Aachen - Interview: „Gute Medizin gegen allgegenwärtiges Jammern“

Interview: „Gute Medizin gegen allgegenwärtiges Jammern“

Von: Hans-Peter Leisten
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Boris Bongers: Mal ist er Ideengeber. Foto: privat/Michael Jaspers
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Auch ein Weinexperte ist er. Foto: privat/Michael Jaspers
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Auch in der Welt der Kunst kennt er sich aus.

Aachen. Boris Bongers ist ein Mensch mit vielen Facetten: gestandener Kaufmann, erfolgreicher Prinz Karneval 2006 – und seit einiger Zeit stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Hospizstiftung der Region Aachen. Diese durchaus vielfältigen Interessen bringt der Mann unter einen Hut, weil er authentisch zu den Dingen steht, die er anpackt.

Das gilt auch für sein Engagement als stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums der Hospizstiftung Region Aachen. In dieser Rolle freut er sich sehr auf den 1. November, wenn im Theater Aachen zur „Herbstemotion“ geladen wird. Geboten wird ein leichtes, zugleich anspruchsvolles Programm. Der Erlös ist für die Hospizstiftung bestimmt. Darüber spricht er im heutigen Samstagsinterview genauso wie über sein Engagement für die Hospizidee.

 

Welche Empfindungen lösen bei Ihnen die Themen Tod und Sterben aus?

Bongers: Zunächst einmal ganz normale Empfindungen wie Trauer und Machtlosigkeit. Ich durfte jedoch bis heute so viel von den Hospizgästen und den großartigen ehrenamtlichen Sterbebegleitern lernen, dass sich nach einer Zeit schnell auch Empfindungen wie Hoffnung und Dankbarkeit dazugesellen.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich in der Hospizstiftung zu engagieren?

Bongers: Wir, meine damaligen Hofstaatfreunde und ich, suchten einen „sozialen Zweck“, für den wir uns in unserer Karnevalssession 2005/2006 engagieren wollten. Ich schrieb damals die großartige, noch heute sehr engagierte Veronika Schönhofer-Nellessen vom Netzwerk Hospiz an und fragte, ob wir helfen könnten.

Wir konnten! Wir wurden mit dieser Idee durch eine für uns alle einmalige Session getragen. Am Ende hatte ich bis heute das Gefühl, auch im Stillen etwas zurückzahlen zu wollen. Jetzt wird es dankenswerter Weise wieder etwas „lauter“ (lacht).

Ist Ihr aktuelles Engagement die konsequente Fortführung Ihrer Auftritte als Prinz Karneval in Palliativabteilungen vor zehn Jahren?

Bongers: Konsequente Fortführung ja, als Prinz Karneval natürlich nein. Prinz Karneval wird nur einer in jedem Jahr, und man wird ja in seiner Rolle als Prinz auch am Veilchendienstag beerdigt. Wenn Sie mir den Vergleich erlauben, bin ich der lebendige Beweis dafür, dass es ein Leben nach der Beerdigung gibt. Jetzt aber nicht mehr als Prinz, sondern als Privatperson.

Wo sehen Sie Ihre Aufgabe in der Hospizstiftung?

Bongers: Nun, als zweiter Vorsitzender des Kuratoriums der Hospizstiftung versuche ich, meine Chefin Ulla Schmidt und viele andere sehr engagierte Mitstreiter zu unterstützen. Einmal in der direkten Unterstützung des Vorstandes selber und zum anderen in der so notwendigen Aufbringung von Spendengeldern für verschiedene Hospizprojekte.

Der 1. November hat inzwischen eine Tradition als Theatertag, der der Hospizstiftung zu Gute kommt. In diesem Jahr als „Herbstemotion“ tituliert. Welche Idee steckt hinter dem Namen?

Bongers: Wir wollten weg von dem Begriff der Spendengala. Das Wort „Gala“ spricht eher eine zu spitze Zielgruppe an und irritiert eher, als dass es förderlich ist. Der Begriff „Herbstemotion“ trifft es für uns viel besser. Der November ist der klassische Herbstmonat mit seinen melancholischen wie hoffnungsvollen Momenten.

Emotionen wollen von uns auf der Bühne angeboten und erzeugt werden. Der Besucher muss sich zukünftig dann auch nicht die große Frage stellen, was er an dem Abend anziehen soll. Er darf kommen, so wie er sich fühlt.

Der Abend steht unter dem Motto „Achtsamkeit“. Was bedeutet das für Sie?

Bongers: Zunächst bin ich nahe bei Matthias Horx und mag den naiv provokanten Charakter des Begriffes als Gegenpol zur aktuell sehr oft wahrgenommenen medialen Überreizung – einer Welt, die derart bis zum Rand mit Informationen, Meinung, Erregung, Angst, Lärm, Gleichzeitigkeit, Krise und Katastrophe überfüllt wirkt. Achtsamkeit setzt einen inneren Prozess voraus.

Achtsamkeit ist für mich eine persönliche Ablenkungs- und Aufmerksamkeitsdiät, bei der es nicht um Verzicht, sondern um inneren Reichtum geht. Sie ist nebenbei auch eine gute Medizin gegen das allgegenwärtige Jammern. Beispielsweise macht ohne einen achtsamen, inneren Prozess die Angst vor dem Sterben den Tod zu einer Zumutung.

Welche Zielgruppe spricht der Abend an?

Bongers: Ausnahmslos jede. Da ich aber als Ökonom gelernt habe, dass man, wenn man alle erreichen will, Gefahr läuft, als profillos bezeichnet zu werden, konkretisiere ich dies gerne: alle lebensbejahenden Menschen, die Chancendenker werden wollen oder es schon sind, die Freude an einem achtsamen Miteinander haben und am 1. November ab 19.30 Uhr Zeit haben (lacht).

Sie selbst übernehmen einen durchaus respektablen Teil des Programms. Wie sieht der aus?

Bongers: Das Programm ist ein Gemeinschaftswerk von vielen Menschen. Stephanie Hammer, Silke Müller und Dr. Katja Stahl haben hier einen fantastischen Organisationsjob vollbracht. Mit Tim Hammer, unserem Schirmherrn, stand ich bei der Ideenfindung in ständigem Kontakt. Ich selber darf moderieren und durfte auch bei dem ersten Programmpunkt, bei der Gestaltung der von Bernd Steinbrecher vorgetragenen Poesiebeiträge, federführend sein.

Was macht die Mischung des Programms aus?

Bongers: Stellen Sie sich den menschlichen Körper wie eine Gitarre vor mit mehr als sechs Saiten, bei dem jede Saite für eine positive Emotion steht. Wir versuchen auf unterschiedlichen Wegen, jede einzelne dieser sehr persönlichen Saiten zu zupfen – und die Gemeinschaft wird der Resonanzkörper sein.

Gibt es so etwas wie ein Highlight?

Bongers: Klares Nein. Für mich haben alle vier Programmpunkte das Zeug zu einem Highlight, je nach Gusto der Zuschauer. Aber natürlich ist Konrad Beikircher überregional der bekannteste Künstler.

Wieso braucht das neue Hospiz am Iterbach im Speziellen und die Stiftung im Allgemeinen noch Unterstützung?

Bongers: Beide Aachener Hospize verwalten ein Millionenbudget. Fünf Prozent dieser Budgets müssen immer noch über Spenden finanziert werden. Zu der für jedermann vorstellbaren alltäglichen Arbeitsbelastung kommt somit für die Verantwortlichen noch der Stress der unsicheren Spendengenerierung dazu. Dafür unterstützen wir und sammeln im Allgemeinen.

Beim neu entstandenen Hospiz am Iterbach in Walheim kommen noch über Spenden zu finanzierende Investitionsmaßnahmen in Höhe von 2,5 Millionen Euro im Speziellen dazu, die aufzubringen sind. Zwei Millionen Euro konnten wir in den letzten drei Jahren einsammeln. Es fehlt also noch ein Stück.

Kann man sich auch als Laie in den beiden Hospizen engagieren – auch wenn man durchaus nachvollziehbare Berührungsängste mit dem Thema hat?

Bongers: Ich bin der beste Beweis dafür, dass dies geht.

Sagen Sie doch mal kurz, warum jemand am 1. November ins Theater kommen soll?

Bongers: Schade, dass ich mich da kurz fassen muss. Weil dort am 1. November abends ab 19.30 Uhr das Leben selber in seiner ganzen Breite wahrgenommen werden kann. Es wird keine oberflächlichen Sekunden der Unterhaltung geben. Das Leben ist ein wunderbarer Stoff, im Ganzen wahrgenommen zu werden.

Jeder darf sich auch an diesem Abend seiner Sterblichkeit bewusst werden oder sein und spüren, was es durchweg positiv bedeutet, achtsam zu leben. Wenn der Besucher und die Besucherin dann abends zu Hause im Bett leise „Zugabe“ murmeln, dann ist unsere Botschaft angekommen.

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