Interview mit Bischof Dieser im Aachener Medienhaus

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Erster Besuch im Aachener Medienhaus: Helmut Dieser im Gespräch mit Redaktionsmitgliedern. Foto: Harald Krömer

Aachen. Aachens neuer Bischof Helmut Dieser im Gespräch mit Redaktionsmitgliedern in der Zentralredaktion unserer Zeitung. Er zeigte sich durchaus gelassen.

Wie wichtig ist die Sonntagsmesse?

Dieser: Die Kirche steht oder fällt damit, dass wir uns sonntags versammeln. Das darf aber nicht nur ein Senioren-Gottesdienst sein. Wir tappen in die Falle, dass die ältere Generation die gewohnte Messfeier einfordert, was auch plausibel ist. Wenn wir dieses Bedürfnis erfüllen, haben wir damit aber nicht unsere Schuldigkeit getan. Davon müssen wir uns lösen. Wir haben auch eine Verantwortung für die, die noch gar nicht kommen. Die ältere Generation darf uns nicht nur auf ihre Bedürfnisse festlegen. Wir können unsere Arbeitszeit nicht nur dafür aufbringen. Wir müssen auch das Andere tun – mehr und mehr sogar. Das ist ein Spagat.

Wie einig ist die Bischofskonferenz?

Dieser: Auch die Bischofskonferenz unterliegt den Megatrends Individualisierung und Pluralisierung. Da gibt es viele Typen; ich bin auch einer. Wir sind aber dialogbereit, und das hilft uns. Solange wir offen miteinander reden, solange wir unsere Konflikte benennen können, haben wir die Chance, gemeinsam etwas zu bewirken. Da sind wir dran – vor allem wir Jüngeren. Früher war die Bischofskonferenz homogener und wollte nach außen möglichst einheitlich wirken. Davon habe ich mich schon länger verabschiedet.

Wie stark ist die Säkularisierung?

Dieser: Seit mindestens 200 Jahren vollzieht sich der Prozess der Säkularisierung. Das heißt: den Menschen begreifen ohne Gott. Heute kommt die Säkularisierung an ihr Ende; sie hat sich ganz durchgesetzt. Es ist heute in unserer westlichen Welt – aber auch nur dort – möglich, ganz ohne Gott zu leben. Das kennen andere Gesellschaften nicht. Dagegen halten wir als Kirche daran fest, dass es Gott gibt, dass die Wirklichkeit Gottes größer ist als die irdische, dass sie aber auch hier schon auffindbar ist. Gleichzeitig gibt es eine Generation, die sagt: „Ich brauche das nicht. Ob es Gott gibt, ist mir schnuppe. Ich muss das für mein Leben nicht wissen.“ Vor zwei Generationen war das undenkbar.

Wie gefährlich ist der Populismus?

Dieser: Wenn es einen charismatischen Typ geben würde, der Person und Inhalt verbindet, wird es gefährlich. Das war in den 30er Jahren in Deutschland so und wurde totalitär. Liberalität bedeutet nicht, dass es auf gar nichts mehr ankommt, dass alles egal ist und jeder macht, was er will. Das scheitert. Das hält niemand aus. Dann sucht man nach Gewissheiten. Die sind aber in unserer Gesellschaft weg geschmolzen. Da hat die Kirche eine Verantwortung, denn es gibt Gewissheiten, auf die wir bauen können. Die müssen wir teilen. Wenn es die nicht mehr gibt, ist die Demokratie nicht zu retten. Es ist nicht möglich, das Grundgesetz wie eine Bibel zu behandeln. Wir brauchen aber eine Bibel, um das Grundgesetz zu schützen. Die Kirche steht hinter dem Grundgesetz. Aber wir wissen auch, dass es eine Gewissheit über das, was Menschsein ausmacht, geben muss, damit wir das Grundgesetz gemeinsam erhalten. Diese Gewissheit schmilzt derzeit. Das ist gefährlich.

Wie funktioniert Kirchenasyl?

Dieser: Die Kirche setzt sich nicht gegen geltendes Recht durch. Sie weist nur auf eine Härtesituation hin, die neu überprüft werden muss. Es soll also ein Vollzug ausgesetzt oder verzögert werden, weil für die Betroffenen eine solche Härte vorliegt, dass der Staat noch einmal überprüft, ob seine Anordnung richtig ist. Nur darum geht es. Das letzte Wort hat der Staat. So haben wir es immer verstanden; so hat es der Staat auch immer akzeptiert. Wir sagen ja nicht, der Staat interessiere uns nicht. Das wäre vermessen.

Wie gelingt heute Amtsautorität?

Dieser: Der Pfarrer vor Ort, der alles verhindert, ist sehr unklug. Sie müssen die Gemeinde zusammenhalten. Mit seiner Kompetenz der letzten Entscheidung muss er sehr vorsichtig umgehen. Es ist falsch, alles auf die eigene Verantwortung zu nehmen. Auch andere haben Verantwortung. Wir haben längst Leitung durch Teams oder Bereiche, die sich selber organisieren. Der Pfarrer muss die Vielfalt zusammenhalten und dafür sorgen, dass sie in das Bistum integriert bleibt. Das setzt voraus, dass der Priester sich selbst infrage stellen und Kritik annehmen kann. Er muss auch sagen, was falsch ist, was nicht geht. Die Allzuständigkeit des Pfarrers ist aber auf jeden Fall vorbei.

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