Integration Behinderter: „Barrieren abbauen – vor allem in den Köpfen“

Von: Max Stollenwerk
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Ihre Türen stehen immer offen – nicht nur für Menschen mit Behinderung: Jennifer Sieprath setzt die vieldiskutierte Inklusion bei der Beratungsstelle „KoKoBe“ in die Tat um. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Gegen Vorurteile, für Inklusion: Das Engagement für Menschen mit Behinderungen ist bei der Initiative „KoKoBe“ stets von einem ganzheitlichen Ansatz geprägt. Der Verein berät auch Betreuer und Angehörige behinderter Menschen oder generell Interessierte zu den Themen Wohnen, Freizeit und Arbeit. Im AZ-Interview berichtet „KoKoBe“-Leiterin Jennifer Sieprath über Erfahrungen, Erfolge und Erfordernisse ihrer Arbeit.

Was bedeutet „KoKoBe“, und was ist die Grundidee dahinter?

Sieprath: Die „KoKoBe“ ist ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für Menschen mit Behinderung, das der Landschaftsverband Rheinland vor etwa zwölf Jahren im gesamten Rheinland installiert hat. Es steht für Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle. Wir beraten Menschen hauptsächlich zu den Themen Wohnen, Arbeit und Freizeit, wobei das Thema Arbeit eher seltener gefragt ist.

Warum?

Sieprath: Das Thema Arbeit spielt bei uns eine eher untergeordnete Rolle, da wir nicht für die Vermittlung von Arbeitsangeboten zuständig sind. Wir sind jedoch eng mit verschiedenen Institutionen wie Werkstätten für Menschen mit Behinderung, der Arbeitsagentur, Schulen oder Selbstvertretungsgruppen vernetzt und können die Leute an die entsprechenden Stellen verweisen. Dort werden sie dann auf dem Weg ins Berufsleben begleitet.

An welchen Orten ist die „KoKoBe“ in der hiesigen Region tätig?

Sieprath: Wir haben zwei Beratungsstellen für die Stadt Aachen und für Würselen, jeweils gemeinsam eine für Eschweiler und Stolberg, für Baesweiler, Alsdorf und Herzogenrath sowie für Monschau, Simmerath und Roetgen. Hier vor Ort arbeite ich mit meinem Kollegen Michael Schneider zusammen, was eine große Bereicherung ist. Die „KoKoBe“ der Städteregion arbeiten als Trägerverbund zusammen. Dieser setzt sich aus dem Verein zur Förderung von Körper- und Mehrfachbehinderten (VKM), der Lebenshilfe, der Caritas Lebenswelten GmbH und dem Vinzenz-Heim zusammen. Darüber hinaus stehen wir im Kontakt mit anderen Anbietern des Wohnens, sowohl größeren als auch kleineren privaten Anbietern. Wir sind sehr bemüht, das facettenreiche Angebot in Aachen zu erfassen, sind aber auch auf Informationsweitergabe der Anbieter angewiesen.

Was ist das Hauptziel, das erreicht werden soll?

Sieprath: Alle Menschen haben das Recht, selbst über ihr Leben zu entscheiden. Unsere Aufgabe ist es, sie bei der Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu unterstützen und ambulante Angebote in den jeweiligen Region zu koordinieren und bedarfsgerecht weiter zu entwickeln. Unsere Arbeit ist personenzentriert: In Gesprächen wird ermittelt, was die zu beratenden Personen sich für ihre Zukunft vorstellen. Im Bereich Wohnen wird unter anderem darüber gesprochen, ob jemand eher in einem Wohnheim oder im Rahmen des ambulant-betreuten Wohnens, alleine oder mit seinem Partner in einer Wohnung oder eher in einer Wohngemeinschaft leben möchte. Es wird ermittelt, welche Ressourcen vorhanden sind und in welchen Bereichen Unterstützungsbedarf besteht.

Wie ist es denn um das Thema Wohnraum für Menschen mit Behinderung in Aachen bestellt? Ist genügend vorhanden und gibt es Probleme in diesem Bereich?

Sieprath: Es ist schwierig, passenden Wohnraum zu finden, besonders, wenn barrierefreie Wohnungen gesucht sind. Leider ist es immer noch so, dass man im Alltag auch auf Ablehnung stößt. Ziel muss es sein, Inklusion zu fördern, wegzukommen von Separation. Der Bedarf an Wohnraum ist grundsätzlich immer unterschiedlich. Viel wichtiger ist es jedoch, Barrieren in Köpfen abzubauen und Menschen mit Behinderung offener und ohne Vorurteile zu begegnen. Inklusion ist das Ziel, aber auch der Weg dorthin.

Wie sieht die Arbeit konkret im Bereich Freizeit aus?

Sieprath: Ganz vielfältig. Das Spektrum geht von der Karnevalsfeier, die wir letzte Woche organisiert haben, über einen regelmäßigen Treff bis hin zur Antragsstellung für eine Freizeitbegleitung. Diese kann eingerichtet werden, wenn Menschen mit Behinderung bezüglich ihrer Freizeitgestaltung gerne Unterstützung hätten. Zudem sind wir zurzeit in den Vorbereitungen für ein inklusives Theaterprojekt. Mit einem Theaterpädagogen wollen wir ein Stück entwickeln, in dem es zunächst keine Vorgaben geben soll. Wir möchten alles mit der Gruppe erarbeiten. Die Beteiligten sollen sich trauen zu sprechen, ihre Art des Ausdrucks kennenlernen und Zutrauen in ihr Können entwickeln. Jeder, der Interesse am freien Theaterspiel und Lust hat, dieses in der Gemeinschaft zu entwickeln, kann sich sehr gern jetzt schon melden. Denn es soll schließlich ein inklusives Projekt werden. Seitens des Landschaftsverbandes wird den „KoKoBes“ ein gewisses Budget zur Verfügung gestellt, das die Klienten bei der Teilhabe unterstützen soll. Personen, die eine Beeinträchtigung haben, in ihrer eigenen Wohnung leben oder sich auf den Auszug vorbereiten, können pro Jahr einen Zuschuss für Freizeitaktivitäten von insgesamt 30 Euro bei uns erhalten. Wichtig ist es vorab zu klären, ob noch Mittel vorhanden sind.

Mit welchem Personenkreis stehen Sie hauptsächlich in Kontakt?

Sieprath: Unser Schwerpunkt liegt auf Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen und Lernschwierigkeiten. Aber wir unterstützen auch Menschen mit körperlichen Behinderungen. Wir haben in der Beratung oftmals eine Lotzenfunktion. Wir sind mit vielen weiteren Institutionen vernetzt, so dass wir bei Bedarf Kontakte herstellen. Unser großer Vorteil ist, dass wir trägerneutral arbeiten. Das heißt, dass wir danach gucken können, was der Klient gerade braucht. Wir sind frei in unserer Arbeit und können die Menschen bedarfsgerecht und vor allem niedrigschwellig unterstützen. Das ganze Beratungsangebot ist zudem natürlich kostenlos.

Können auch Betreuer Kontakt zur „KoKoBe“ aufnehmen?

Sieprath: Selbstverständlich. Neben den Klienten selbst beraten wir auch deren Betreuer, Angehörige, andere Institutionen oder auch grundsätzlich interessierte Leute, die Fragen zu einem bestimmten Thema haben. Wir sind dabei in einem stetigen Austausch mit anderen Institutionen und aktiv in Arbeitskreisen vertreten.

Wie viele Personen beraten Sie zurzeit?

Sieprath: Eine genaue Zahl zu nennen ist schwierig, da die Personenzahl ständig schwankt. Außerdem haben wir Fälle mit ganz unterschiedlicher Intensität. Während in manchen Situationen ein oder zwei Telefonate ausreichen, müssen manche Personen über einen längeren Zeitraum unterstützt werden.

Können Menschen in jedem Alter zu Ihnen kommen?

Sieprath: Wir beraten grundsätzlich Personen ab dem 18. Lebensjahr. Aber gerade eine anstehende Volljährigkeit bringt viele Fragen mit sich, so dass dahingehend natürlich auch Beratungen stattfinden. Und auch falls eine minderjährige Person zu uns kommt oder deren Angehörige, werden wir diese nicht wegschicken, sondern beraten, und verweisen gegebenenfalls an die zuständige Stelle.

Seit dem Schuljahr 2014/15 gilt in NRW das neue Inklusionsgesetz an Schulen, das behinderten Kindern schrittweise den Unterricht an einer Regelschule ermöglichen soll. Wie stehen Sie zu diesem Gesetz, ist es aus Ihrer Sicht praxisnah?

Sieprath: Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Grundsätzlich sollte man jeden individuell betrachten und von Fall zu Fall entscheiden, da der Mensch im Mittelpunkt steht. Für manche ist dies sicher ein guter Weg, aber es sollte jeder für sich eine Entscheidung treffen dürfen und beurteilen, was für ihn am besten ist und was er braucht. Den Grundgedanken der Inklusion finde ich großartig; er wird durch die Behindertenrechtskonvention gefördert und wurde von Deutschland auch ratifiziert. Ein gemeinsamer Unterricht ist wünschenswert und ein schöner Gedanke, man muss jedoch sehen, welche finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt werden. Weiterhin wird es notwendig sein, den Personenkreis, den es betrifft, mit in die Umsetzung und Konzeptentwicklung einzubeziehen: die Schüler und die Lehrer.

Würden Sie Ihren Job als Traumjob bezeichnen?

Sieprath: Auf jeden Fall. Ich habe während meines Studiums bereits ein Praktikum bei der „KoKoBe“ gemacht. Mir macht die Arbeit an der Basis Spaß, und ich mag es, immer wieder neue Leute kennenzulernen und sie auf ihrem Weg zu unterstützen. Ich gehe jeden Tag wahnsinnig gerne zur Arbeit.

Was wäre Ihnen noch wichtig zu sagen?

Sieprath: Dass es wichtig ist, sich frühzeitig mit gewissen Themen zu beschäftigen, wie zum Beispiel dem Auszug. Ohne Druck kann man sich dann die Zeit nehmen, genau zu gucken, in welche Richtung es gehen kann.

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