Aachen - Jäger sorgen für die Balance zwischen Mensch, Tier und der Natur

Jäger sorgen für die Balance zwischen Mensch, Tier und der Natur

Von: Rolf Hohl
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Wenn sich Wildschweine unkontrolliert vermehren: Norbert Sundarp zeigt die Folgen, die wühlende Herden auch für die Natur haben können . Foto: Rolf Hohl

Aachen. Die Geschichte der Jagd beginnt vor vielen tausend Jahren. Damals zogen die Jäger aus, und was sie zurückbrachten, sicherte das Überleben der Menschen über die Eiszeit und zahllose todbringende Winter hindurch. Aus dem Fleisch wurde Nahrung, aus den Knochen wurden Werkzeuge und aus dem Fell entstand die warme Kleidung.

Heute ist die Jagd längst nicht mehr überlebenswichtig, und mit ihrer Bedeutung hat auch ihr Ruf gelitten. Viele Leute sind inzwischen bereit zu übersehen, welchen Beitrag die Jäger für das natürliche Gleichgewicht und das Zusammenleben von Natur und Zivilisation leisten müssen, weil Wölfe und Bären dies nicht mehr tun können.

Ist die Jagd heute also nur noch eine Freizeitbeschäftigung? „Nein“, lautet das Urteil von Norbert Sundarp. Er ist Mitglied des Landschaftsbeirates der Städteregion Aachen sowie Leiter des Hegerings Aachen-Laurensberg und damit verantwortlich für ein Gebiet von mehr als 600 Hektar von Vaals bis nach Brand. „Wenn zu viele Tiere auf engem Raum zusammenleben, regelt die Natur das selbst durch Seuchen und Krankheiten“, erklärt er. Doch eben das gilt es zu vermeiden.

Neben der Bejagung haben Jäger heute eine ganze Reihe weiterer Aufgaben: Sie legen etwa sogenannte Ablenkungsfütterungen an, um insbesondere Wildscheine von Feldern und Wiesen fernzuhalten. Denn die Schäden, welche die Tiere dort verursachen, sind enorm und müssen vom Pächter des jeweiligen Reviers bezahlt werden. „Mehrere hundert Stunden haben meine Jagdfreunde und ich in diesem Jahr mit dem Zulegen von Wiesen verbracht, die von Wildscheinen umgepflügt wurden. Große Teile der Getreide- und Maisfelder wurden aber trotz von uns angebrachten Schutzzäunen verwüstet“, berichtet Sundarp.

Es sind aber nicht nur Tiere, die ihm das Leben schwer machen. Es gebe auch viele Schwierigkeiten mit Menschen, die die Jagd grundsätzlich ablehnten. Hierfür macht Sundarp in erster Linie die fehlende Kenntnis über die Leidenschaft und Passion des Jagens verantwortlich.

Dazu komme, dass Jäger ein sehr bequemes Feindbild abgeben würden: „Wir werden einzig auf das Töten von Tieren reduziert. Dabei müssen wir ein enormes Fachwissen in einem breiten Spektrum verschiedener Handlungsfelder vorweisen, um letztendlich der Natur und der Tierwelt gerecht zu werden“, so Sundarp. Dazu müssen Jagdanwärter einen fast einjährigen Vorbereitungslehrgang besuchen mit zahlreichen Begehungen des Waldes und der unterschiedlichsten Biotopen und Landschaften.

Sie werden in Fächern wie Wildtierbiologie, Arten- und Umweltschutz, Tierkrankheiten oder Jagd- und Waffenrecht unterrichtet und parallel auch in der Praxis ausgebildet. Besonders beim Umgang mit der Waffe sei viel Sorgfalt gefragt, wie Sundarp erklärt, da dort ein hohes Gefahrenpotenzial liege – er selbst ist Prüfer für Jagdrecht in der Jägerprüfungskommission. „Den Abschluss bildet dann eine sehr schwierige mündliche, praktische und schriftliche Prüfung, dann erst erhält der Anwärter seinen Jägerbrief und erwirbt gleichzeitig die Anerkennung zum staatlich geprüften Naturschützer.“

Ein großer Aufwand, der sich aber lohne, wie Sundarp betont. So sei etwa für die Bejagung mit Lebendfalle noch eine zusätzliche, mehrtägige Ausbildung erforderlich. Etwas zynisch merkt er an: „Hingegen darf sich jeder Laie in einem Baumarkt eine Totschlagfalle, sei es für Mäuse oder Ratten kaufen und diese auch einsetzen. Auch dabei werden Tiere getötet.“ Bei der Jagd sind Totschlagfallen verboten, und die gefangenen Tiere wie Marder oder Iltisse werden weit weg von der Bebauung wieder in die freie Natur entlassen.

Wenn Sundarp von den „Spielregeln der Natur“ erzählt, gerät er ins Schwärmen über seine Erlebnisse und Beobachtungen. „Alleine im Tierreich gibt es derart viele soziale und kausale Dinge, die durch die Zivilisation zerstört würden, wenn der Jäger nicht eingreift oder lenkt“, sagt er. Am Beispiel der Sozialstruktur der Wildschweine macht Sundarp deutlich, wie dieses Gefüge aus dem Ruder laufen kann.

Werde etwa die Leitbache einer Wildschweinrotte getötet, meistens durch Verkehrsunfälle, so sei die soziale Struktur in der Rotte dahin. Innerhalb kürzester Zeit löse sich der Verband auf, sämtliche weiblichen Tiere würden paarungsbereit und so komme es zu explodierenden Wildschweinpopulationen, die durch das Überangebot von Feldfrüchten noch unterstützt würden. „Ohne eine Bejagung wären die Folgen für Mensch und Natur nicht auszudenken“, mahnt er.

Daran finden aber nicht alle Gefallen. Im Revier sei man täglich dem Groll und teilweise auch dem offenen Hass mancher Leute ausgesetzt. „Beleidigungen sind an der Tagesordnung und ein ehrliches Interesse an unserer Arbeit gibt es kaum“, beklagt Sundarp.

Der Protest hat längst kriminelle Dimensionen angenommen: Allein in diesem Jahr seien in der Region über 60 Jagdeinrichtungen zerstört oder beschädigt und damit Verletzungen mutwillig in Kauf genommen worden. „Derzeit herrscht allerdings Burgfrieden, weil der Wildbraten zu Weihnachten natürlich etwas Besonderes ist, worauf man nicht verzichten will.“

Für ihn persönlich sei die Jagd die Zeit, in der er zur Ruhe komme, wie Sundarp sagt. Dann, wenn er vom Hochsitz aus im Mondlicht den Tieren bei ihrem nächtlichen Treiben zusehen könne. „Wir haben heute eine andere Generation von Jägern, die ökologischer, ethischer und vorausschauender ausgerichtet ist.

Das soll nicht heißen, dass vorher die Jagd nicht auch umsichtig betrieben wurde, nur war sie eben den damaligen Verhältnissen angepasst“, resümiert er. Er finde es schade, dass man sich als Jäger heute für die älteste Art der Nahrungsbeschaffung entschuldigen müsse.

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