dieses schätzungsweise 15 mal 30 Meter große Gebäude schon zu Zeiten Kaiser Karls errichtet wurde, oder erst später, sollen Kölner Experten mittels dendrochronologischer Analyse herausfinden.

Bei dieser Methode wird anhand der Jahresringe - und die sind bei gut konservierter Eiche noch hervorragend zu erkennen - ein Schlagdatum ermittelt. „Wenn wir wissen, wann der Baum gefällt wurde, dann wissen wir auch, wann gebaut wurde. Denn damals wurde Holz schlagfrisch verbaut”, erklärt Schaub.

Sollten weniger als 50 Jahresringe ermittelt werden bliebe noch die Untersuchung der Rinde - und auch die ist an den Katschhofpfählen erhalten. Wobei weniger als zwei Milligramm für die Analyse reichen würden. „Im Idealfall können wir den Baubeginn jahrgenau datieren. Und wir Archäologen lieben es, Dinge zu datieren”, sagt der Stadtarchäologe hoffnungsvoll.

Die Ausmaße dieses Wissens sind ihm bewusst. Denn Schaub hat einen Vergleichswert. Schon unter einem Pfeiler des Oktogons des Doms war Eichenholz ausgegraben worden. Die Altstadt war in der Antike Sumpfgebiet, die Karolinger bebauten weichen Untergrund, mit den Pfählen wurde der Boden verdichtet, um anschließend die Fundamente gießen zu können.

Das Domholz muss laut Analyse zwischen 793 und 803 geschlagen und verbaut worden sein. In vier Wochen soll die Prüfung der Katschhofeiche folgen, dann ließe sich tatsächlich sicher bestimmen, ob der Mittelbau mit seinem vier Meter breiten Fundament zu gleicher oder einer späteren Zeit errichtet wurde. Die Tradition sehe die Pfalz immer als ein Gesamtgebilde.

Aufarbeitung der Geschichte

Doch Schaub begegnet diesem Bild der Aachener von ihrem liebsten Stück Stadtgeschichte mit Skepsis. „Uns treibt die Frage, ob sich nicht doch alles nacheinander entwickelt hat. Es gibt Vermutungen, dass der Mittelbau erst zum Ende des 9. Jahrhundert folgte. Die Pfalz gab es auch noch, da war Kaiser Karl längst Geschichte und die Karolingerzeit dauerte auch länger”, sagt er.

Die Entdeckung und die erwarteten Konzepte hätten dabei zu keinem besseren Zeitpunkt geschehen können: Mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket I arbeitet Dr. Sebastian Ristow gerade die Geschichte der Pfalz auf. Auch die Baugeschichtler der RWTH blicken auf das karolingische Aachen.

Über die Funktion des Mittelbaus können freilich auch die Eichenpfähle nichts aussagen. „Die kennen wir immer noch nicht”, erläutert Schaub. Es bleiben auch nach dem Fund Lücken in der Stadtgeschichte. Aber das Eichenholz kann eben auch ein gewaltiges Loch schließen.

Die Stawag wird ihre Baustelle vom Katschhof aus unterirdisch weiterführen. Weitere Pfahlfunde seien da, so Schaub, im Grunde sicher. „Wir schauen sehr sorgfältig unter das Fundament”, sagt er. Es könnten letztlich bis zu 20 Pfahlreste werden, dann wäre eine Messserie möglich, und die Daten seien absolut verlässlich.

Anschließend könnten die Pfähle konserviert (das dauert ein Jahr) und ausgestellt werden. All das riecht nach einem weiteren archäologischen Erfolg, nachdem zuletzt römische und sogar steinzeitliche Funde aufgelesen wurden. Doch zunächst stinkt der Arbeitsplatz von Dr. Joachim Messert zum Himmel. Unmittelbar über dem Fundort führt eine Abwasserleitung durch den Boden. Und die ist nicht mehr hundertprozentig dicht?
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