„Irgendwie durchwurschteln“ ist der falsche Weg

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Schilderungen aus der Sicht der Praktikerinnen: Die Anti-Gewalttrainerin Mona Oellers (links) und Dagmar Ahmad, die am Berufskolleg in Eschweiler unterrichtet, bekommen die Herausforderungen im Schulunterricht hautnah mit. Foto: Andreas Steindl

Städteregion. Wir schaffen das! Oder: Schaffen wir das? Das eine oder auch vermehrt das andere hört man im Zusammenhang mit den Herausforderungen, die die täglich wechselnde Zahl von Flüchtlingen den Kommunen stellt. Der Schulbesuch von schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen gehört ohne Frage dazu.

Ist erst einmal ein Platz gefunden, fangen die Mammutaufgaben aber erst an, mit denen Schulen und Lehrer im Moment noch ziemlich allein dastehen: Verunsicherung der Kinder durch die fremde Sprache, Schlafstörungen und Konzentrationsschwächen durch Traumatisierungen, aber ebenso mehr als 100 Prozent Motivation.

Modelle der Beschulung

Die Modelle der Beschulung sind sehr unterschiedlich: In Grundschulen steigen die Kinder meistens sofort in den normalen Unterricht ein, zusätzlichen Deutschunterricht organisieren die Schulen selbst – zum Beispiel am Nachmittag in der OGS. Weiterführende Schulen ziehen die Schüler der internationalen Klassen ganz aus dem normalen Schulbetrieb heraus, bis ihr Deutsch so gefestigt ist, dass sie sich in den Normalbetrieb einfädeln können.

Oder sie geben ihnen zusätzlichen Unterricht in Deutsch als Fremdsprache und lassen sie gleichzeitig den Regelunterricht besuchen. Eine Vorgabe des Schulministeriums gibt es nicht. Wohl aber das Versprechen, 3600 neue Lehrer einzustellen, davon 1200 für den speziellen Deutschunterricht.

Das allein beruhigt nicht. So sieht es wohl Städteregionsrat Helmut Etschenberg und forderte von der Ministerpräsidentin für die internationalen Klassen zumindest der 18 Berufsschulen der Städteregion Aachen eine halbe Schulsozialarbeiterstelle, die das Land finanzieren soll (wir berichteten).

Die Antwort des zuständigen Landesarbeitsministers steht noch aus. Insgesamt gibt es in der Städteregion derzeit 57 internationale Klassen, 34 davon in Aachen.

Irgendwie durchwurschteln – das scheint also der Arbeitsalltag für Lehrer in diesen Klassen zu sein. So empfindet es zumindest Dagmar Ahmad, die „mit Leib und Seele“ ihre internationalen Klassen am Berufskolleg Eschweiler unterrichtet und auch Kollegen dafür qualifiziert. Und so sieht es auch Mona Oellers, die als Anti-Gewalttrainerin inzwischen oft von Schulen gerufen wird, die den Herausforderungen nicht gerecht werden können.

„Die Lernbedingungen in den internationalen Klassen sind extrem unterschiedlich: Sie alle können kein Deutsch, aber das Alter, der Lernstand und natürlich die Erfahrungen auf dem Weg nach Deutschland sind extrem verschieden“, erklärt Ahmad.

Somit brauche eigentlich jeder Schüler einen eigenen Lehrplan. „Gleichzeitig müssen wir ihnen unsere Kultur und unsere Regeln vermitteln, müssen angesichts der Fluchterfahrungen hochsensibel sein, ohne dabei die Grenzen unserer Kompetenz zu überschreiten, und alles auch noch in die Schule und an die Eltern der anderen Schüler aufmerksam kommunizieren“, beschreibt Ahmad die Anforderungen, die hinter dem Fach „Deutsch als Fremdsprache“ liegen.

„Berufsanfänger sind damit in der Regel überfordert“, glaubt Ahmad nicht, dass die neuen Lehrkräfte dem gewachsen sind. „Das sind in der Regel Berufsanfänger.“

Auch Grundschulen wissen manchmal nicht, wie sie mit den verunsicherten und traumatisierten Kindern umgehen sollen. In ihrer Not und um Gewalt auf dem Schulhof zu vermeiden, werden sie in der Pause schon mal separiert.

Gleichzeitig werden Eltern aufgefordert, Flüchtlingsfamilien zu sich nach Hause einzuladen, um die Fremdheit abzulegen. „Das ist kein funktionierender Weg. Damit sind alle Seiten überfordert. Da schlägt die überbordende Willkommenskultur schnell in das Gegenteil um. Dann heißt es: ‚Wegen denen…‘“, warnt Oellers.

Probezeiten erforderlich

Mehr System, mehr qualifiziertes Personal und weniger Gutmenschentum im kontraproduktiven Sinn fordern die Frauen. „Wir brauchen Regeln und vernünftige Konzepte, zum Beispiel für Probezeiten an den verschiedenen Schulformen, aber auch für die Sprachförderung in allen Schulfächern“, erläutert Ahmad.

„Denn nach den internationalen Klassen brauchen die Schülerinnen und Schüler weiter Unterstützung.“ Die hohe Motivation, die nahezu alle Flüchtlinge mitbringen, zu lernen und sich zu integrieren werde sonst im Keim erstickt. „Ist sie einmal weg, wird es sehr schwer, sie wieder aufzubauen.“

Bessere Handreichung

Oellers fordert auch eine Handreichung für alle, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren – ehrenamtlich wie hauptamtlich. „Die Menschen sollen nicht alles abgenommen bekommen. Vielmehr muss man ihnen mit gütiger Härte Hilfe zur Selbsthilfe geben: Ihnen zeigen, wie unser Land funktioniert, ohne die Dinge für sie zu regeln“, rät sie. „So dankbar kann niemand sein, dass dabei nicht Enttäuschungen entstehen.“

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