„Inklusion ist mehr als nur ein Gesetz“

Von: Svenja Pesch
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Rollstuhlparcours in der Gemeinschaftshauptschule Drimborn: Die Kinder lernen hautnah, was das Leben mit einer Behinderung bedeutet. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Nach dem Warum hat Jens Mertens nie gefragt. Warum er sein Schicksal einfach so hingenommen hat? Vielleicht weil es keine Alternative gab, vielleicht weil er wusste, dass es schon irgendwie weitergehen wird. Oder vielleicht auch, weil Jens Mertens eine Kämpfernatur ist und stets versucht, das Beste aus der Situation zu machen.

Der 29-Jährige sitzt seit 20 Jahren im Rollstuhl. Muskelschwund lautet die Diagnose. Schon als Kind trug er Schienen an den Beinen bis er mit neun Jahren an den Rollstuhl gefesselt wurde. Heute, 20 Jahre später, macht er mit seinem Rollstuhl fast all das, was andere auch machen. Und er versucht, Kindern und Erwachsenen zu zeigen, wie der Alltag eines Rollstuhlfahrers aussieht.

Die Bezirksregierung Köln und der „Deutsche Rollstuhl Sportverband e.V.“ möchten durch das Projekt „Inklusion und Mobilität – Rollstuhlsport bewegt Schule“ Inklusion greifbar machen. Ute Herzog ist Förderschullehrerin und gibt regelmäßig Kurse an Schulen, zum Beispiel an der Gemeinschaftshauptschule Drimborn. „Durch das Projekt möchten wir für mehr Verständnis für Menschen mit Behinderung werben“, erzählt Herzog. „Der Blickwinkel soll sich verändern, und die Teilnehmer bekommen einen Eindruck von dem Leben eines Rollstuhlfahrers.“

Mertens wartet derweil, bis sich die Schüler in den Rollstuhl gesetzt haben. Zunächst wirken sie alle etwas unsicher und kaum sitzen sie, gehen sie auch schon los, die vielen Fragen. „Wie kommst du denn über hohe Bordsteine“, „warum bist du überhaupt im Rollstuhl“ und „wie gehst du mit Treppen um?“ Zu erleben, wie man sich als Rollstuhlfahrer fühlt, ist sicherlich eine gute Möglichkeit, um mehr Verständnis füreinander zu entwickeln, aber sind die neugierigen Fragen der Schüler nicht etwas zu gewagt? Mertens lacht und erwidert: „Ich finde das super, dass hier alles gefragt wird. Jeder sieht, dass ich Hilfe brauche, warum soll ich also nicht auch darüber sprechen? Da bin ich ein ganz lockerer Mensch und habe keine Probleme, über mein Leben zu sprechen.“

Lehrerin Doris Preußen und ihre Fünftklässler hören den Worten des begeisterten Elektro-Rollstuhlhockey-Spielers aufmerksam zu. Und alle merken schnell: Der Alltag hält trotz vieler inklusiver Maßnahmen einige Tücken bereit. Mertens möchte weiter für einen selbstverständlicheren Umgang von Behinderten und Nichtbehinderten kämpfen. Fragt man ihn nach dem Warum, so beantwortet sein Lächeln und die sichtlich beeindruckten Gesichter der Schüler die Frage auch ohne Worte.

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