Integrationswerkstätten: Diese Produkte haben Hand und Fuß

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
12414134.jpg
Was sie produzieren, kommt an beim Kunden: (v.l.) Yussef Osman, Fachanleiterin Nicole Haschke, Muller Abay und Mohammadreza Hosseiny haben mit den „low tec“-Werkstätten erfolgreich an einer Designmesse in Karlsruhe teilgenommen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Dass das Projekt gut ist, das hatten sich alle Beteiligten bereits gedacht. Aber dass es so erfolgreich ist, war auch für Raphaela Gatzen, Fachanleiterin in den Werkstätten der „low tec Aachen-Düren“, eine Überraschung. Seit Oktober 2015 leitet sie mit der Designmetropole Aachen Flüchtlinge dabei an, Produkte für den alltäglichen Gebrauch zu entwickeln und in Eigenregie zu produzieren.

Die dabei entstandenen Vasen, Taschen, Möbel, Vogelhäuschen und anderes mehr zeigte und verkaufte sie zusammen mit Henok Gebregziabher, einem jungen Mann aus Eritrea, jüngst auf der „Loft“-Designmesse in Karlsruhe.

„Unser Messebesuch mit der neuen Marke ‚low tec home‘ war definitiv ein voller Erfolg“, sagt sie sichtlich stolz. „Es ist die Bestätigung, dass das Projekt funktioniert, und dass wir keine Bastelarbeiten, sondern Produkte mit Hand und Fuß entwickelt haben.“ Bis auf eine wurden alle Exemplare der „kleinen komischen Würfeltasche“ verkauft. Auch die Pflanzvasen gingen weg wie warme Semmeln. Für die Holzmöbel aus Paletten haben sie sogar Bestellungen entgegengenommen. Dabei war es auch ein kleines Experiment. „Wir konnten vorher nicht einschätzen, wie die Produkte bei den Leuten ankommen. Aber das Interesse war überwältigend“, sagt sie.

Vor allem das Engagement von Henok Gebregziabher trug zum Gesamterfolg maßgeblich bei. Er nutzte jede Chance, seine neu erworbenen Sprachkenntnisse zu testen und den Besuchern die Produkte zu erklären. „Er war unglaublich begeistert von der Erfahrung und hat sich immer wieder abgeguckt, wie ich vorgehe, um es mir dann nachzumachen“, sagt Gatzen lachend.

Doch auch für die anderen 50 an der Produktion beteiligten Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und anderen Bürgerkriegsländern, die leider nicht alle mit nach Karlsruhe fahren konnten, hat das Erfolgserlebnis eine große Bedeutung. „Es war für alle ein besonderes Gefühl, zu erfahren, wie etwas, das man selbst entwickelt hat, auch gekauft wird“, beschreibt Fabian Seibert die Situation.

Der Designer war vonseiten der Designmetropole maßgeblich am Gelingen des Projekts beteiligt. „Die Menschen, mit denen wir im Projekt arbeiten, haben teilweise echt krasse Vorgeschichten und schlimme Fluchterlebnisse, die erst einmal verarbeitet werden müssen. Die Arbeit in der Werkstatt bringt sie auf andere Gedanken und gibt ihnen neue Motivation.“

Das Projekt soll den Flüchtlingen aber vor allem dabei helfen, deutsche Arbeitsabläufe kennenzulernen und ihre eigenen Talente neu zu entdecken, denn am Ende steht das Ziel, sie in Arbeit und Ausbildung zu vermitteln. Manchmal tun sich aber auf dem Weg dorthin ganz unerwartete Schwierigkeiten auf, weiß Michael Omsels, Projektentwickler bei der low tec, zu berichten: „Wir waren ganz überrascht, als wir festgestellt haben, dass man in Schwarzafrika nicht lernt, wie man Schleifen bindet. Oder, dass man es dort so sehr gewohnt ist, ebenerdig zu arbeiten, dass sich manche der Flüchtlinge auf die Werktische gestellt haben, als wir ihnen gesagt haben, dass das ihre Arbeitsfläche ist.“ Die Geschichte lässt ihn noch immer schmunzeln.

„Clip Clap Cube“ zum Hinhocken

Zusammengefunden haben die Designer der Designmetropole Aachen und die Arbeitsmarktförderungsgesellschaft low tec über die gemeinsame Stadtteilarbeit im Projekt „Soziale Stadt Aachen Nord“. Und es profitieren alle von der Kooperation – nicht nur die Flüchtlinge.

So ist Seibert zum Beispiel besonders stolz auf die faltbaren Sitzhocker „Clip Clap Cube“ aus alten Paletten und recycelten Fahrradschläuchen. „Damit wollen wir uns sogar beim deutschen Designpreis bewerben“, sagt er. „Aber ohne die low tec hätten wir das Produkt wahrscheinlich nicht entwickelt.“ Denn anders als die Designer es sonst gewohnt sind, gibt es strenge Vorgaben an das Produktdesign: Es muss einfach zu verstehen sein, einfach zu bauen und trotzdem innovativ und pfiffig. Eine echte Herausforderung.

Doch wie die Messe gezeigt hat, haben sie die Herausforderung gemeistert. Und es wurden noch längst nicht alle geplanten Entwürfe umgesetzt. Aufgrund des großen Zuspruchs überlegt Raphaela Gatzen bereits, einen Online-Shop einzurichten. Und auch für Henok Gebregziabher läuft es gut. Er beginnt bald eine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker bei Saint-Gobain.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert