„Inklusion gelingt, wenn jeder einen Beitrag leistet“

Von: Carolin Cremer-Kruff
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„Für eine barrierefreie Welt“: Gudrun Jörißen und Heinz-Josef Scheuvens bilden seit zwölf Jahren die Doppelspitze im Vinzenz-Heim. Heute erzählen die beiden, wie rasant sich die Einrichtung für Behinderte in den vergangenen Jahren entwickelt hat – und welche Herausforderungen jetzt anstehen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Rund 280 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit verschiedenen Behinderungen sind in den Häusern des Vinzenz-Heims in der Städteregion zu Hause. Weitere 55 werden in ihrer eigenen Wohnung ambulant betreut. 112 Jahre besteht das Stammhaus in Burtscheid bereits.

Neben verschiedenen Wohngruppen gibt es mittlerweile auch zahlreiche ambulante Angebote und ein Berufskolleg mit Internat. Das Motto „Im Mittelpunkt der Mensch“ ist hier keine Floskel auf Papier, sondern wird gelebt. Gudrun Jörißen und Heinz-Josef Scheuvens bilden seit zwölf Jahren die Doppelspitze der Einrichtung und erzählen im Interview unter anderem, wie Inklusion gelingen kann.

Viele Aachener kennen das Vinzenz-Heim, die wenigsten können jedoch eine genaue Beschreibung abgeben. Machen Sie diese Erfahrung auch?

Jörißen: Ja, manche denken noch, hier werden nur Kinder betreut, oder man kennt noch die alte orthopädische Klinik aus dem letzten Jahrhundert. In den letzten 20 Jahren hat sich die Einrichtung durch neue Angebote jedoch sehr erweitert und verändert. Auch der Blick auf Menschen mit Behinderungen ist heute ein anderer: Statt Fürsorge stehen Unterstützung zur Teilhabe und Selbstbestimmung im Vordergrund. Ein Beispiel: Die Fachtagung „Sex, Liebe, Lust – zum Umgang mit Sexualität in Einrichtungen der Behindertenhilfe“ im vergangenen Jahr hätte es früher so nicht gegeben.

Wann wurde der Grundstein gelegt?

Jörißen: 1905 wurde das Vinzenz-Heim in Burtscheid unter dem Dach der Josefs-Gesellschaft gegründet. Zunächst lebten hier sieben körperbehinderte Kinder und Jugendliche. Heute nutzen 518 Menschen mit Behinderungen zwischen sechs und 89 Jahren unsere Angebote. Auch die Arten der Behinderungen haben sich geändert. Ausschließlich körperbehinderte Menschen sind bei uns kaum noch anzutreffen. Heute begleiten wir Menschen mit geistiger Behinderung oder Mehrfachbehinderungen und in den letzten Jahren verstärkt Menschen mit Verhaltensauffälligkeiten wie Autismus-Spektrum-Störungen. Auf der Grundlage aktueller fachlicher Konzepte haben wir so im Laufe der Zeit viele differenzierte Angebote an zehn verschiedenen Standorten in der Städteregion entwickelt.

Scheuvens: Vor 25 Jahren hatten wir 64 Plätze im Erwachsenenbereich, heute sind es bereits 186. Zwischen 1998 und 2013 sind in enger Abstimmung mit unserem Hauptkostenträger, dem Landschaftsverband Rheinland, sieben Neubauten, Wohnstätten und ein Mietshaus sowie eine Beratungsstelle realisiert worden, so dass wir heute als innovative, fachlich anerkannte und zertifizierte Einrichtung gut aufgestellt sind. Gerade erst sind wir zum dritten Mal mit dem Qualitätssiegel „Equass Assurance“ zertifiziert worden.

Die Einrichtung bietet aber nicht nur Wohnmöglichkeiten.

Jörißen: Unser Herzstück ist nach wie vor der stationäre Wohnbereich mit vielen kleinen Gruppen. Hinzu kommt die ambulante Betreuung von Erwachsenen, die in ihren eigenen Wohnungen leben. Mit drei anderen Trägern haben wir eine Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle in Alsdorf ins Leben gerufen. Familien, deren Kinder mit Behinderung zu Hause leben, unterstützen wir mit dem Familienunterstützenden Dienst „Vita“. So können Familien, wenn sie Entlastung brauchen, ihr Kind freitags oder samstags oder in den Ferien zu einem Angebot anmelden oder Betreuung zu Hause in Anspruch nehmen. Inzwischen wird dieses Angebot von über 90 Familien genutzt.

Apropos Entlastung für Familien: Sie bieten auch Kurzzeitplätze.

Scheuvens: Das stimmt. Ab Mai 2017 wird eine neue Kurzzeitwohngruppe mit sechs Plätzen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene aus Stadt Aachen, Städteregion sowie aus den Kreisen Düren und Heinsberg geschaffen. Es gibt auch einen Gästeplatz für Erwachsene.

Seit 60 Jahren verfügt das Vinzenz-Heim auch über eine eigene Schule.

Scheuvens: Ja, das Vinzenz-von-Paul-Berufskolleg für Wirtschaft und Verwaltung mit circa 80 Schulplätzen ist ein wichtiges Standbein. Dort können junge Menschen mit Behinderung den Hauptschulabschluss nachholen oder die Fachoberschulreife mit kaufmännischem Schwerpunkt erwerben. Die Besonderheit ist, dass für Schüler, die von außerhalb kommen, ein Internat mit 39 Plätzen bereitsteht.

Wie wichtig ist Ihnen die Förderung der Selbstständigkeit von Menschen mit Behinderung?

Scheuvens: Dort, wo wir Menschen in einem selbstständigen Leben fördern können, tun wir das auch. Bereits Kinder und Jugendliche bereiten wir frühzeitig auf ein möglichst selbstständiges Leben vor. Hierzu gehört auch, die Angebote im Sozialraum zu nutzen. Die Sportvereine, zum Beispiel BTB und BTV in Burtscheid, spielen hier auch eine wichtige Rolle.

Jörißen: Bei mehrfachbehinderten Menschen ist der Betreuungsbedarf natürlich sehr hoch. Aber auch hier ist einiges möglich. Mit jeder Person wird individuell ermittelt, welche Unterstützung genau nötig ist, um die eigenen Teilhabeziele zu erreichen. Für manch einen wird der Lebenstraum einer eigenen Wohnung wahr, für andere ist eine unserer festen Wohngruppen mit 24-Stunden-Betreuung besser geeignet. Das heißt aber nicht, dass alles so bleibt, wie es einmal festgelegt wurde. Wichtig ist, dass unsere Fachkräfte regelmäßig überprüfen, ob sich Lebensumstände oder Vorstellungen der Bewohner geändert haben.

Seit vielen Jahren ist das Wort „Inklusion“ in aller Munde. Wie setzen Sie Inklusion um?

Scheuvens: Auf vielen Ebenen. Unsere Vision ist eine inklusive Gesellschaft, an der alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können. Zum einen ist das Stammhaus des Vinzenz-Heims ein fester Teil von Burtscheid. Unsere Bewohner nehmen außerhalb der Einrichtung am öffentlichen Leben Teil. Zum anderen sehen wir uns als Gestalter von Inklusion in der Städteregion. Wir kennen den Personenkreis genau und tun alles Mögliche dafür, diese Menschen in der Schule, in den Wohnbereichen und in ihrer Teilhabe an der Gesellschaft zu unterstützen. Was ich vermisse, sind allerdings ernsthafte Angebote auf dem Wohn- und Arbeitsmarkt. Dort findet nach wie vor Ausgrenzung statt. Wenn diese Grundlagen fehlen, ist Inklusion natürlich schwierig. Realistisch betrachtet, wird Inklusion daher noch ein langer Prozess sein, der nur gelingen kann, wenn jeder seinen Beitrag dazu leistet.

Jörißen: Genau. Inklusion braucht viele Partner und Netzwerke, das kann man nicht alleine leisten. Wir bilden mit anderen Trägern den KoKoBe-Verbund und haben Beratungsstellen eingerichtet. Wir sind in regionalen Gremien und Arbeitsgruppen, gehören zum „Wir alle“-Trägernetzwerk. Unsere Kontakte zu Förderschulen, Trägern der Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, Ärzten und Kliniken sowie örtlichen Pfarrgemeinden, insbesondere St. Gregor, sind gut. Auch die Teilnahme an Veranstaltungen wie Karnevalszügen, Sternsingeraktion und Erntedankfest sind Beispiele. Wir verstehen Inklusion aber nicht allein in eine Richtung. Daher haben wir uns in den letzten Jahren sehr stark nach außen geöffnet. Wir laden Menschen ein, auch uns zu besuchen, vor allem zum jährlichen Sommerfest. Unsere Cafeteria bietet montags bis freitags einen Mittagstisch, was viele Burtscheider und umliegende Firmen nutzen.

Noch einmal ein Blick zurück: In den Anfängen kümmerten sich Ordensschwestern um die Bewohner. Wie viel Beschäftigte gibt es heute im Vinzenz-Heim?

Scheuvens: Rund 450. Wir sind ein sehr großer Arbeitgeber in der Städteregion, was die wenigsten wissen. Wir bilden auch aus: Zurzeit haben wir 30 Auszubildende, viele in der Ausbildung zur Heilerziehungspflege.

Wie begegnen Sie dem Fachkräftemangel, der ja auch einige soziale Berufe betrifft?

Scheuvens: In den letzten acht Jahren haben wir uns im Bereich Personalentwicklung neu aufgestellt, zum Beispiel mit modernen Personalentwicklungsmaßnahmen wie einem hochwertigen und breit gefächerten Fortbildungsangebot für Mitarbeitende, Mitarbeiterentwicklungsgesprächen, Gesundheitsmanagement, einer aktiven Mitarbeitervertretung und einer professionellen Personaleinsatzplanung. Wenn ein Mitarbeiter heute in ein Unternehmen kommt, schaut er nicht allein auf seinen Gehaltszettel, sondern auch darauf, was er sonst noch geboten bekommt. Erst vor kurzem hat unser Träger eine flächendeckende Mitarbeiterbefragung durchführen lassen. Dabei haben wir richtig gut abgeschnitten. Die Ergebnisse waren sogar so gut, dass wir uns nun in der Kategorie „Deutschlands bester Arbeitgeber im Sozialbereich“ bewerben konnten. Ohne gute Mitarbeiter wäre das alles nicht zu leisten.

Welche Rolle spielen dabei ehrenamtliche Mitarbeiter?

Jörißen: Eine sehr große. Das merken wir zum Beispiel bei der Freizeitgestaltung unserer Bewohner. Es gibt auch bei uns Karnevalisten oder Fußballbegeisterte. Viele können aber nur mit einer Begleitperson etwas unternehmen. Und wenn Sie zwei Mitarbeiter für acht Bewohner im Dienst haben, dann wird das sehr schwierig. Ehrenamtler hingegen können diese Aufgabe übernehmen. Auch für die Bewohner hat das einen ganz anderen Stellenwert, wenn sie Kontakt zu einer Person von außen haben. Das bringt noch einmal eine ganz andere Qualität in die Betreuung, die über das hinausgeht, was wir in der Einrichtung selber bieten können.

Scheuvens: Jedes Jahr im November organisieren wir für unsere Ehrenamtler als Dankeschön ein Martinsessen. Ich war beeindruckt, wie voll der Saal beim Martinsessen im vergangenen Jahr war. Rund 100 Ehrenamtler sind zurzeit im Einsatz. Eine gute Mischung aus jungen Leuten und Menschen, die schon viele Jahre dabei sind. Wir benötigen allerdings noch weitere Ehrenamtliche als Begleitpersonen zu verschiedenen Aktivitäten. Wir freuen uns über neue Interessenten.

Und warum ist für Sie das Vinzenz-Heim der richtige Arbeitsplatz?

Scheuvens: Es ist beeindruckend, wie wertschätzend hier alle trotz der teils fordernden Arbeit miteinander umgehen. In dem Zusammenhang finde ich es wichtig, dass wir uns selbst immer wieder Fragen stellen, insbesondere welche Mitwirkungsmöglichkeiten unsere Bewohner und Mitarbeiter haben.

Jörißen: Es gibt Dinge, die haben sich über die Jahrzehnte zu Traditionen in unserer Einrichtung entwickelt. Unser Motto „Im Mittelpunkt der Mensch“ gehört dazu. Der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl sind hier einfach spürbar. Wir haben eine hoch motivierte und engagierte Mitarbeiterschaft. Und ich finde es eine spannende Aufgabe, die Einrichtung über viele Jahre gemeinsam weiterzuentwickeln.

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