Ist der Granusturm noch älter als Aachens Dom?

Von: Robert Esser
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Eingerüstet: Der komplette Gr
Eingerüstet: Der komplette Granusturm erhielt ein Stahlkorsett für die über eine Million Euro teuren Arbeiten - eine einmalige Chance für Archäologen und Foto: Andreas Steindl

Aachen. Wie beruhigend: Isabel Maier ist Fallschirmspringerin. Hobbymäßig. Hat aber keinen Schirm dabei. Außerdem scheint die Sonne. Beruflich schaut die Denkmalpflegerin gerade immerhin 59 Meter in die Tiefe.

Aber Maier fliegt nur auf einen Turm, den Granusturm. Natürlich im übertragenen Sinne. Geradezu liebevoll erzählt sie in Schwindel erregender Höhe von den vielen Geheimnissen, die das über 1200 Jahre alte Bauwerk an der Ostseite des Aachener Rathauses bis heute noch nicht preisgegeben hat.

Seit Wochen ist der Granusturm eingerüstet. „Was jetzt passiert ist genial, einfach einzigartig”, schwärmt sie. Weil die Turmspitze, die 1979 als Replik aufgesetzt wurde, saniert werden muss, können Denkmalpfleger und Archäologen das riesige Stahlkorsett nutzen, um den Turm bis Juli Stein für Stein präzise zu vermessen. „Dabei untersuchen wir vor allem, wie viel karolingische Substanz tatsächlich oberirdisch im Pfalzgebiet erhalten ist”, erklärt Maier.

Suche nach Holzresten

So stellt man unter anderem die Frage, ob das Fundament des Granusturms vielleicht sogar älter als der benachbarte Dom ist. „Wenn wir dort Holzreste finden, können wir die Entstehung genau datieren”, sagt sie. Architekturfotograf Robert Mehl und RWTH-Projektleiter Marc Wietheger erstellen für den ganzen Turm mit hochauflösender Kamera und einem speziellen Computerprogramm ein präzises dreidimensionales Koordinatenmessnetz.

So können Materialien und Konstruktion genau analysiert werden. Wo ist etwa Grauwacke verbaut, wo Sandstein aus Eifeler Kalktuffstein - und wo wurden sogar Bruchsteine aus der Römerzeit in den Turm gesetzt? Das lässt Rückschlüsse aufs Alter zu. Der erste Turm, errichtet am Ende des 8. Jahrhunderts, war 20 bis 22 Meter hoch. Erst im 14. Jahrhundert wurde aufgestockt, als das Rathaus nebenan wuchs.

Einige Historiker vermuten, dass der Granusturm - benannt nach dem Gründer Aachens, Kaiser Neros Bruder Granus Serenus - der erste Wohnbereich von Kaiser Karl war. Denkbar sei aber auch eine Nutzung als Archiv, Wächterstube oder gar Schatzkammer, erklärt Maier. 1,30 bis 1,40 Meter ist die Außenwand heute dick. Dahinter windet sich eine Treppe über sechs Stockwerke in die Höhe. Und vieles gibt Rätsel auf. „Wir untersuchen zum Beispiel, ob es wirklich einen Zugang vom Granusturm in den Krönungssaal gab”, erläutert Wietheger. Denn ein kurzer Türgang endet abrupt mitten im Mauerwerk der Rathaus-Rückwand am Krönungssaal. Letztlich sollen die Untersuchungen am Granusturm ein detailgetreues Bild der kompletten historischen Pfalzanlage ermöglichen - genauer als jemals zuvor.

Um den Turm auch für kommende Jahrhunderte zu konservieren, lässt die Stadt - unabhängig von den Forschungen - die zwei Millimeter dünne Bleischicht an der Turmspitze ersetzen, die sich nach nur 32 Jahren teils aufgelöst hat. Zudem soll das Schieferdach in drei bis vier Monaten saniert werden. Die Replik hatte Stadtkonservator Leo Hugot nach einer Silberstichzeichnung Albrecht Dürers entworfen. 1,05 Millionen Euro kosten Sanierung und wissenschaftliche Dokumentation bis zum Ende des Jahres. Fast die Hälfte landet aus Fördertöpfen des Bundes in Aachen - quasi als finanzieller Rettungsschirm gegen aufgetürmte Sanierungskosten. Und darauf fliegt nicht nur Maier.
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