Interview: Aachener Zweigstelle von pro familia wird 40 Jahre alt

Von: Carolin Cremer-Kruff
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Margrit Schaefer-Klocke leitet die Aachener Beratungsstelle von pro familia. „Wir packen immer wieder gesellschaftliche Tabuthemen an“, sagt sie im AZ-Interview. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. 40 Jahre für Familien – die pro-familia-Zweigstelle in Aachen feiert am 7. November runden Geburtstag. Margrit Schaefer-Klocke stieß 1978 zur Beratungsstelle. Damals wurde eine „Sozialarbeiterin auf Stundenbasis“ gesucht. Mittlerweile ist die 59-jährige die Leiterin der Einrichtung.

Die Beratungsstelle, welche im Jahre 1974 als Modellprojekt gegründet wurde, entwickelte sich zur festen Größe in der Kaiserstadt. Der interdisziplinäre Ansatz, der neben Sozialarbeitern auch Ärzte, Psychologen und Pädagogen mit ins Boot holt, ist das Alleinstellungsmerkmal. Rund 100 000 „Fälle“ hat die pro-familia-Beratungsstelle in den vergangenen Jahrzehnten begleitet, davon handelte es sich bei 28 000 um eine Schwangerschaftskonfliktberatung. Aber auch viele weitere Themen rund um die Sexualität kommen in der Beratungsstelle auf den Tisch. Tabuthemen gibt es nicht, wie Margrit Schaefer-Klocke im AZ-Samstagsinterview erzählt.

Die meisten Menschen denken bei pro familia wohl als erstes an Schwangerschaftskonfliktberatung.

Schaefer-Klocke: Das stimmt, der Schwangerschaftsabbruch ist nach wie vor ein brisantes Thema. Jährlich entscheiden sich in Deutschland 100.000 Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch, in unserer Beratungsstelle haben wir im vergangenen Jahr knapp 600 Frauen bzw. Paare beraten, die sich in einem Schwangerschaftskonflikt befanden. Wir bieten aber darüber hinaus zu vielen weiteren Themen unsere Beratung an: Partnerschafts- und Sexualberatung, Sexualpädagogik, Beratung bei Fragen zu Schwangerschaft und Elternschaft, Verhütung, unerfüllter Kinderwunsch…

Wie läuft die – staatlich vorgeschriebene – Schwangerschaftskonfliktberatung ab?

Schaefer-Klocke: Zunächst versuchen wir, die Lebenssituation einer Frau oder eines Paares abzustecken und die Problemlage zu erfassen. Erst dann können wir Beratungsmöglichkeiten anbieten, Wege aufzeigen, Denkanstöße oder Hilfestellungen geben. Wichtig ist uns, dass wir niemanden in seinem Entscheidungsprozess beeinflussen oder in eine bestimmte Richtung drängen. Wir können nur beraten, keine Entscheidungen abnehmen. In vielen Fällen öffnen Fragen schon Türen: Wie ist Ihre Lebenssituation? Wie würden Sie sich ein Leben mit Kind vorstellen? Wie geht Ihr Partner mit der Situation um? Auf Basis dieser Informationen kann ich eine individuelle Beratung anbieten. Für jedes Problem gibt es eine Lösung, meist sogar mehrere. Unser Job ist es, unseren Klienten neue Perspektiven aufzuzeigen. Natürlich sind wir an die Schweigepflicht gebunden.

Paragraf 218, Indikation, Fristenlösung: Gesetzesänderungen erfordern eine andere Beratung.

Schaefer-Klocke: Ja, die Gesetzeslage zum Schwangerschaftsabbruch hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder geändert, daher ist die Beratung zur Rechtslage sehr wichtig. Zu Beginn von pro familia Aachen gab es noch keinen legalisierten Schwangerschaftsabbruch, erst 1976 erfolgte die Reform des Paragrafen 218 mit dem Indikationsmodell. Daraufhin wurden wir Modellberatungsstelle. Seit 1995 ist die Gesetzeslage so, wie wir sie heute noch kennen: Der Abbruch einer Frühschwangerschaft ist zwar rechtswidrig, aber straffrei, wenn ihm mindestens vier Tage vorher eine Beratung durch eine anerkannte Beratungsstelle vorausgegangen ist. Diese Beratung muss ergebnisoffen geführt werden, soll jedoch dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen. Die Entscheidung liegt bei der Frau.

Was sind die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch?

Schaefer-Klocke: Meist kommt eine Vielzahl von Gründen zusammen. Oft stecken familiäre oder partnerschaftliche Probleme dahinter, die Frau kann aber auch körperlich oder psychisch mit der Schwangerschaft oder einem Kind überfordert sein. Einige Frauen werden mitten in ihrer Ausbildung schwanger oder ihre berufliche Situation lässt ein Kind nicht zu. Zudem kommen Frauen in unsere Beratung, die sich zu alt bzw. zu jung für eine Mutterschaft fühlen. Eine solche Entscheidung fällt niemandem leicht, viele Frauen sitzen zwischen den Stühlen und kommen mit ambivalenten Vorstellungen zu uns – in der Hoffnung, über die Beratung den für sie besten Weg zu finden. Schließlich handelt es sich um eine verantwortungsvolle Entscheidung. Auf der einen Seite gibt es viel zu besprechen und abzuwägen, auf der anderen Seite besteht ein Zeitdruck, da die Entscheidung allerspätestens bis zur zwölften Schwangerschaftswoche getroffen werden muss. In den letzten Jahren kommen Frauen zunehmend gemeinsam mit ihrem Partner zur Schwangerschaftskonfliktberatung.

Dennoch stehen Schwangerschaftsabbrüche als moralisch verwerflich in der Kritik. Dem Recht auf Leben steht der Wille der Mutter gegenüber.

Schaefer-Klocke: Das stimmt. Frauen fällen meist keine „egoistischen“ Entscheidungen. Sie stellen sich zum Beispiel die Frage, was es bedeutet, wenn sie keine „gute Hoffnung“ für ein Leben mit dem Kind haben. Wie mag sich ein unerwünschtes Kind mit einer überforderten Mutter fühlen? Oft werden in der Gesellschaft nur bestimmte Gründe für eine Abtreibung akzeptiert, zum Beispiel bei minderjährigen oder kranken Frauen oder wenn eine Frau vergewaltigt wurde und anschließend schwanger wird. Andererseits zum Beispiel: Obwohl der Schwangerschaftsabbruch noch immer nicht enttabuisiert ist, wird es oft als selbstverständlich angesehen, ja vielleicht sogar gesellschaftlich erwartet, dass ein behindertes Kind nicht ausgetragen wird. Ich merke in der Beratung, dass viele Frauen versuchen, sich für ihre Entscheidung zu rechtfertigen. Wir nehmen jedoch alle Gründe – welcher Art auch immer – ernst und bewerten sie nicht. Allein das ist für viele Frauen schon eine enorme Erleichterung.

Stellt die sogenannte „Vertrauliche Geburt“, die als Bundesgesetz seit dem 1. Mai 2014 möglich ist, in Ihren Augen eine Alternative zur Abtreibung dar?

Schaefer-Klocke: Das hat nichts miteinander zu tun. Ich glaube, dass dieses Angebot, bei dem eine Frau ein Kind ohne die Angabe ihrer Identität zur Welt bringen und anschließend zur Adoption freigeben kann, nicht die Frauen nutzen werden, für die es ursprünglich geplant war. Das konnten wir anhand der ersten Fälle bei uns erkennen. Ich glaube nicht, dass sich die Zahl der Findelkinder oder getöteten Babys durch dieses Angebot reduzieren wird.

40 Jahre pro familia in Aachen: Was hat sich geändert?

Schaefer-Klocke: In den ersten Jahren mussten wir viel mehr improvisieren. Beispielsweise arbeiteten viele Ärztinnen neben ihrem Hauptberuf stundenweise als Beraterinnen bei pro familia. Wir waren damals die einzige Beratungsstelle, die Schwangerschaftskonfliktberatung angeboten hat. Heute sind wir eine anerkannte Beratungsstelle mit fest angestelltem Fachpersonal. Dadurch können wir sehr individuell beraten und natürlich viel mehr Beratungsangebote offerieren, zum Beispiel im Bereich Sexualpädagogik. Bis heute haben 34 900 Menschen an Gruppen teilgenommen. Früher wurde Sexualberatung überwiegend in Frauen-, später auch in Männergruppen angeboten, heute findet dies ausschließlich in Einzel- bzw. Paarberatungen statt. Dies waren bis heute 14 100 Fälle.

Haben sich die Themen von pro familia verändert?

Schaefer-Klocke: Einiges ist gleich geblieben, einiges hat sich verändert. Wir versuchen, am Puls der Zeit zu bleiben. Dabei haben wir nie die dunklen Seiten der Sexualität ausgeblendet, zum Beispiel haben wir gemeinsam mit dem Kinderschutzbund über das Thema „sexueller Kindesmissbrauch“ aufgeklärt. Auf der anderen Seite haben wir eine Behandlungsgruppe für Sexualstraftäter ins Leben gerufen. Auch wenn wir mit der Initiierung dieser Gruppe zum Teil viel Unverständnis hervorgerufen haben, sage ich nach wie vor: Diese Gruppe war Opferschutz im besten Sinne. Durch Wegschauen verschwinden ja die Probleme nicht. Viele Sexualstraftäter leiden unter ihrer Tat, mit Gesprächs- und Behandlungsmöglichkeiten bekommen sie zumindest die Chance, sich mit ihrer Situation, ihren Gefühlen auseinanderzusetzen. So können neue Straftaten vermieden werden.

Und aktuell?

Schaefer-Klocke: Momentan engagieren wir uns sehr zu der Thematik „Postpartale Krisen“. Betroffen sind Mütter, die nach der Entbindung keine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können und sich zurückziehen. Solche Frauen geraten in ernsthafte psychische Not. Was erst kürzlich als „neu“ in das Bewusstsein der Öffentlichkeit getreten ist, ist ein schon lange verbreitetes Problem. Ein klassisches Tabuthema, dessen wir uns angenommen haben. Kolleginnen haben sich fortgebildet, wir haben Öffentlichkeitsarbeit betrieben und Hebammenschulen informiert, haben eine große Fachveranstaltung zu diesem Thema organisiert und haben es in unser Beratungsangebot aufgenommen. Ich beobachte gesellschaftliche Entwicklungen, damit wir als Beratungsstelle schnell reagieren können. Mich interessiert auch, wie die Gesellschaft mit Kindern umgeht, daran lässt sich viel erkennen und ableiten.

Legendär waren ja die Geburtsvorbereitungskurse von pro familia Aachen.

Schaefer-Klocke: Allerdings. Von 1982 bis 1998 haben wir spezielle Geburtsvorbereitungskurse angeboten. Das war damals eine kleine Revolution. Bis Mitte der 1980er-Jahre gab es die sogenannte „programmierte Geburt“, die Frauen vermittelte, dass man mit Technik alles kontrollieren kann. Viele Frauen hatten dadurch aber das Gefühl, die Geburt gehört überhaupt nicht mehr ihnen. Aus der damaligen Frauenbewegung haben wir einen vollkommen neuen Ansatz für unsere Geburtsvorbereitungskurse entwickelt. Diese wurden für Paare angeboten und dauerten vier Monate; die Frauen konnten lernen, die Geburt mehr selbstbestimmt in die Hand zu nehmen. Die Männer wurden mit ins Boot genommen, denn viele wollten ihre Frauen bei der Geburt unterstützen. Teams aus Ärzten, Hebammen und Psychologen haben bei uns die Kurse entwickelt und durchgeführt. Schließlich ist das Angebot obsolet geworden, da viele andere Institutionen, wie Krankenhäuser, das Angebot in dieser Form übernommen haben. Zurückblickend war das eine tolle Zeit, in der wir viel bewegt haben.

Mittlerweile sind Sie auch online aktiv, mit der 2005 ins Leben gerufenen Online-Beratung www.sextra.de.

Schaefer-Klocke: Ja, dies ist ein zeitgemäßes Berater-Forum, an dem auch drei Aachener Kollegen beteiligt sind. Dieses Angebot wird sehr gut angenommen, da hier niedrigschwellig Fragen gestellt werden können. Häufig kommt die Frage: „Ich bin schwanger, was soll ich tun?“, aber auch medizinische Fragen, Beziehungsfragen und Fragen zur Verhütung erreichen uns auf diesem Weg. Auf diese Weise können Probleme anonym, einfach und schnell besprochen werden. Bei uns kommen ja sehr intime Themen auf den Tisch, nicht jedem fällt es leicht, einfach bei uns hereinzuspazieren und über seine Probleme zu reden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von pro familia Aachen?

Schaefer-Klocke: Ich wünsche mir, dass wir wie bisher eine gute Wahrnehmung für gesellschaftliche Entwicklungen haben und als tolles Team ein verlässlicher Partner sind. Ich hoffe natürlich auch, dass wir weiterhin interdisziplinär arbeiten können und dass in unserem Arbeitsumfeld Generationen nachkommen, die sich ebenfalls mit Leidenschaft für solche Themen interessieren und engagieren. Schließlich beraten wir nicht nur unsere Klienten, sondern möchten auch gesellschaftlich etwas bewegen.

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