Aachen - „Integration passiert nicht auf dem Papier“

„Integration passiert nicht auf dem Papier“

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Bringt die Kulturen mit Herz und Verstand zusammen: Mehmet Celik ist eines der wenigen „Migrantenkinder“ in städtischen Diensten. Er freut sich auf 200 Organisationen und hofft auf viele Gäste beim Tag der Integration morgen im Eurogress (dessen Raumschema der Planungsprofi hier übrigens zeigt). Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Nicht im Schmelztiegel Hamburg wollte Mehmet Celik nach seinem Studium der Geographie und Städteplanung bleiben. Ihn zog es zurück in das dagegen fast verschlafene Aachen. Der Grund: die typische Offenheit des Öchers. Sagt Celik. Als Mitorganisator des morgigen Tags der Integration (22. September im Eurogress) will er genau das feiern: die kulturelle Vielfalt der Stadt und die Menschlichkeit ihrer Bewohner. Im AZ-Interview spricht er hat er auch über Integration, strukturelle Diskriminierung von Ausländern und den Verein inuba.

Fühlen Sie sich deutsch, türkisch oder „öcher“?

Celik: Als erstes definitiv „öcher“, dann deutsch und türkisch gleichermaßen.

Wann fühlen Sie sich mehr deutsch, wann mehr türkisch?

Celik: Wenn ich arbeite – ganz diszipliniert, ordentlich, präzise – fühle ich mich sehr deutsch. Wenn ich offen auf Leute zugehe, ohne Angst, dann fühle ich mich türkisch. Das ist natürlich geprägt von dem, was man den jeweiligen Völkern so zuschreibt. Es kann auch am Umfeld liegen: Unter Deutschen fühle ich mich deutsch, unter Türken türkisch.

Haben Sie einen deutschen Pass?

Celik: Seit einem Jahr. Das war notwendig, um nach dem Geographie- und Stadtplanungsstudium das Städtebaureferat machen zu können. Ich habe lange gekämpft, um beide Staatsangehörigkeiten zu bekommen. Dann stand ich vor der Frage: Bleibe ich hartnäckig und muss möglicherweise auf die Ausbildung verzichten, oder gebe ich der Ausbildung Vorrang. Letztlich habe ich mich für die Ausbildung entschieden und meinen türkischen Pass schweren Herzens abgegeben.

In welcher Generation lebt Ihre Familie in Deutschland?

Celik: Meine Großeltern sind als Gastarbeiter gekommen, meine Eltern sind in der Türkei geboren und nachgekommen, meine Schwester und ich sind hier geboren. Also die dritte Generation.

Hatten Sie einen einfachen Integrationsweg?

Celik: (überlegt und dann vorsichtig) ja, meinerseits ja. Ich hatte keine Probleme, mich einzufügen und anzupassen. Aber es gab immer wieder Gesetze, Organisationen, Menschen, die mir Steine in den Weg gelegt haben. Es war nicht einfach, bis dahin zu kommen, wo ich jetzt bin.

Wie haben Sie es dennoch geschafft?

Celik: Ich bin ein großer Dickkopf. Wenn ich mir ein Ziel setze, bin ich ganz hartnäckig, um es zu erreichen. Bei Hindernissen suche ich einen Weg, um es zu umschiffen, zu unterwandern, zu umgehen. Egal wie, ich werde drum herum kommen.

Was waren Hindernisse?

Celik: Zum Beispiel bekam ich im Studium kein Bafög – erst weil ich Ausländer war, später weil die Einnahmen meines Vaters aus seiner Selbstständigkeit über der Grenze lagen, es aber doch nicht so viel war, dass er mir das Studium hätte finanzieren können. Mit drei Jobs gleichzeitig neben dem Studium habe ich mir das Studium und die Studiengebühren finanziert. Während des Studiums interessierte ich mich bereits für das Städtebaureferat, auch weil es hieß, dass mehr Migranten im öffentlichen Dienst erwünscht sind. Ohne deutsche Staatsangehörigkeit wären mir die Türen aber verschlossen geblieben. Dann habe ich den Kampf gegen Windmühlen aufgenommen, um eine doppelte Staatsbürgerschaft zu bekommen. Auch beim Verfahren der Einbürgerung habe ich sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Mein Eindruck ist, dass man Einbürgerungswilligen die Einbürgerung ungenießbar machen will: Es ist extrem teuer und sehr kompliziert.

Wie bewerten Sie also die Willkommenskultur in Deutschland?

Celik: Bei der Einbürgerung wurde ich immer wieder gefragt, ob ich Deutsch spreche. Ich war Akademiker, habe hier studiert. Ich kenne den Unterschied zwischen Genitiv und Dativ, viele in den Behörden nicht. Bereits als Student sollte ich nachweisen, dass ich für meinen Lebensunterhalt sorgen kann und nicht den Sozialkassen zur Last falle. Ich musste viel kämpfen. Aber jetzt habe ich den deutschen Pass.

Was sollte sich in Deutschland ändern?

Celik: Es gibt viele Regelungen und Gesetze, die sich diskriminierend auswirken. Ich glaube nicht, dass irgendjemand damit einen bewusst ausländerfeindlichen Ansatz verfolgt hat. Trotzdem führen sie zu Diskriminierungen. Deshalb sollten die Regelungen angepasst werden. Leider ist in Deutschland die Ansicht weit verbreitet, dass das, was Gesetz ist, immer richtig ist. Zum Beispiel: doppelte Staatsangehörigkeit. Ich bin nicht mehr oder weniger integriert, wenn ich ausschließlich den deutschen Pass besitze. Integration findet im Kopf und im Herzen statt, nicht auf dem Papier. Wenn ich mich darüber aufrege, sagen mir aber viele: „Das ist in Deutschland halt Gesetz.“

Abgesehen von der Diskriminierung durch Gesetze – begegnet Ihnen auch Rassismus auf der Straße?

Celik: Ich werde nicht täglich schlecht behandelt. Aber viele sagen nicht die Wahrheit. Meinem Vater gegenüber, Besitzer einer typisch türkischen Imbissbude, sind viele Kunden sehr freundlich, haben aber ganz schlimme Meinungen über Ausländer und Migranten. Das erlebe ich auch. Diese Falschheit, die es allerdings auf beiden Seiten gibt, trifft mich sehr. Mir sind ehrliche Menschen lieber.

Waren Ihre Kollegen in der Planungsabteilung der Stadtverwaltung überrascht, oder sind Migranten dort schon normal?

Celik: Migranten im öffentlichen Dienst sind noch keine Normalität. Ich war aber sehr positiv überrascht, wie viele sich darüber gefreut haben, dass ich da bin. Angefangen von der Dezernentin über den Abteilungsleiter bis zu den Mitarbeitern. Ich fühle mich dort gut aufgenommen. Die Kollegen sind sehr interessiert an mir, an der türkischen Kultur, auch am Islam. Im Ramadan haben sie sich sogar bemüht, nicht in meiner Gegenwart zu essen. Ich spüre sehr großen Respekt und sehr freundliche Aufnahme. Damit habe ich in dem Ausmaß nicht gerechnet.

Welche Rolle spielte Sprache in Ihrem Werdegang?

Celik: Eine große. Als Kleinkind habe ich zuerst Türkisch gelernt. Aber noch bevor ich in den Kindergarten kam, fing meine Mutter an, mir beide Sprachen beizubringen. Sie fand es wichtig, dass ich die Sprache des Landes spreche, in dem ich lebe. Das ist der Zugang zu allem. Das war meinen Eltern wichtig, und ich sehe das heute auch so.

Sprechen Ihre Eltern auch beide gut Deutsch?

Celik: Nein, mein Vater hat nur über die Arbeit Deutsch gelernt und kann immer noch nur gebrochen Deutsch. Meine Mutter ist nach Deutschland gekommen und wurde gleich eingeschult. Das war sozusagen Power-Learning. Dann hat sie hier ihre Friseurausbildung gemacht und als Friseurin gearbeitet. Sie spricht fließend Deutsch. Das war ihr eigenes Interesse.

Sie engagieren sich bei inuba e.V. Was macht der Verein?

Celik: Das Hauptaugenmerk ist, Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf dem Weg in die Ausbildung und den Beruf zu helfen: Wie schreibe ich eine Bewerbung, wo finde ich einen Studienplatz in einem bestimmten Fachbereich, wie finde ich einen Ausbildungsplatz? Wir sind aber zum Beispiel auch in die Organisation des Tags der Integration oder den Berufsinformationsabend am Geschwister-Scholl-Gymnasium involviert.

Waren es Ihre eigenen Erfahrungen, die Sie veranlasst haben, die Vereinsgründung zu initiieren?

Celik: Zum Teil: Ich kam von einer Schule mit hohem Migrantenanteil in ein Studium, in dem ich der einzige Migrant überhaupt war. Ich habe mich gefragt, warum. An der Attraktivität des Fachs Geographie wird es wohl nicht gelegen haben. Viele Migranten haben Probleme mit dem Abitur, viele finden keinen Ausbildungsplatz, schreiben zahllose Bewerbungen und bekommen nur Absagen. Dann sind sie frustriert und glauben, dass der Grund ihre Herkunft ist. Meistens sind es aber Probleme, die leicht zu beseitigen sind. Wenn die Bewerbung mit „Alter, ich hätte gern einen Job“ beginnt, liegt der Grund für die Absage wahrscheinlich nicht daran, dass der Absender einen Migrationshintergrund hat. Mit dieser Arbeit im Verein will ich auch vermitteln, dass nicht immer alle den Migranten nur Böses wollen. Und dass lamentieren nicht hilft, sondern nur, die Probleme zu beseitigen.

7. Tag der Integration im Eurogress. Was passiert da?

Celik: Über 200 Organisationen, hauptsächlich von Migranten, gestalten den Tag: Stände, Mitmach-Aktionen, ein buntes Bühnenprogramm von traditionell bis modern, Kinderprogramm, die Welt-Küche. Alles aufzuzählen, wäre zu umfangreich.

Wie viele Menschen auf der Organisationsseite bringen Sie da in Bewegung?

Celik: Im Kernteam sind ungefähr 20 Organisationen vertreten. Insgesamt sind aber mehrere hundert Menschen aktiv. Eine Besonderheit ist ja, dass es nicht einen Ausrichter gibt, sondern wir gemeinsam den Tag gestalten.

Im Sinne der Integration wäre es ja sinnvoll, wenn der Tag nicht ausschließlich von Migrantenorganisationen gestaltet würde.

Celik: Richtig, das wünschen wir uns auch jedes Jahr. Die Veranstaltung ist offen für jeden. Aber bis auf einige größerer Firmen und Sportvereine ist die Beteiligung von deutscher Seite gering. Unser Anliegen ist, dass wir den Tag der Integration gemeinsam feiern.

Es gibt auch wieder eine Saalwette, in der Sie wesentlich involviert sind.

Celik: Gerd Mertens vom Büro der Regionaldekane, das ist einer der Hauptorganisatoren, schlägt in jedem Jahr eine Wette vor. Inuba e.V. und Low-Tec haben die Wette in diesem Jahr angenommen. Wir müssen 50 Familien mit Migrationshintergrund auf die Bühne bringen, die mit drei Generationen in Aachen leben.

Das sollte kein Problem sein, oder?

Celik: Haben wir auch gedacht. Aber es gibt gar nicht so viele, die hier in drei Generationen leben. Das beschränkt sich weitgehend auf die, die im Zuge der Gastarbeiteranwerbung schon sehr früh gekommen sind: Türken, Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien und Italiener. Oft ist die erste Generation aber auch schon wieder zurück im Heimatland, oder sie möchten sich nicht so gern auf der Bühne präsentieren. Wir sind also noch auf Unterstützung angewiesen.„ “ „ “

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